Sehen

Let´s talk about sex

Anna Konjetzkys intime Performance »About a session« spielte am 25. und 26. Januar in der Kammer 2 der Münchner Kammerspiele mit den Funktionsweisen und der gesellschaftlichen Bedeutung von Lust und Erregung.

About a Session © Gabriela Neeb

Von Carolin Wittmann

Nach #metoo diskutiert die ganze Welt, über Männer, die grapschen und Frauen, die sich bedrängt fühlen. Eine Vergewaltigung ist eine Straftat, aber was ist mit den kleinen täglichen Grenzüberschreitungen. Was ist Flirt? Was ist Belästigung? Die Schwierigkeit der Diskussion liegt darin, dass es auch immer um das Verhältnis zwischen zwei Menschen geht; um Spannung, Begierde und Abweisung. Über das Vorhandensein der Erregung oder die Abwesenheit. Um Kommunikation und Konsens.

Erregung erforschen

Sexualität ist ein bestimmender Faktor in unserem Leben, den wir wie das Bedürfnis nach Nahrung nicht einfach ausschalten können, sondern der unser Handeln prägt. Wir sind Körper, die sich durch den Raum bewegen und gelegentlich aneinanderprallen. Die Münchner Choreographin Anna Konjetzky stellt in ihrer neuesten Arbeit »About a session« eben diese Frage der zwischenmenschlichen Kommunikation der Erregung und Sexualität ohne dabei Stereotypen zu bedienen. Ihr Stück ist eine Mischung aus Lecture Performance und eigenen Erfahrungen. Den Rahmen bildet eben diese Session, also kein festes Konzept, sondern eine intime Form, bei der Grenzen gedehnt werden, um neue Erfahrungen zu sammeln. Dieser unverbindliche Charakter verleiht dem Stück eine Leichtigkeit, aber irritiert zugleich. Die Tänzer gehen gezielt auf das Publikum zu, sprechen es an, aber es entsteht keine Partizipation. Die Gruppen bleiben getrennt, der Zuschauer betrachtet die Tänzer in der Erforschung ihrer Erregung.

Den eigenen Körper befragen

Die vier Tänzer, Sahra Huby, Maxwell McCarthy, Quindell Orton und Victor Perez Armero, bilden den Kern der Performance. Ihre ganz persönlichen Erfahrungen und Vorlieben bilden die Handlung des Abends und die zwischenmenschliche Nähe im Team nach gut drei Monaten Arbeitszeit ist deutlich fühlbar. Eine Off-Stimme kommentiert die Handlung auf der Bühne, beschreibt die Tänzer und gibt ihnen so eine Rolle. Gleichzeitig sprechen diese für sich selbst, über ihre eigenen sexuellen Vorlieben und die gesellschaftliche Sexualisierung von Tänzern, während sie Stellungen und Masturbation tänzerisch imitieren.

About a Session © Gabriela Neeb

Bei den ersten Durchlaufproben zwei Wochen vor der Aufführung sind noch viele Fragen offen. Anna Konjetzky lauert wie eine Raubkatze am Rande der improvisierten Bühne. Ihre Körperspannung ist greifbar und wirkt zum Sprung bereit. Es geht ihr vor allem um die Idee des Kopfkinos, welches die Körper bewegt und den Dialog anstößt: »Fantasy is something that happens in your head.« Gleichzeitig greift sie einen wichtigen Aspekt der #metoo-Debatte auf: Fantasien können (in ihrer umfassenden Radikalität) nur frei ausgelebt werden, wenn sie im Kopf passieren. Alles andere ist Realität und wenn in einem Porno eine asiatische Frau von einem Baum hängt, tut sie dies tatsächlich.

Wir müssen reden

Doch Konjetzkys Rechnung geht nicht immer auf. Was bei einem Probenbesuch in kleinem Rahmen funktioniert, wirkte selbst in der kleinen Kammer 2 schon fast komödiantisch. Sie setzt auf das Spiel zwischen Unbehagen und Erregung des Publikums, das sie immer wieder durch gezielte Lockerungen auflöst, zum Beispiel über den Einsatz von Mainstream-Musik oder durch wissenschaftliche Statements. Zwar stellte sich zwischendurch eine unangenehme Sauna-Atmosphäre ein, die entsteht, wenn der Gegenüber etwas entblößt, was man nicht unbedingt sehen möchte und nun nicht ganz weiß, wie man sich zu verhalten hat. Dieses Gefühl von Unbehagen war sicher beabsichtigt, konnte aber durch das vereinzelte Lachen im Publikums nicht wirklich seine Stärke entfalten. In diesen Momenten läuft die Performance Gefahr, an Würde und Intimität zu verlieren.

Dennoch bleibt der ungezwungene Umgang mit dem Thema erfrischend und bietet gleichzeitig Raum zum Denken. Die Endbotschaft ist positiv und bestärkend und gerade im Rahmen des derzeitigen öffentlichen Diskurses aktueller und wichtiger denn je: »Let´s talk about sex! Wir alle haben Sex. Sex macht Spaß. Und danach gehen wir noch gemeinsam ein Bier trinken.«

Anna Konjetzky © René Liebert

 

Über die Autorin: Carolin Wittmann ist Studentin der Kunstgeschichte. Ihr Text entstand im Rahmen des Seminars „Sprechen/Schreiben für/über Tanz und Theater“ bei PD Dr. Katja Schneider.

Kunst im Kontext

KUNST IM KONTEXT war bis Ende des Sommersemesters 2019 eine Kooperation mit dem Department Kunstwissenschaften der LMU. Studierende der fünf Studiengänge Theaterwissenschaften, Kunstgeschichte, Kunstpädagogik, Musikwissenschaften und Musikpädagogik rezensierten Ausstellungen, Konzerte und Theaterinszenierungen, berichteten über berufliche Perspektiven nach dem Studium und schrieben über alles, was sonst noch so los ist an der Isar. Die Texte entstanden im Rahmen von Seminaren des Departments und in einem freien Redaktionsteam.

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