Filmreihe

„Ich Capitano” – Wachstum durch Leid

Einmal quer durch die Sahara und über das Mittelmeer fliehen, um am Ende in Europa zu Musikstars zu avancieren. Die Handlung lädt geradezu ein, in diverse inszenatorische Fettnäpfchen zu treten. Stattdessen entfaltet sich in Matteo Garrones „Ich Capitano” eine Geschichte der persönlichen Entwicklung trotz unmenschlicher Strapazen – oder vielleicht gerade wegen ihnen.

Von Pavel Fridrikhs; Bilder: © Warner Bros./X-Verleih

Die Cousins Seydou und Moussa leben in der senegalesischen Hauptstadt Dakar und gehen dort in ihrem eng geknüpften Familienverband seelenruhig ihrem Alltag nach. Das soll zumindest von außen so wirken, denn parallel arbeiten sie sich auf dem örtlichen Bau ab, mit einem klaren Ziel: aus Afrika rauskommen und in Europa nach einem besseren Leben suchen. Dabei wirkt es auf der Leinwand nicht so, als wären sie in Dakar todunglücklich. Gerade Seydou kümmert sich liebevoll um seine vielen kleinen Geschwister, trommelt beim Volksfest wie ein Besessener und rappt später in Tandem mit Moussa vor den übrigen Stadtkindern gekonnt über ein Hip-Hop-Instrumental. Der Film macht schnell klar, dass die Musik im Leben der beiden eine tragende Rolle spielt – und dass sie darin ihre Zukunft sehen. Mit genug Geld für die gesamte Strecke nach Italien verschwinden sie eines Nachts ohne Vorwarnung. Naiv. Optimistisch. Ahnungslos.

Im Angesicht der Realität

Ab diesem Moment lässt Garrone jegliche Leichtigkeit fallen, mit der der Film begonnen hat. Auf jeder ihrer vielen Zwischenstationen erfahren Seydou und Moussa unsagbares Leid, Demütigung und schließlich auch ihre Trennung voneinander. „Ich Capitano” ist gut darin, Kontraste zu setzen und die Stimmung bewusst zu kippen (oder auch wieder aufzubauen), was vor allem in den Szenen in der Sahara ins Auge fällt. Seit dem Aufbruch der beiden Protagonisten wird ihre Familie kein einziges Mal mehr auf der Bildfläche gezeigt. Jegliche Gedanken an die Musik sind übrigens auch Geschichte, obwohl genau diese der Stein des Anstoßes war. Ein Beispiel für die tragische Nüchternheit des Films: In der Wüste scheut sich Garrone nicht, die dortigen Banditen Abführmittel an die Flüchtlinge ausgeben zu lassen, damit jene im Anus verstecktes Geld zutage fördern. Niemand teilt das den Zuschauer*innen des Films explizit mit, und das macht es umso schrecklicher, wenn sie es selbst in der Szene erkennen. Der nächste Moment dreht die Handlung – die Banditen reißen Moussa an sich, natürlich ohne Gründe anzugeben, und Seydous persönliche Entwicklung beginnt.

Frohsinn und Leidenschaft: Seydou geht in seiner Heimatstadt Dakar absolut in seiner Rolle als Musiker auf.

Sie ist das Herzstück von „Ich Capitano”. Von Moussa getrieben, war Seydou zuvor der Weichherzige und Unentschlossene von den beiden. Ab diesem Moment aber ist er gezwungen, seinen Cousin und besten Freund zu finden und nach Europa zu bringen. Dafür lernt Seydou von einem älteren Flüchtling, der von da an die Rolle eines Ziehvaters einnimmt, notgedrungen das Maurerhandwerk, grast später Tripolis nach Moussa ab, findet ihn nach dessen Flucht von den Banditen und übernimmt das Kommando über ein dubioses Boot, mit dem er sich und Dutzende anderer Flüchtlinge nach Europa bringen soll. Seine Entwicklung ist anschaulich und natürlich und als Außenstehende*r kommt deswegen auch viel Emotion auf: Seydous Werdegang ist seine höchstpersönliche Leistung und trotz seiner neu gefundenen Entschlossenheit behält er das Herz am rechten Fleck. All das findet sein Ende in der Ankunft vor der Küste Maltas, wo Seydou dem nahenden Hubschrauber gegenüber titelgebend proklamiert, dass er der Kapitän sei.

Heldenreise ex machina?

Mit dieser Szene endet der Film und er konnte wohl auf keine andere Art und Weise enden. Ein freudiges Erreichen des Festlands oder etwa eine Versenkung des Bootes durch die Küstenwache ließen keinen Raum für Spekulation. Die Offenheit wirft stattdessen die spannende Frage auf, ob sich Seydous und Moussas Mühen gelohnt haben oder nicht. Während die Schlussszene den Film stimmig abrundet und ihre Reise in Perspektive rückt, läuft es aber seit dem Moment, an dem Seydou Verantwortung übernehmen muss, für ihn ein wenig zu glatt. Seine Handlungen und die Ergebnisse davon sind schlüssig, aber viele Umstände meistert er  zu gut, als dass es realitätsnah wäre: Er stellt sich als hervorragender Maurer heraus, findet Moussa in der Millionenstadt Tripolis wieder und bringt das Boot – nachdem er zuvor noch nie eines betreten oder gesteuert hat – wohlbehalten nach Malta. Nachdem die erste Hälfte des Films eine Versinnbildlichung von Machtlosigkeit ist, ist die zweite Hälfte eine von Selbstverwirklichung. Dennoch: Man möchte, dass Seydou Erfolg hat und dass er es schafft, ist inspirierend.

Tag und Nacht kämpfen sich die Flüchtenden durch die Weiten der größten Wüste der Welt.

Die Zukunft ist ungewiss

Dieses Manko schmälert aber kaum die erzählerische Kraft von Ich Capitano”. Zwar könnte es unpassend sein, die hier erzählte Geschichte als einen klassischen Fall einer Heldenreise zu bezeichnen. Aus diesen Szenen schöpft der Film seine erzählerische Kraft. Wir wollen, dass Figuren auf der Leinwand, mit denen wir sympathisieren, ihre Ziele erreichen und glücklich werden. In dieses Schema passt Seydou, dem wir seinen Moment des Triumphes gönnen, den er sich hart erarbeitet hat. Und was nun? Es brennt unter den Nägeln, herauszufinden, was weiter mit dem frischgebackenen „Capitano” und seinem Freund passiert. Nur kann es gut sein, dass wir das in Wahrheit gar nicht erfahren wollen.

Ich Capitano” ist seit dem 4. April in deutschen Kinos zu sehen, wird aber derzeit in München nicht mehr aufgeführt. Der deutschlandweite Vertrieb des Films erfolgt durch die X Verleih AG. 122 Minuten.

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