Gut. Wahr. Schön. Eine Geschichte des Pariser Salons

  Jean Auguste Dominique Ingres: Die Quelle, 1856 © bpk | RMN – Grand Palais | Hervé Lewandowski

Von Tabitha Nagy


Jean Auguste Dominique Ingres: Die Quelle, 1856 © bpk | RMN – Grand Palais | Hervé Lewandowski

Gut. Wahr. Schön. Meisterwerke des Pariser Salons aus dem Musée d’Orsay, so heißt die aktuelle Ausstellung in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung. Wie der Untertitel zu erkennen gibt, stammen die gezeigten Werke aus dem Musée d’Orsay. In diesem Pariser Museum, einem in den 1980er Jahren umgebauten, denkmalgeschützten Bahnhof, werden speziell Werke der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gesammelt. Diese sind nicht auf ein bestimmtes Genre beschränkt: Im Musée d’Orsay werden Malerei, Skulptur, Design, Kunsthandwerk, Grafik sowie Entwürfe und Modelle der Baukunst gesammelt. Die meisten Werke wurden nach dem Bau von verschiedenen großen Pariser Museen an das Musée d’Orsay übergeben. Das entscheidende Kriterium war hierbei das Geburtsjahr der Künstler: von 1820 bis 1870.

Dieser umfangreiche Fundus eignet sich gut, um das Unterfangen der Ausstellung zu verwirklichen. Sie will uns die Geschichte des Pariser Salons und das französische Kulturleben im 19. Jahrhundert näher bringen. Thematisiert werden hierbei die Vorbilder der Salonmalerei, die Ausbildung der Künstler zu dieser Zeit, das Verhältnis des Salons zur Akt-Darstellung, staatliche Folgeaufträge sowie das Ende des staatlichen Salons und der Beginn des Salons der Künstler.

Die großen Vorbilder

Gleich der erste Raum führt uns an nur zwei Objekten die Vorbilder des Salons zu dieser Zeit vor Augen: Rechts an der Wand steht der Gipsabguss der antiken Venus Medici, vor uns blickt uns Ingres Die Quelle – ein weiblicher Akt – an. Ähnlichkeiten in der Darstellung sind sofort zu erkennen. In der Tat ist die Kunst der Antike das große Vorbild für die Salonmalerei und mit ihr die Renaissance, die ihrerseits schon einen Rückgriff auf die Antike bildete. So wurde von der Académie des Beaux-Arts, aus deren Funktionären sich die Mitglieder der Jury des Salons zusammensetzten, der Prix de Rome ausgeschrieben. Dieser Bestand aus einem Stipendium und einem mehrjährigen Aufenthalt in Rom für herausragende alleinstehende Künstler unter 30 Jahren. Dort fertigten die jungen Künstler Studien zu antiken Tempeln an, wie wir sie von Louis Boitte im zweiten Raum sehen können, und studierten die Meisterwerke der Antike und der Renaissance. Bei ihrer Rückkehr konnten diese Künstler mit staatlichen Folgeaufträgen, wie der Ausstattung öffentlicher Gebäude, rechnen. Diesen ist in der Ausstellung ein eigener Raum gewidmet, in dem unter anderen Studien für Skulpturen und Fresken der Nouvel Opera de Paris zu sehen sind.

Louis Boitte: Tempel der flügellosen Viktoria in Athen, 1870 © bpk | RMN – Grand Palais | Hervé Lewandowski

Die Regeln des Erfolgs

Der Weg zum Erfolg war klar strukturiert: Studium an der Académie des Beaux-Arts in Paris, Gewinnen des Rompreises und schließlich eine Ausstellung im Salon de Paris. Doch die Zulassungsbedingungen zu diesem, von Staat und Akademie bestimmten Terrain waren sehr streng. So wurde – neben der Voraussetzung herausragenden Könnens – nur die Historienmalerei, die sich mit der Darstellung antiker, biblischer und historischer Szenen befasste, zugelassen. Sie galt als „Höchste“ in der Gattungshierarchie. Zum Wettbewerb des Rompreises waren sogar ausschließlich antike oder biblische Szenen erlaubt. Einige Wettbewerbsbeiträge kann man im zweiten Raum der Ausstellung begutachten. Sie fallen inmitten der großformatigen Werke augenblicklich durch ihre geringe Größe auf.

