Da funktioniert ein Buch wie eine Brücke

PHILTRAT: Dass Universität so autoritär funktionieren soll, kann man sich heute besonders an einer geisteswissenschaftlichen Fakultät nicht mehr vorstellen. Haben Sie es als besonders scharfen Widerspruch empfunden, dass gerade da, wo literarische und philosophische Probleme behandelt wurden, zugleich ein Deutungsmonopol herrschte?

TIMM: (Lächelt.) Ja, das habe ich. Es gab Möglichkeiten, sich Freiräume zu erkämpfen – man konnte wechseln, bestimmte Seminare meiden – aber es gab auch Pressionen. Bestimmte Vorstellungen, was man bearbeiten und wie man sich Dingen nähern sollte, herrschten vor, Entscheidungen, die doch eigentlich der Freiheit des Geistes zugeeignet sein müssen. Und selbstverständlich gab es auch die Erwartung, dass man die Bücher der Professoren gelesen haben sollte. Mit individuellen Abstufungen zwar, aber grundsätzlich war das so.DSC_4829-2

PHILTRAT: War ein Studium unter diesen Bedingungen überhaupt noch bereichernd?

TIMM: Das natürlich schon. Diese Professoren waren ja doch auch alle unfassbar belesen, sehr fit, und man konnte, wenn man sich darauf einließ, sehr viel von ihnen lernen. Aber zugleich war diese Form, die gesamte Struktur doch überholt, mit dem Ergebnis, dass aus dieser Generation schließlich die 68er-Revolution hervorging. An der Universität herrschten noch teilweise mittelalterliche Strukturen, und das ganz Wesentliche an ’68 ist, dass die Problematik hier gezündet wurde.

PHILTRAT: Jüngere Rückblicke auf die 68er-Generation bieten oft eine romantisierte Darstellung der Studentenrevolten. Bei Ihnen dagegen bekommt auch der Studienalltag viel Platz eingeräumt. Warum war es für Sie wichtig, diese Erfahrung in Ihr Erzählen mit einzubeziehen?

TIMM: Für mich war das einfach wichtig. Mein Interesse dafür hängt vielleicht damit zusammen, dass ich mal in der sogenannten Arbeitswelt war. Da habe ich meinen Blick geschult für kleine Dinge, an denen sich Machtverhältnisse und Abhängigkeiten ausdrücken. Jetzt im Rückblick muss ich aber natürlich auch sagen, dass ich mich damals schon mit Ethnologie beschäftigt habe. Als ich in Paris war …

PHILTRAT: … wo Sie 1966/67 ein Studienjahr verbracht haben …

… ja, da habe ich auch Lévi-Strauss gehört, das war also ein mir bekannter Zugang. Daraus habe ich dann später die Alltagsästhetik entwickelt, die ich in den Paderborner Vorlesungen beschrieben habe, eine Alltagsethnologie, die kleine Abhängigkeitsverhältnisse genau registriert. Und auch, was die Leute essen, was sie tragen, wie sie sich geben, mein Interesse erstreckt sich auf alle Bereiche, die dazu beitragen, wie Menschen wahrgenommen werden.

PHILTRAT: Dann ist es also einem ästhetischen Konzept geschuldet, wenn Sie in einem Roman über die Studentenrevolten auch von Seminararbeiten erzählen, die nicht fertig werden, von Schweißausbrüchen in der Sprechstunde und von Kopfschmerzen beim Aufstehen?

TIMM: Beim Heißen Sommer ist das noch gar kein so bewusstes Konzept gewesen, solche Dinge gehen immer auch aus einer Selbstbeobachtung hervor. Ich hatte nie eine Schreibblockade wie Ullrich Krause, der Protagonist aus Heißer Sommer, aber ich hatte immer Angst davor und konnte mir ganz lebhaft vorstellen, was das heißt. Und ich habe es auch bei vielen Freunden erlebt. Ein Fall, den ich einmal beschrieben habe, war der eines Kommilitonen, eines ganz klugen Mannes, der in Philosophie über Aristoteles promoviert hat. Der konnte eines Tages nicht mehr in die Uni gehen. Dann haben wir ihn da hinbegleitet, erst alleine, dann zu zweit, dann zu dritt. Dann hat er abgebrochen. Und er wurde glücklich, weil er Gärtner geworden ist.