Venedig ist Kunst

The Unplayed Notes Factory © Clarissa Bluhm
Terzo Paradiso © Clarissa Bluhm

Die Biennale di Venezia ist eine internationale Kunstausstellung und zugleich die älteste unter den Biennalen. Die 57. Auflage verbindet Kunsthandwerke mit Venedigs Geschichte, verwebt Aluminium-Performances mit dem traditionsreichen Stadtbild – und gibt seltene Einblicke in das künstlerische Innenleben der Stadt auf Stelzen. Denn auch Venedig selbst ist reich an Kunst. Ja, man kann sogar sagen: Venedig ist Kunst.

Von Clarissa Bluhm

Seit gut zweieinhalb Monaten wohne ich in Venedig: eine geschichtsträchtige Kleinstadt, umgeben von Wasser, bevölkert von Fußgängern und Booten. Auf meinem Weg zur Uni überquere ich täglich sieben Brücken, bevor ich mit einem Wasserbus, dem Vaporetto, zu der Uni-Insel San Servolo fahre. Denn dort ist die Venice International University, an der ich momentan ein Auslandssemester mache. Die Überfahrt gelingt meistens problemlos. Nur gelegentlich streikt der öffentliche Nahverkehr und nachmittags müssen wir generell 30 Minuten warten, bis das nächste Boot zurück nach Venedig fährt. Dagegen ist Stammstreckensperrung hier ein Fremdwort und mit 25 Euro pro Monat ist das Semesterticket, mit dem wir auch die Busse auf dem umliegenden Festland benutzen können, deutlich moderater als andernorts. Was es hier jedoch im Überfluss gibt, ist Kunst. Ein kultureller Rundgang:

Kunst in der Stadt

In der Stadt ist einfach überall Kunst. Venedig ist ein Freilichtmuseum, ein dicht bebauter Komplex aus profaner und sakraler Architektur. Auch wenn es nur ein gotischer Bogen in einer Fensteröffnung in einem sonst unscheinbaren Wohngebäude ist. Die Kirchen und Paläste sind ausgestattet mit Zeugnissen aus mehreren Jahrhunderten, auf die man täglich trifft. Vor allem Kirchen gibt es hier viele. Das merkt man spätestens, wenn man auf der Aussichtsplattform des Campanile oder der Dachterrasse vom Kaufhaus der Deutschen steht und versucht, einmal alle Kirchtürme ringsum zu zählen. Ich habe es zweimal versucht und bin beide Male gescheitert. Auch neuere Kunst ist Teil des Gesichtes der Stadt. Gerade jetzt mit der stadtübergreifenden Ausstellung für zeitgenössische Kunst, der 57. Biennale di Venezia. Schon auf einer Bootsfahrt durch den Canale Grande kann man einen Blick auf monumentale Skulpturen erhaschen, die zu beiden Seiten der großen Wasserstraße aufgestellt sind und temporär mit den Häuserfassaden verschmelzen.

Die Biennale

Von Mitte Mai bis Mitte November findet dieses Jahr wieder die Biennale statt; diesmal unter dem Titel „VIVA ARTE VIVA“, kuratiert von Christine Macel. Zahlreiche Beiträge von Kunstschaffenden werden überall in der Stadt ausgestellt. Sie sind den teilnehmenden Nationalstaaten zugeordnet und werden in sogenannten Pavillons gezeigt. Neben den zwei zentralen Ausstellungsbereichen im Osten der Stadt, Giardini und Arsenale, gibt es zahlreiche Veranstaltungen und kleinere Events. Obwohl ich kunstinteressiert bin und hier seit geraumer Zeit residiere, ist es unmöglich, sich alles anzuschauen. Die in der Stadt verteilten Länderpavillons können kostenlos besucht werden und ermöglichen einen Einblick in die Palazzi und deren Innengärten, die sonst der Öffentlichkeit nicht zugänglich sind. Die hier ausgestellten Kunstwerke stehen oft im Dialog mit den historischen Gebäuden und deren teilweise erhaltener Innengestaltung und Einrichtung. Man ist sich durchgängig der Besonderheit seines Aufenthaltsortes bewusst. Venedig ist ein Gesamtkunstwerk, das man nur als solches betrachten kann.