Doch es gab zahlreiche weitere Einschränkungen. So war die Aktdarstellung durch das intensive Studium der antiken Statuen und der Verherrlichung dieser als das Edle, Gute und körperlich Schöne überaus beliebt. Dabei mussten die Akte aber stets mit der Antike in Kontext gesetzt werden, um sie zu legitimieren. Der nackte Körper sollte keine vulgäre Darstellung, sondern Übermittler und Verkörperung von Tugend sein. Die Verherrlichung von Tugend und gutem Geschmack, war ganz im Sinne des Staates. Ziel war es, die Bürger durch die Salonmalerei zu bilden. Auffallend ist auf den gezeigten Bildern das Fehlen der Genitalien. Sie sind oft durch ein günstig platziertes Stück Stoff, oder aber die entsprechende Positionierung des Körpers verdeckt. Ist die Scham einer Frau zu sehen, dann beschränkt sich diese auf ein fleischfarbenes „Dreieck“; Schambehaarung und andere Details fehlen gänzlich. Die Genitalien der Männer sind oft undeutlich gemalt, oder im Fall des Abel von Camille Félix Bellanger gar nicht zu erkennen. Frauenbrüste konnten zu sehen sein, allerdings musste die Dame im Begriff sein, sich zu bedecken oder abzuwenden. Dies ist auf die damalige Repräsentation und Idealisierung der „weiblichen“ Tugenden von Reinheit und Schamhaftigkeit zurückzuführen. Trotz dieser strengen Vorgaben wurde den Künstlern oft vorgeworfen, die Akt-Darstellung als Alibi zu verwenden: Durch die nackten Körper würde nicht die Lehre der Tugend, sondern nur die „leere Hülle“ dargestellt.

Das Ende des staatlichen Salons

León Bonnat: Hiob, 1880 © bpk | RMN – Grand Palais | René-Gabriel Ojéda

Im Jahr 1880 gibt der Staat den Salon an die Künstler ab, da die Zulassung als zu streng empfunden wurde und die staatliche Förderung sich zunehmend auf die Ausstattung öffentlicher Gebäude konzentrierte. Der Salon des Artistes Français war geboren. Schnell wurden die Vorgaben gelockert. So sind nicht allein triumphierende Helden und schöne junge Körper zu sehen, sondern auch geschundene Alte, wie zum Beispiel León Bonnats Hiob. Sogar kalte, starre Leichen wie im ausgestellten, düsteren Gemälde Jesus im Grab sind zu sehen. Letztlich wurde mit den ursprünglichen Idealen gänzlich gebrochen. „Neue Helden“ fand man in gefallenen Soldaten, streikenden Fabrikangestellten oder der Landbevölkerung. Letztere schienen den „neuen Idealen“ der Genremalerei von Charakter, Authentizität und Ursprünglichkeit am nächsten zu kommen.

Der letzte Raum verabschiedet den Besucher mit den märchenhaften, träumerischen Bildern des Symbolismus. Der Blütennebel der fantastischen Welten betört uns noch, nachdem wir die Ausstellung schon verlassen haben.

Die Ausstellung Gut.Wahr.Schön. bietet ihren Besuchern Einblicke in verschiedenste Ausschnitte der Thematik des Pariser Salons und seiner Rolle im Kulturbetrieb Frankreichs im 19. Jahrhundert. Neben den Gemälden sind auch Skulpturen, Möbel sowie kunsthandwerkliche Gegenstände zu sehen. Die Gemälde werden nicht in Salonhängung, sondern besucherfreundlich auf Augenhöhe in Galeriehängung präsentiert. Dazu wurden in jedem Raum umfangreiche, informative Texte in Deutsch und Englisch angebracht. Die Ausstellung ist noch bis zum 28.01.2018 in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung in München zu sehen.

Über die Autorin: Tabitha Nagy studiert im 5. Semester Kunstgeschichte und ist bereits seit 4 Semestern als Autorin bei KUNST IM KONTEXT dabei.

 

Gut. Wahr.Schön.
22. September 2017 – 28. Januar 2018

Täglich geöffnet von 10-20 Uhr
Eintrittspreis regulär 12 €, Studenten 6 €
Begleitprogramm siehe
Website

Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung
Fünf Höfe
Theatinerstraße 8
80333 München
T +49 (0)89 / 22 44 12
kontakt@kunsthalle-muc.de