Von Semmeln und Gleichberechtigung

Komfort Kuppel Komplex (c) Jörg Koopmann

Im Gespräch mit den Kuratoren Swantje Grundler und Thomas Mayfried über ihre Ausstellung »Komfort Kuppel Komplex« in der Lothringer13.

Komfort Kuppel Komplex © Jörg Koopmann

Das Interview führte: Carolin Wittmann

Ihr kuratiert die Ausstellung, die sich an den Texten der Philosophen Slavoj Žižek und Peter Sloterdijk orientiert. Žižek beschreibt die Idee einer Kuppel, welche die Gewinner der Globalisierung abschirmt. Peter Sloterdijk spricht über den „Weltinnenraum des Kapitals“, also die architektonischen Ausformung jenes Innenraumes. Habt ihr zuerst die Texte diskutiert und dann passende Exponate gesucht?

Swentje Grundler: Wir haben uns tatsächlich von Žižek ein bisschen helfen lassen, da er das Bild der Kuppel benutzt, um unsere westliche Welt zu beschreiben. Das fanden wir sehr beeindruckend, um mal zu fragen: Was passiert da unter dieser Kuppel? Wie ist es dazu gekommen? Welche historischen Wege sind wir gegangen, um unsere klimatische Situation von Sicherheit, Frauenrechten und sexuellen Rechten herstellen zu können? Auf der anderen Seite war da auch immer der Blick durch die Glasscheibe: Auf welchen Schultern passiert dies? Gibt es die Möglichkeit einer Durchlässigkeit? Dann haben wir uns anhand von historischen Artefakten, Design und Kunstwerken ein bisschen leiten lassen.

Thomas Mayfried: Die Texte sind eine Art Framework, um eine essayistische Ausstellung zu gestalten, die anhand der Kunstwerke die Fragestellung nicht als eine didaktisch-schulhafte Veranstaltung inszeniert. Das Ziel ist es, die retroperspektivischen, gegenwärtigen und futurperspektivischen Blicke, die man durch, aus und in dieser Kuppel haben könnte, in einer Art Parcours nachvollziehbar zu machen, um die wesentlichen Errungenschaften seit dem 20. Jahrhundert von einer anderen Seite Revue passieren zu lassen. Die unterschiedlichen Themenstränge stehen nicht unbedingt im Vordergrund, sondern sind durch die Kristallisation in den Ausstellungsobjekten einzeln zu erfahren.

SG: Es waren nicht nur die Texte, sondern auch die aktuelle Themenlage der jüngsten Zeit. Das ermutigte uns die Frage „Wer sind wir?“ zu stellen und diese eben nicht nur politisch-fragwürdigen Gruppierungen zu überlassen. Da hat uns Slavoj Žižek geholfen.

TM: Wie politische Entwicklungen gerade zeigen, wird dieser schwierige Begriff von Identität häufig missbraucht, um die Errungenschaften, wie Feminismus, Antikolonialismus und Menschenrechte auszuhebeln. Wir versuchen mit der Ausstellung auf eine assoziative Weise, darauf zu reagieren.

Wiener Porzellanmanufaktur Augarten Kaisersemmel historisch © Jörg Koopmann

Welche Rolle spielt dabei die Wiener Kaisersemmel?

SG: Die Semmel unter der Kuppel ist das Bild, das unsere große Versuchsanordnung noch mal im Kleinen zeigt. Diese Semmel ist nicht essbar, sondern stammt aus der Porzellanmanufaktur Augarten in Wien und war eine höfische Tischdekoration, ein Trompe-l’oeil. Weißmehl war damals eine Kostbarkeit und gleichzeitig hat Kaiser Franz Josef I diese Semmeln zu seinem Geburtstag an sein Volk verschenkt, als eine der ersten größeren Marketingaktionen. Wir fragten uns, ob das ein Weg war, um eine Revolution zu verhindern. Die französische und die russische Revolution wurden durch die reale Not des Hungers und dem Ruf nach Brot ausgelöst. Diese Ambivalenz von Hochkultur, die uns heute noch interessiert und die schon damals auch auf Schultern andere betrieben wurde, hat uns gereizt. Die Porzellanmanufaktur hat die Semmel 2016 wieder aufgelegt, aber diesmal hat sich die Funktion verschoben. Die höfische Tafel gibt es nicht mehr und deshalb haben sie ein Döschen daraus gemacht.

Thematiken wie der Postkolonialismus und die Rolle des weißen Mannes wurden in der Kunstwelt im letzten Jahr stark bearbeitet, zum Beispiel auf der documenta14 und kürzlich auch auf dem SpielArt Festival in München. Wollt ihr euch mit der Ausstellung einreihen oder abgrenzen?

TM: Wir schließen uns diesen Forderungen und Positionen durchaus an. Aber auf eine andere Art und Weise. Zum Thema Postkolonialismus zeigen wir den 90-minütigen Film von Jean Rouch. Der Filmemacher ist als Ingenieur nach Afrika gekommen und hat später Ethnologie studiert. Zeit seines Lebens hörte er nie auf, sich mit westafrikanischen Kulturen zu beschäftigen und fing sehr früh an Filme zu drehen. Dabei begründete er das Cinéma vérité oder die „Ethnofiction“. Diese gehen davon aus, dass Filmemacher nicht so tun sollen als seien sie nicht da, sondern zulassen, dass die Menschen, mit denen sie agieren, Raum haben ihre Geschichten so zu erzählen, wie sie es vor einer Kamera tun würden. Das schließt ein, dass sie Geschichten erfinden können.

