Wir sind alle Schlampen! – Teil 2

(c) Slutwalk München

„Schlampe: Mensch, der gerne Sex hat“, steht auf den Stickern, die den Slutwalk bewerben. Und darum geht es dem Slutwalk: Das Wort neu zu besetzen, gegen Sexismus zu kämpfen und sich mit Opfern von Vergewaltigung zu solidarisieren. Der Slutwalk München ruft am Samstag, den 21.07.2018, wieder zu einer großen Demonstration gegen Sexismus und für Solidarität miteinander auf. Unsere Autorinnen haben sich mit Patrick Becker, einem der Organisatoren, zu einem Interview getroffen, um ihn über die Hintergründe und die Namensgebung des Slutwalks zu befragen.

© Slutwalk München

Das Gespräch führten Paula Blömers, Laura Laabs und Franziska Stolz

Gibt es Gegenstimmen oder sogar ernsthafte Anfeindungen, sowohl online als auch direkt während des Slutwalks?

Gegenstimmen gibt es natürlich unfassbar viele. Sonst wäre das Thema ja nicht der Rede wert, sonst wäre es nicht so ein wichtiges Thema. Richtige Anfeindungen haben wir meines Wissens noch nie bekommen. Ich weiß nicht, ob unser Slutwalk in München bisher einfach noch nicht groß genug war, dass auch Leute, die das richtig scheiße finden, sich zu Wort melden. Das gab’s aber trotzdem schon immer, gerade beim Flyer verteilen, wenn du da stehst und wirklich aktiv auf die Leute zugehst und aktiv Werbung machst für das Thema und sagst: Kommt zu unserer Demo und schaut euch das an. Dann kannst du schon davon ausgehen, dass ein Viertel der Leute das erst einmal mindestens fragwürdig findet, was du machst, oder auch richtig scheiße. Weil der Feminismus an sich ja schon so ein riesiges Stigma hat, so was ganz Negatives zu sein. Eine Sache, die allen Männern etwas wegnehmen will und generell super verkrampft ist und allen den Spaß nehmen will.

Wie geht ihr damit um?

Das ist natürlich total scheiße und macht es uns sehr schwierig, denn in die Kategorie wird man dann super schnell reingesteckt. Und ganz oft kannst du den Leuten in der Zeit, die du hast, gar nicht richtig erklären, dass es was Gutes ist, was wir machen, wovon wir alle etwas haben. Gerade auf Facebook fangen wir auch gar nicht erst an zu diskutieren, das bringt nichts. Aber überwiegend bekommen wir positive Resonanz. Deswegen mache ich das so gerne, weil die Leute wirklich froh sind, dass wir das machen. Und eigentlich über 95 Prozent der Stimmen mir echt Mut geben und mich gerne das machen lassen, was ich mache. Mich freut das total, dass es Leute gibt, die das gut finden und die etwas verändern wollen. Und deswegen ist der Slutwalk auch für mich so etwas Positives, und die Demo selbst auch so eine schöne Sache, obwohl das Thema selbst so super ernst ist, ist das so empowering. Man soll die Dinge besser machen und das ist das Schöne daran.

Wer sind die Leute, die auf dem Slutwalk so mitlaufen? Sind es Leute aus allen gesellschaftlichen Schichten?

Ich würde sagen, das Publikum ist eher jung. Weil der Slutwalk eher, alleine der Titel schon, so ein bisschen was Jüngeres hat vielleicht. Aber das ist gar nicht unser Anspruch. Es sind schon wirklich aus allen Altersklassen auch Leute da, was ich super schön finde, aber ich würde sagen, es ist überwiegend eine jüngere Veranstaltung. Und auch auf jeden Fall überwiegend weibliche Teilnehmerinnen dort. Weil ja das Thema eben auch deutlich mehr Frauen erst einmal so betrifft, dass sie dagegen gerne auf die Straße gehen wollen.

© Slutwalk München

Aber es betrifft ja nicht nur junge Frauen und auch nicht nur hetero cis-Frauen, wendet sich der Slutwalk an jegliche Geschlechtsidentitäten und sexuellen Präferenzen?

In jeder Form des Aufrufs, zur Demo zu kommen, stellen wir immer klar, dass bei uns jeder willkommen ist. Gar keine Diskussion. Das ist wahnsinnig bunt, das ist total schön, da sind Leute aus allen Sparten dabei. Fakt ist, es gibt einen verhältnismäßig sehr kleinen Anteil weiblicher Täterinnen ( 1%) und unabhängig davon auch männliche Vergewaltigungsopfer, trans-Vergewaltigungsopfer. Diese Zahlen nicht zu erwähnen halten wir für falsch, da uns jede*r Überlebende wichtig ist und wir in dem Zusammenhang keine Geschlechter sehen. Man darf nur eben nicht außer Acht lassen, wie stark unterschiedlich die Zahlen dann doch sind.
Wir solidarisieren wir uns per se mit jedem Opfer, gar keine Diskussion, ganz klar, egal, wer du bist. In dem Sinne sind wir für dich da. Offen für jeden Menschen und froh über jeden Menschen.

Ist das das Ganze denn eher eine provokative Spitze, die ihr setzt, und eher ein bisschen ein Szene-Event ist, oder habt ihr eher einen gesamtgesellschaftlichen Anspruch, dass ihr eine breite Zielgruppe auch mit eurer Botschaft erreichen wollt?

Ja, ganz, ganz klar letzteres. Wir sind fest davon überzeugt, dass das Problem ein gesellschaftliches Problem ist. Dass die Strukturen, in denen wir aufwachsen, das einfach total provozieren, dass Ungerechtigkeit entsteht, dass Leute zu Täter*innen werden. Weil sie ihr ganzes Leben lang Sexismus erfahren haben, durch die Werbung, die Leute, die Politik, quasi alles, und andersrum so eben auch alle, die darunter leiden entstanden sind. Deswegen ist es uns völlig klar, dass wir uns an die gesamte Gesellschaft richten müssen und da setzen wir auch an. Das macht es natürlich wahnsinnig schwierig, aber wir möchten das Problem an der Wurzel bekämpfen, so gut es eben geht. Ja.

Möchtest du noch etwas loswerden?

Ja, ich möchte gerne zum Kommen aufrufen. Es ist sehr wichtig, dass wir viele Teilnehmer*innen sind, weil die Außenwirkung ganz anders ist. Damit das Thema mehr Gewicht erhält. Deswegen bin ich froh über jede und jeden, die und der kommt. Auch nach der Demo, aufeinander zu achten, auf sich selbst zu achten, das eigene Verhalten zu reflektieren und dass dieses ganze Thema, das eigentlich so unnötig ist, immer kleiner wird mit dem Lauf der Zeit. Und auch Alltagssexismus aktiv zu bekämpfen. Weil der völlig unnötig und super scheiße ist.