Glaskunst auf Murano

The Unplayed Notes Factory © Clarissa Bluhm

Mit dem Vaporetto ist man schnell auf Murano, der für ihre Glasbläsereien berühmten Insel, bei Venedig. Hier kann man momentan die von Nicolas Bourriaud kuratierte Ausstellung The Unplayed Notes Factory von Loris Gréaud besichtigen. Untergebracht ist die Rauminstallation in einer seit 60 Jahren stillgelegten Glasbläserei, die an drei Tagen der Woche für drei Stunden zugänglich ist. Die Glasbläserei beherbergt eine Reihe von Brennöfen und wird durch die Installation sowie Rauch und Lichteffekte wieder zum Leben erweckt. Im Vergleich zu dem Glasmeister, der ein paar Häuser weiter in einem Ausstellungsraum ein einfaches Glaspferd für Schaulustige angefertigt und mich nicht mitreißen kann, erlebe ich hier mit allen Sinnen dieses alte Kunsthandwerk.

The Unplayed Notes Factory © Clarissa Bluhm

In einer Mischung aus Produktion und Performance stellt eine Glasbläserin behutsam unregelmäßige, geradezu deformierte Glaskugeln her; liebkost sie fast, bevor sie die abgekühlten Formen zerschmettert und einen neuen Klumpen Glas aus dem Brennofen holt, um die Arbeit zu wiederholen. Die Glasscherben werden dabei wiederverwendet und verkörpern den Kreislauf des Lebens, während das Material Bezug zur Örtlichkeit und seiner Geschichte nimmt.

Wie Blitze leuchten die herabhängenden Glaskugeln mit glimmendem Kern auf. Auch der dazugehörige Sound scheint ein Gewitter herauf zu beschwören. Durch die abgedunkelten Glasfenster dringen nur vereinzelte Lichtstrahlen. Man fühlt sich beengt und ist gleichzeitig fasziniert von dieser Welt, in die man hier eingetreten ist.

Alufolien-Performance auf Kirchenvorplatz

Die kleine Insel San Giorgio Maggiore liegt gegenüber des Markusplatzes. Hier ist im Rahmen der Biennale die Ausstellung One and One makes Three des italienischen Künstlers Michelangelo Pistoletto zu sehen. An einem kalten und windigen Nachmittag werde ich hier Teilnehmerin einer Performance. Vor der von Andrea Palladio entworfenen Basilika der Benediktinerabtei wird eine gigantische Rolle Alufolie abgerollt und fortlaufend von den Teilnehmenden zusammengeknüllt. Es soll das Zeichen des Terzo Paradiso entstehen, ein vom

Terzo Paradiso © Clarissa Bluhm

Künstler entwickeltes Symbol aus drei ineinander verflochtenen Kreisen. Die Vaporetto-Station direkt daneben bringt kontinuierlich neue Schaulustige, die das widerspenstige Band ergreifen und die abgerissenen Enden einfangen, die vom Wind sofort fortgetragen werden. Das Aluminiumband wird auf große Ballen gewickelt und am Boden platziert.

Dies alles geschieht mit Blick auf das Markusbecken und die prominenten Bauten der Lagunenstadt: Auf der gegenüberliegenden Seite sind der Dogenpalast, die Kirche Santa Maria della Salute und der Campanile zu sehen. Das Aluminium reflektiert das Wasser und nimmt damit ein bestimmendes Element der Örtlichkeit auf.

Nur in Venedig kann man mal eben nach der Uni noch bei einer Ausstellung vorbeischauen – oder spontan bei einer Performance mitwirken. Denn alles liegt so nah beieinander, und Gelegenheiten dafür werden sich noch oft ergeben.

Die Biennale di Venezia findet dieses Jahr von 13. Mai bis 26. November in Venedig statt. Für Studenten lohnt sich der Permanent-Pass, den es bereits für 45 Euro zu kaufen gibt, gerade im Hinblick auf längere Aufenthalte.

Über die Autorin: Clarissa Bluhm ist Bachelorstudentin der Ethnologie und Kunstgeschichte an der LMU und ist momentan für ein Auslandssemester an der Venice International University, Italien. Diese interdisziplinäre Austauschplattform bietet jeweils im Wintersemester englischsprachige Seminare zum Schwerpunkt Cultural Heritage an. Partneruniversitäten wie die LMU können hier sowohl Studierenden als auch Lehrenden die Möglichkeit geben, interkulturell verschiedene Disziplinen zusammenzubringen.