Da funktioniert ein Buch wie eine Brücke

PHILTRAT: Ein biographischer Bezug wie bei Heißer Sommer liegt auch vielen Ihrer anderen Romanprojekte zu Grunde. Ist es überhaupt möglich, zu schreiben, ohne von der eigenen Lebenswirklichkeit, von biographischen Details auszugehen?

TIMM: Ich glaube, da würde eine ziemlich langweilige Literatur herauskommen. Es sei denn, es handelt sich um eine extrem selbstreferentielle, sprachorientierte Literatur. Aber selbst bei Leuten wie Gomringer, die sehr analytisch schreiben, flackert immer etwas rein, bei dem man merkt, das hat mit der Biographie zu tun. Für mich ist das regelrecht ein Qualitätsnachweis, wenn ich spüre, wie ein Text mit dem erzählenden Subjekt zusammenhängt, also mit dem Schriftsteller und seiner Emotionalität, seinen Interessen, seinen Ängsten und Hoffnungen. Das macht sich dann fest an Details, ohne dass man es exakt benennen könnte.

PHILTRAT: Formexperimente, wie sie Eugen Gomringer – der Begründer der Konkreten Poesie – und andere Avantgardisten verfolgten, haben Sie selbst nie gemacht. Ist Schreiben für Sie gleichbedeutend mit Erzählen?

TIMM: Ich habe schon lange Diskussionen geführt mit Leuten, die die gegenteilige Meinung vertreten und sagen, man könne heute gar nicht mehr erzählen. Das habe ich immer für total falsch gehalten. Aber obwohl es in den meisten anderen Ländern nie solche Vorbehalte gegen das Erzählen gegeben hat, war diese Haltung in Deutschland eine Zeit lang kanonisch. Das Misstrauen dem Erzählen gegenüber ist schon bei Hegel angelegt, vor allem ging es damals aber auf Adorno zurück. Und so lange dieser Einfluss bestimmend war, war die deutsche Literatur richtig langweilig. Das sind Verkehrsgebote wie bei der Polizei. Dabei kann man alles machen – es ist nur die Frage, wie man es macht und ob man adäquate Mittel findet.

DSC_4836-2PHILTRAT: Im Auftrag der UNO und des Fernsehsenders ARTE haben Sie vor kurzem ein Flüchtlingslager in Darfur besucht. Wie kam es zu diesem Projekt?

TIMM: Das ist ein Gemeinschaftsprojekt, für das ich zusammen mit drei französischen Schriftstellern in den Sudan gereist bin. Wir arbeiten an einer Dokumentation über die Lage in der Region. Dass gerade ich dafür ausgesucht wurde, liegt an meinem Roman Morenga. Und das ist natürlich schön, wenn man sieht, dass ein Buch, das vor fast 40 Jahren entstanden ist, immer noch wahrgenommen und gelesen wird. Als ich das damals geschrieben habe, haben alle gesagt, du bist verrückt, das interessiert doch keinen. Dabei hat es am Schluss sogar dazu geführt, dass die Figur Morenga in Afrika selbst wieder ins Bewusstsein der Leute gerückt ist.

PHILTRAT: Der Roman über den namibischen Rebellenführer Jakobus Morenga hat bei seinem Erscheinen 1978 im Alleingang die Debatte über die deutsche Kolonialgeschichte neu entfacht.

TIMM: Ja, damals waren die Kolonien des wilhelminischen Reiches ja noch positiv besetzt. Niemand wusste etwas von den Herero-Aufständen. Ähnlich war es dann auch bei Am Beispiel meines Bruders. Das Buch hat mit Blick auf den Zweiten Weltkrieg zum ersten Mal versucht, die Täter, ohne sie zu entschuldigen, eben auch als Opfer zu betrachten. Viele aus der jüngeren Generation haben sich danach neu an ihre Eltern gewandt und nach der Zeit im Krieg gefragt. Da funktioniert ein Buch wie eine Brücke: Man kann über etwas reden, weil die Literatur das kann.

PHILTRAT: Neben solch schweren Stoffen haben Sie als einer der ganz wenigen anerkannten Autoren aber auch die U-E-Barriere überschritten und Kinder- und Jugendliteratur geschrieben. Was hat Sie dazu bewogen, und warum machen Sie das heute nicht mehr?

TIMM: Ich schätze das nicht gering, im Gegenteil. Ich habe vier Kinder, und für jedes Kind habe ich ein Buch geschrieben, so einfach ist das. Entstanden sind sie immer aus einer mündlichen Erzählung. Die habe ich dann aufgeschrieben, verändert, den Kindern zu lesen gegeben oder vorgelesen, wenn sie noch nicht lesen konnten. Den Schatz auf Pagensand etwa hat meine jüngste Tochter gegengelesen, die war vielleicht elf. Sie gab mir den Text zurück und bei einer oder zwei Seiten hatte sie ein „W“ gemacht, für Wiederholung. Dann habe ich das geändert. (Lacht.) Inzwischen haben das ja viele Autoren gemacht, aber als ich in den 80er Jahren damit begonnen habe, war es fast tabuisiert, Kinderliteratur zu schreiben. Ich glaube diejenigen Autoren, die mit Kinderbüchern anfangen und später Bücher für Erwachsene schreiben, die haben es schwerer. Umgekehrt wird das verziehen. Das ist aber auch ein sehr deutsches Problem.

 

Das Gespräch führten Zeno Bampi und Theresa Hein

 

Infokasten:

Uwe Timm, geboren 1940 in Hamburg, lebt in München und Berlin. Nach einer Ausbildung zum Kürschner studierte er ab 1963 an der LMU Philosophie und Germanistik. Sein Debütroman Heißer Sommer (erschienen 1974) ist eine Reflexion auf die Studentenunruhen der späten 60er Jahre, ein Thema, dem er auch den Roman Kerbels Flucht (1980) widmete. Weitere Veröffentlichungen sind Morenga (1978), die Novelle Die Entdeckung der Currywurst (1993), Rot (2001) und Am Beispiel meines Bruders (2003). Zuletzt erschienen die Novelle Freitisch (2011) und der Roman Vogelweide (2013).

 

Fotocredit: Benjamin Réer