Filmreihe

„Perfect Days“ – Eine Ode an die kleinen Dinge

In der Ruhe liegt die Kraft. Dieses Sprichwort muss Wim Wenders beim Dreh des Films stets vor Augen gehabt haben, denn fast jede Sekunde davon verströmt eine seltene Bedächtigkeit und Sorgfalt – und zeichnet uns so ein feines Charakterportrait.

Von Pavel Fridrikhs; Fotos: © DCM / 2023 Master Mind Ltd.

Was haben Kinogänger*innen wohl vor Augen, wenn sie einen Titel wie „Perfect Days” hören? Die Chancen stehen gut, dass im Kopf nicht zwingend die tägliche Routine eines Toilettenreinigers in Tokio auftaucht. Doch wenn man es ganz trocken formulieren möchte, lässt sich so die Handlung für Wim Wenders’ Film, welcher auch für einen Oscar nominiert wurde, ganz treffend formulieren. Die Zuschauer*innen folgen der Hauptfigur Hirayama durch einen kurzen Ausschnitt seines beschaulich wirkenden Lebens – und lernen, mit ihm die kleinen Höhen und Tiefen davon bewusst wahrzunehmen.

Tägliche Routine als Grundstein

Im Mittelpunkt steht in dem Film keine Handlung, sondern die Hauptfigur Hirayama. Im Morgengrauen sanft von den Klängen einer Straßenkehrerin geweckt, durchlebt er seine Wochen, Monate und Jahre auf eine sehr geregelte Weise. Er gießt stets seine vielen Pflänzchen, nimmt stets an gleicher Stelle seine Wertsachen im Flur mit und wirft beim Rausgehen auch stets einen Blick auf den Himmel. Seine repetitive Arbeit und seine Abende, die er sowohl in der örtlichen Imbissbude mit einem Glas Wasser als auch zuhause mit einem Buch in der Hand verbringt, laufen ähnlich konstant ab. Das Publikum sieht dabei alles ausschließlich aus Hirayamas Perspektive. Ab hier zeigen sich spannende Details: Trotz der Routine hält jeder Tag kleine Erlebnisse, Freuden und Rückschläge parat, die ihn einzigartig machen.  Darunter fallen sowohl Hirayamas flüchtige Blickkontakte mit Fremden als auch von seinem unbeholfenen Arbeitskollegen Takashi eingeleitete Ausflüge. Ein jeder Tag endet schließlich mit, zugegeben, überraschend ominös wirkenden Traumcollagen, die Hirayama mutmaßlich erlebt, bevor ihn das Leben in einen weiteren Tag wirft. Nichtsdestotrotz hat der Film gerade in der Mitte einige Längen, weil sich die Handlung nur wenig verändert und man als Zuschauer*in somit streckenweise das Gefühl bekommt, dass nichts Bedeutendes passiert. Das ändert sich aber, sobald mehrere Figuren auf der Bildfläche erscheinen, mit denen Hirayama intime Interaktionen hat und die ihn für die Charakterzüge wertschätzen, die sein Dasein ausmachen.

Selbst in Hirayamas Routine gibt es immer wieder außergewöhnliche Momente, wie den ungewollten Ausflug mit seinem Kollegen Takashi (links) und dessen Date Aya (rechts)

Die im Film vorkommende Musik verdient eine gesonderte Erwähnung, denn sie kommt nie aus dem Off, sondern spielt in Hirayamas näherer Umgebung. Das macht Perfect Days über weite Strecken sehr still, denn die Hauptfigur spricht außerordentlich wenig und lässt lieber sein Umfeld reden, während sie die Rolle des Beobachters übernimmt. Dabei zeichnet Wim Wenders Hirayama als einen Freund von älterer Musik sowie Rockbands aus den 60ern und auch von Musikkassetten. Die im Film ertönenenden Klänge untermalen also nicht nur die Szenen, sondern offenbaren uns weiter den Charakter von Hirayama. Mittels kleiner Szenen, die seine Wesenszüge und feineren Verhaltensweisen nüchtern darstellen, zeichnet der Hirayama-Darsteller Koji Yakusho den Charakter dabei durchaus als einen sehr positiven Menschen. Und dennoch wird man als Zuschauer*in das Gefühl nicht los, dass sich hinter der Fassade eine komplexere Vergangenheit verbirgt.

