Zwischen den Zeilen der Gesellschaft – Martin Parr Ausstellung München

Knokke Le Zoute. BELGIUM. 2001 © Martin Parr / Magnum Photos und Kunstfoyer

Wo treffen Kitsch und Realismus aufeinander? Martin Parrs Fotografien halten Alltag und Menschsein in skurrilen Szenen fest.  Seine aktuelle Ausstellung im Kunstfoyer München eröffnet farbenfroh und doch kritisch den Blick auf die Konsumgesellschaft und Phänomene unserer Zeit.

Knokke Le Zoute. BELGIUM. 2001 © Martin Parr / Magnum Photos und Kunstfoyer

Von Franziska Reinhart

Es ist ein gleichsam dokumentarisches als auch humorvolles Sammelsurium des gesellschaftlichen Wahnsinns, perfekt betitelt als „Souvenir – A photographic journey“. Beliebte dargestellte Schauplätze: Die hässlichste und zugleich meist besuchte Strandpromenade Englands, Bad-Taste-Junggesellenabschiedspartys und Überbleibsel diverser Fotoboxen, die sich irgendwo zwischen Kitsch und Nostalgie bewegen. Die Protagonisten: Das menschliche Individuum irgendwo zwischen dem Moment der Eskalation und eiskalter Ignoranz gegenüber jeglicher Fremdwahrnehmung.

Martin Parr, der wahrscheinlich englischste Fotograf aller (Frei-)Zeiten, präsentiert mit seiner Ausstellung im Foyer der Versicherungskammer Bayern in München noch bis 28. Januar 2018 seine Mitbringsel aus fotografischen Ausflügen in die britische High Society oder in die klebrige Welt industrieferner Süßigkeitenfirmen, die immer noch auf Handwerk „Made in Britain setzen.

From ‘Think of England’. West Bay. Dorset. England. GB 1996 © Martin Parr / Magnum Photos und Kunstfoyer

Die Banalität des Alltags

„Souvenir“ präsentiert sich als eine Art abgeschminktes und fremdgesteuertes Instagram. Nur wird statt der digitalen Darstellungsform das digitale Fotoalbum hier zum  räumlichen Medium. Martin Parr agiert als Entscheidungsinstanz, welche eine Auswahl über Groteske und Authentizität der Aufnahme trifft. Er fungiert als Schöpfer, der die Gesellschaft im schwächsten Moment ihrer Social-Media-Persönlichkeit dokumentiert. Statt bewusster Selbstdarstellung entstehen Porträts des menschlichen Objekts, ohne dessen Kenntnis über die Aufzeichnungen durch einen stillen Betrachter. Es ist die Echtheit des Individuums, in all seiner Banalität und Zügellosigkeit, die hier vermittelt wird. Nicht mehr und nicht weniger als die ungeschönte Realität.

Wie kam der Hype um den Fotografen Martin Parr zustande? Einerseits ist es die Sensationslust der Masse, die Gier nach Unerhörtem und Lasterhaften. Andererseits zeigt Parrs Arbeit auch Spuren des Tele 5-Effekts: Trash, so schlecht und geschmacklos, dass er schon wieder unterhaltsam ist. Das Sympathischste an Parrs Fotografien? Er dokumentiert nicht nur als Außenstehender Szenarien, die ihm der skurrile Alltag bietet, er nimmt selbst daran teil. Eine ganze Wand widmet er Aufnahmen aus touristischen Fotoautomaten, die ihn dank auffällig unauffälliger Photoshop-Montagen mit allerlei Prominenz zeigen. Wäre er nicht Brite, würde man eventuell sogar vermuten, er könnte diese Selbstinszenierung ernst meinen.

From ‘Common Sense’. Munich. GERMANY 1997 © Martin Parr / Magnum Photos und Kunstfoyer

Stille Kritik

Neben dem vermeintlich Banalen findet man auch Fotografien, die nachdenklich stimmen. Paare, die sich gegenüber sitzen und sich gegenseitig doch nicht wahrnehmen. Der Rezipient hat hier viel Interpretationsspielraum. Soll ich mich dem Gegenüber aktiver zuwenden? Oder ist es sinnvoller sich zu trennen, wenn man sich nichts mehr zu sagen hat? Martin Parr dokumentiert nicht nur die banale Realität samt Witz und Extremszenarien, er hält dem Besucher auch einen Spiegel vor. Könntest das auch Du sein? Möchtest Du diese Wirkung, die jene Fotografie auf Dich hat, auch selbst erzielen? Martin Parr ist ein Gesellschaftsfotograf, aber gleichzeitig auch ein leiser Kritiker, der zwischen die Zeilen der Gesellschaft blickt und uns den Subtext offenbart.

Martin Parr: „Souvenir – A photographic journey“
Kunstfoyer der Versicherungskammer Bayern
noch bis 28. Januar 2018
Öffnungszeiten 9-19 Uhr
Der Eintritt ist frei

Über die Autorin: Franziska Reinhart studiert im 5.Semester Kunstgeschichte. Seit Herbst 2017 schreibt sie als freie Autorin für Kunst im Kontext.