Harte Arbeit – Mit dem SPIELART-Festival über den eigenen Tellerrand schauen

Because I always feel like running © Ogutu Muraya

Wie stellt man die Komplexität des Kolonialismus in einem Festival für zeitgenössische Theaterformen dar? Diese Frage hat die Kuratoren Sophie Becker und Tilmann Broszat bei der Konzeption der diesjährigen Ausgabe des SPIELART-Festivals beschäftigt. Ihr Ziel ist es, dem Münchner Publikum internationales Theater zu bieten und Zugang zu anderen Theaterlandschaften zu ermöglichen. In 32 Aufführungen bekamen während der vergangenen zwei Wochen vor allem Künstler aus Südostasien und Afrika eine Plattform.

Because I always feel like running © Ogutu Muraya

Von Carolin Wittmann

Kolonialismus scheint 2017 in der Kunst- und Kulturwelt ein Modethema zu sein. Ein überaus Wichtiges, betrachtet man die Schäden, die Europäer in Afrika und Südostasien hinterlassen haben. Und die sich noch heute auf die Bevölkerung auswirken. Da aber immer noch wenig interkultureller Austausch stattfindet, gibt es in Deutschland zu wenig Vorwissen und Verständnis für das Thema: Die betroffenen Länder sind weit weg, der Kolonialismus lange her und „der Europäer“ sieht sich noch immer als Nabel der Welt.

Über den Tellerrand zu schauen, ist meist beängstigend und irritierend. Gleichzeitig hat es einen schalen Beigeschmack, wenn sich der weiße Mann zum Kämpfer der unterdrückten Schwarzen aufschwingt und andere Kulturen instrumentalisiert, um seine Botschaft anzubringen. Besonders hervorgetan hat sich dieses Jahr Kurator Adam Szymczyk, der auf der documenta 14 eindrucksvoll gezeigt hat, wie schief der Kampf gegen den weißen Mann laufen kann, wenn man selbst ein weißer Mann ist. Er versuchte zwar, sich in die Position der Schwächeren zu begeben. Aber es gelang ihm nicht überzeugend. Anstatt zu vermitteln, stellte er sein Konzept in den Vordergrund und ließ die Besucher oft ahnungslos und überfordert zurück.

Schonungsloses Storytelling

Dass es auch anders geht, zeigte nun vom 27. Oktober bis 11. November das internationale Theater- und Performancefestival SPIELART. Die Kuratoren Becker und Broszat stellten in diesem Jahr Künstlerpersönlichkeiten in den Vordergrund, die schonungslos und überraschend ihre Geschichten erzählen. Beispielsweise verkörpert Nora Chipaumire in »Portrait of myself as my father« den Kampf des schwarzen, afrikanischen Mannes während der Kolonialzeit. Es ist ein Kampf mit Gesellschafts- und Rollenbildern. Ein Kampf zwischen ihr und ihrem Vater, den Chipaumire im Boxring austrägt. Die Performance ist für westliche Maßstäbe unverständlich. Die extrem laute Musik und die sexistischen und stereotypen Monologe in vier verschiedenen Sprachen sind unangenehm. Trotzdem bewegt die Inszenierung den Zuschauer lange nach Ende des Stückes und bietet zahlreiche Denkanstöße.

Keine Kuschelveranstaltung

Die kuratorische Strategie, die dahinter steht, ist relativ einfach. Zuerst bekommt der Zuschauer ein paar Informationen vorweg, dann wird er durch die Performance geschockt, fasziniert oder irritiert. Und danach fängt man ihn mit Künstlergesprächen und Vermittlungsprogrammen wieder auf. Die Grenzen zwischen Schwarz und Weiß sollen abgebaut werden, indem man das Publikum zum Nachdenken bringt. „Verwirrung ist produktiv!“, so der Leitspruch. SPIELART ist keine Kuschelveranstaltung, sondern harte Arbeit.

Gleichzeitig fehlen dem hiesigen Publikum oft die Bewertungskriterien für afrikanische oder asiatische Theaterdarstellungen. „Bei schwarzen Künstlern gibt es keine Unschuld“, sagte Sophie Becker in einem Plenumsgespräch. So standen die Ästhetiken des Festivals immer wieder in der Kritik: Wenn ein schwarzer Künstler sich in seiner Aufführung europäischer Formen bedient, sei er nicht mehr authentisch, sondern versuche, sich dem Publikum anzubiedern, hieß es da etwa. Wenn er wiederum traditionell afrikanische Darstellungsformen nutzt, profitiere er vom Exotismus und könne nicht Ernst genommen werde. Afrikanische oder asiatische Kunst wird immer politisiert.

Mehr Inklusion

Diese Problematik vermieden viele Künstler auf dem Festival, indem sie Elemente des Erzähltheaters nutzten, um ihre individuellen Geschichten darzubieten. Beispielsweise erzählt Boyzie Cekwana in »The Last King of Kakfontein« von seinen Kindheitserinnerungen in Südafrika. Er hat als Kind häufig mit Autoreifen gespielt, die er nun im Bühnenbild verwendet. Sie stehen sowohl für die Kindheit des Künstlers als auch für den Kautschukabbau während der Kolonialzeit und der damit verbundenen Korruption und Gewalt. Im Gegensatz zu der biografischen Herangehensweise von Cekwana, erzählt Ogutu Muraya in »Because I always feel like running« die Geschichten von Marathonläufern, um die Auswirkungen Benito Mussolinis in Äthiopien zu verdeutlichen. Das Storytelling ist also ein wichtiger Aspekt der Kunst und zieht sich wie ein roter Faden durch die Aufführungen.

SPIELART hat einiges richtig gemacht, um dieses schwierige Thema zu bearbeiten. Sophie Becker kündigt an, das Festival in den nächsten Jahren noch weiter öffnen zu wollen. „Wir wollen mehr Inklusion betreiben“, sagte sie bei einer Diskussion. „Um internationalen Künstlern weiterhin eine Plattform in München zu bieten.“ Man darf also gespannt sein. München wird es nicht schaden, öfter über den Tellerrand zu schauen.

Über die Autorin: Carolin Wittmann ist Studentin der Kunstgeschichte. Ihr Text entstand im Rahmen des Seminars „Sprechen/Schreiben für/über Tanz und Theater“ bei PD Dr. Katja Schneider. 

Hinweis: Ein weiterer Artikel zum SPIELART-Festival erscheint voraussichtlich am Freitag.