Ein Vorbild für sein Umfeld

„Perfect Days” macht diese nie explizit, aber sie scheint im starken emotionalen Kern des Films durch. Hirayamas gemeinsamer Tag mit seiner von ihren Eltern entlaufenen Nichte Niko etwa ist ein Highlight des Films. Ihr sehr warmes Verhältnis zueinander zeigt sich beipielsweise darin, dass Hirayama Niko eine persönliche Weisheit übergibt – „Nächstes Mal ist nächstes Mal und jetzt ist jetzt”. Sie wiederholen sie gemeinsam wie ein Mantra und entscheiden sich damit auf eine fast schon kindliche Art, im Moment zu leben. Die Ernüchterung kommt jedoch schon bald, als Nikos Mutter bei Hirayama aufkreuzt, um ihr Kind wieder abzuholen. Letzterer bleibt höflich und freundlich, doch es wirkt so, als wüsste er nicht recht, was er seiner Schwester sagen soll. Niko sträubt sich zu gehen, aber Hirayama setzt sich, trotz ihres Verhältnisses, nicht dafür ein, dass sie bleibt. Wim Wenders lässt offen, was Hirayamas Vorgeschichte ist und wie er zu seinem derzeitigen Leben kam und in diesem Augenblick wirkt Hirayama nahezu ängstlich. Nur selten zeigt ihn der Film so verunsichert und die Szene wirft die Frage auf, ob Hirayama nicht vielleicht versucht, seiner Vergangenheit den Rücken zu kehren.

Seiner Faszination für die Lektüre westlicher Klassiker kommt Hirayama nach, indem er ihr jeden Abend ein ganz eigenes Zeitfenster zuteilt

Das zeigt nur allzu deutlich, wie viel wohler sich Hirayama in der Gegenwart fühlt – eine Einstellung, die er mit in die Schlussszene des Films trägt. Beim Exmann der Inhaberin einer Kneipe, in der er ab und an einen Abend verbringt, wird Krebs diagnostiziert; er hat nur noch ein Jahr zu leben. Durch Zufall treffen er und Hirayama sich am örtlichen Flussarm und sprechen miteinander. Dieser Moment bietet nicht nur Hirayamas größten Redeanteil im gesamten Film, sondern auch ein Paradebeispiel für seinen starken Gegenwartsbezug: Die beiden betagten Männer spielen im Laternenlicht ein Spiel, das sie beide aus Kindheitstagen kennen und denken nicht an das Morgen. Am nächsten Tag beendet eine minutenlange, ununterbrochene Aufnahme von Hirayamas Gesicht auf dem Weg zur Arbeit den Film, während Nina Simones Klassiker „Feeling Good” im Autoradio läuft. Yakushos Mimik im gesamten Film ist grandios, doch gerade in dieser Szene läuft der Schauspieler zur Höchstform auf: Er zeigt in einem Zug Glück und Ruhe – und auch ein bisschen Wehmut. Sein Gesicht alleine erzählt dem Publikum mehr über ihn als es etwa ein Voiceover oder Monolog je könnte. Nicht, dass die übrigen Darsteller*innen keine guten Leistungen abliefern, aber das hier ist definitiv Koji Yakushos Bühne.

Slow and steady wins the race

,,Perfect Days” ist einer der seltenen Filme, der seinen Kern nicht in einer Handlung, einem Skript oder einem Konflikt findet, sondern in einer Figur. Es ist im Grunde ein kleines aber aussagekräftigtes Portrait eines Menschen, der uns von außen vielleicht nicht weiter aufgefallen wäre. Wim Wenders Werk zeigt, dass es aber nicht darum gehen muss, was in einem Film dargestellt wird und wie viel darin passiert, sondern dass schon eine einzige Person die treibende Kraft dahinter sein kann – und sei es jemand, der oder die von außen durchaus mondän wirkt. Damit erinnert ,,Perfect Days” etwa an Streifen wie Kogonadas ,,Columbus” aus dem Jahr 2017, die viel Wert darauf legen, die Handlung atmen zu lassen. Das „wie” schlägt eben auch manchmal das „was”.

Die deutsch-japanische Koproduktion kam am 21. Dezember 2023 in die deutschen Kinos und läuft derzeit noch im Arena Filmtheater in Originalversion. Die Filmlänge beträgt 123 Minuten und der Film wurde am 05. April 2024 von DCM auf Bluray und DVD veröffentlicht.

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