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Von Laim nach Lima

Nach dem Abitur erst einmal etwas von der Welt sehen – diesen Wunsch haben viele frischgebackene Schulabgänger*innen. Reisen, entdecken und dabei Gutes tun, das will der Freiwilligendienst Weltwärts ermöglichen. Ein Programm, das aber auch in der Kritik steht. Um was geht es dabei?

Von Ania Hoffmann Salán; Fotos: Adrian Pitschel

Es ist halb acht Uhr morgens in Pucallpa, Peru, schon jetzt hat es 25 Grad. Adrian sitzt auf seiner Terrasse – hinter ihm sind in der Zoom-Kachel rote Blüten erkennbar – und berichtet von seinem Weltwärts-Freiwilligendienst: Ein ganzes Jahr wird der 18-Jährige in Peru verbringen und in einem ethnobotanischen Garten aushelfen. Aus einem brachliegenden Feld entlang einer Straße soll wieder ein Regenwald nachgebaut werden, erzählt er. Es handele sich um ein Aufforstungsprojekt, offen zur Besichtigung – für Tourist*innen, aber auch peruanische Schulklassen. Auf die Frage, wie es dort aussieht, wie man sich den Garten vorstellen kann, sagt Adrian: Es gebe die chacra, den Aufenthaltsort, mit einer Wiese zum Fußballspielen, ein Volleyballfeld, ein kleines Auditorium, eine Küche, und auch Schlafmöglichkeiten; dahinter sei dichter Regenwald. Ananas, Kakao, Camu-Camu und Bananen wachsen dort.

Was ist Weltwärts?

Weltwärts ist ein 2008 ins Leben gerufenes Programm, das jungen Menschen aus Deutschland im Alter zwischen 18 und 28 Jahren einen Freiwilligendienst im Ausland ermöglicht. Über die Weltwärts-Börse bewerben sich Interessierte direkt bei gemeinnützigen deutschen Organisationen. Diese vermitteln jedes Jahr Freiwillige an verschiedene Projekte im Globalen Süden, die unter anderem in den Bereichen Umweltschutz, Gesundheit und Gleichberechtigung angesiedelt sind. Gefördert wird das Programm zu großen Teilen vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, den Rest der Kosten tragen die Organisationen, die die Freiwilligen entsenden.

Adrian bei der Gartenarbeit. Foto: Mik Rodriguez.

„Ich wollte immer sehr gerne etwas von der Welt sehen“, sagt Adrian. „Direkt studieren, das wollte ich eigentlich nicht.“ Über das Weltwärts-Programm wurde er an den Verein Ecoselva vermittelt, der unter anderem mit NGOs in Peru zusammenarbeitet. Sein Tag im ethnobotanischen Garten beginnt meist zwischen 7 und 9 Uhr, dann arbeitet er bis 12 oder auch mal bis 15 Uhr.  Anfangs sei er vor allem im Garten umhergegangen und habe versucht, zu helfen, wo er konnte – „auch wenn es nur das Bringen von Werkzeug ist.“ Inzwischen kenne er den groben Ablauf der Woche und unterstütze vor allem den Gärtner bei den anfallenden Arbeiten. Für die nächste Zeit sei geplant, das NGO-Haus zu renovieren, in dem Englischunterricht gegeben werden soll und Adrian vielleicht auch etwas Quechua, eine im Andenraum gesprochene indigene Sprache, lernen könne. Nachmittags hat Adrian frei, genauso am Montag und am Dienstag. Dann trifft er Freund*innen, die er in Peru kennengelernt hat, spielt                                                      Tennis, geht ins Kino.

Ansonsten möchte er seine freie Zeit im Laufe des Jahres zum Reisen nutzen.

Selbstreflexion und Persönlichkeitsentwicklung?

Freiwilligendienste wie Weltwärts sind allerdings nicht ohne Kritik. Der Haupteinwand: Vom Dienst im Ausland würden in erster Linie diejenigen profitieren, die ihn ableisten, dem Gastgeberland sei dadurch wenig geholfen. Was dabei häufig übergangen wird: Weltwärts versteht sich als Lerndienst. „Ziel des Programms ist es, dass Freiwillige einen Einblick in andere Kulturen erhalten, andere Blickwinkel kennenlernen, verstehen, wie die Lebensbedingungen im Globalen Norden und im Globalen Süden in Wechselwirkung stehen. Sie sollen ihre eigenen Lebenseinstellungen und Lebensweisen hinterfragen und zu nachhaltigem und solidarischem Handeln motiviert werden“, so Daniela Heblik, Referentin der Koordinierungsstelle für Weltwärts.

Die Organisationen, die für das Weltwärts-Programm ausgewählt werden, müssen bestimmte Kriterien erfüllen – unter anderem müssen sie ein Konzept zur pädagogischen Betreuung der Freiwilligen vorweisen können. Zur Sensibilisierung sowie zur Vor- und Nachbereitung müssen die zukünftigen Weltwärts-Freiwilligen mehrere Seminare besuchen – vor, während und nach dem Dienst. In diesen Seminaren soll unter anderem ein Verständnis über globale Interdependenzen sowie Machstrukturen und Rassismus vermittelt werden.

Seit seiner Ankunft in Peru ist für Adrian auch die Realisation gekommen: „Und jetzt merke ich aber immer mehr: Okay, also ich lebe hier, und es ist nicht nur Urlaub, es ist auch Arbeiten, es gibt auch Tage, die anstrengend sind. Es gibt Tage, wo ich nervlich einfach am Ende bin, weil es einfach zu viele Impressionen auf einmal sind. Ich finde, ich habe mich schon sehr viel verändert in dem halben Jahr oder nicht mal halben Jahr, wo ich noch Schüler war und jetzt eben Weltwärts-Freiwilliger in Peru.“

Wie sich Freiwillige auch nach dem Dienst engagieren, ist Heblik zufolge recht unterschiedlich. Manche begleiten zukünftige Freiwillige bei der Vorbereitung oder arbeiten später im entwicklungspolitischen Bereich. Andere gründen nach ihrer Rückkehr Organisationen und Gruppen, um sich weiterhin in dem entwicklungspolitischen Feld, in dem sie ihren Dienst absolviert haben, zu engagieren. Adrian wollte einen Dienst mit Umweltschwerpunkt ableisten. Daher liegt die Frage nahe, ob er auch später in dem Bereich tätig sein möchte. Vorstellen könne er es sich schon, ein paar Studiengänge dazu habe er sich bereits angesehen. Gefallen ist die Entscheidung für ihn aber noch nicht.

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