SG: Wir zeigen hier den Film »Petit à petit« (1969–71), der den kolonialen Blick umkehrt. Zwei afrikanische Geschäftsleute fahren nach Paris, um sie über den Bau eines Gebäudes zu erkundigen, also vom Westen zu lernen. Dann laufen sie durch die Straßen und wundern sich darüber, was um sie herum passiert. Sie sprechen sogar Leute an und fragen: Darf ich deine Ohren messen? Wie ist der Abstand zwischen den Augen? Wie sieht die Schädelform aus? Also genau diese erniedrigenden Prozesse, die westliche Forscher in den Ländern betrieben haben. Diese Situationen wurden dokumentarisch gefilmt und führen zu wunderbaren Szenen. Auf eine elegante Art und Weise wird den Zuschauern komödiantisch der Spiegel vorgehalten.

Neben dem Postkolonialismus ist der Feminismus ein weiterer wichtiger Themenstrang in der Ausstellung. Diesen verdeutlicht ihr anhand ganz unterschiedlicher Positionen.

SG: Uns war wichtig zu reflektieren, was gesellschaftlich geleistet worden ist. Deshalb sind wir bis ins 18. Jahrhundert zurückgegangen, um Adolph Freiherr Knigge zu zitieren, der sein Buch „Über den Umgang mit dem Menschen“ als ein Buch der Aufklärung begriffen und darin die Gleichheit der Menschen aller Klassen propagierte. Daraus hat sich auch die Frage nach der Gleichheit der Geschlechter gestellt, die Knigge aus der Perspektive seiner Zeit zu beantworten versuchte. Dies haben wir in Dialog gestellt zu den Werken zweier junger Künstlerinnen, Shannon Bool und Jenni Tischer, die mit klassisch-weiblich besetzten Medien wie Kunsthandwerk und Textil umgehen. Beide jonglieren dabei bewusst mit den historischen Setzungen. Jenni Tischer nimmt Bezug zur Konkreten Kunst durch die geometrischen Objekte aus Sticknadeln. Shannon Bool verwendet ein Foto der berühmten Le Corbusier Liege, auf der die Designerin Charlotte Perriand liegt. Es gibt das Gerücht, dass Le Corbusier 1927 Charlotte Perriand mit den Worten abwies: „Vielen Dank, aber wir brauchen keine Kissenstickereien.“ Shannon Bool bearbeitet nun dieses Foto, das sie in einem Teppich nachweben lies, mit ethnologischen Mustern, um den Fokus auf den abgewandten Kopf der Designerin zu legen, als Hinweis auf die Auseinandersetzung der Gestalter in den 1920er Jahren mit außereuropäischer Kultur und vielleicht auch auf die Geschichte mit der Kissenstickerei.

Ein sehr spannender Blick auf die architektonische Ausgestaltung des Innenraumes zeigt auch die Tapete »Nuvolette« von Fornasetti. Hier wird meiner Meinung nach die Metaebene von Drinnen und Draußen sichtbar. Was hat es damit auf sich?

TM: Die Tapete ist ein Paradoxon. Je härter das Leben unter der Kuppel wird, desto mehr möchte man sich beruhigen. Man möchte sich einschließen in seinen vier Wänden. Merkwürdigerweise klebt man sich deshalb verstärkt wieder Decor-Tapeten an die Wand.

SG: Wenn man auf die Tapete von Fornasetti schaut, die aus Wolken aus Stichen aus dem 18. Jahrhundert besteht, hat man eine extrem artifizielle Illusion von einem Blick nach außen, der aber ganz klar an einer Wand klebt.

TM: Es ist natürlich eine Art von Selbstbetrug, den wir betreiben.

Fred Forest „Le mètre carré artistique“ © Jörg Koopmann

Wenn wir über den Blick aus der Kuppel sprechen, können wir auch über die Zugänglichkeit in die Kuppel reden. Ihr stellt mit der Arbeit von Fred Forest auch Fragen nach Bodennutzung und Verfügbarkeit von Boden.

TM: Fred Forests Arbeit »Le mètre carré artistique« von 1977 veranschaulicht diese Frage, in dem er zwei Themenkomplexe, nämlich die Spekulation auf dem Kunstmarkt und die Spekulation von Immobilien, zusammenkrachen lässt. Für seine Konzeptarbeit gründete er eine Immobilienfirma, kaufte ein Stück Land und unterteilte dieses in Parzellen von 1qm. Dann reichte diese Arbeit, also 1qm Land, zur Versteigerung bei einer öffentlichen Kunstauktion ein. Nach Erscheinen des Katalogs warfen die französischen Behörden ihm vor, Immobilienbetrug zu begehen, weil er behauptete der Boden wäre ein Kunstwerk. Interessanter hätte es nicht laufen können, weil sich plötzlich der Staat in die Definition eines Kunstwerkes einmischte. Die Auktion wurde verboten und Fred Forest verkaufte ein 1qm großes Leintuch, das er vor der Auktion auf den Boden legte. Durch den Akt des Verkaufes wurde sein Werk als Kunstwerk autorisiert. Aber Fred Forest gab nicht auf und hat ein paar Monate später mit seiner Immobilienfirma das Land direkt als Kunst verkauft. Wir stellen die Zeitungsanzeigen in der französischen Zeitung Le Monde und der FAZ aus, welche ironisch überspitzt Auktion und Direktverkauf bewerben.

Ihr hattet während der Ausstellung auch eine Live-Performance am 3. Februar. Um was ging es dabei?

SG: Marc Henning hat sich letztes Jahr mit dem perfekten Handschlag beschäftigt, nachdem in Holland ein konservativer Politiker im Wahlkampf geäußert hat, der Handschlag sei eine europäisch-westliche Form. Uns hat sehr gefallen, dass Mark Henning das Thema ernst nimmt und auf die Spitze treibt, in dem er eine Handschlag-Training-Station entworfen hat. Er versucht, den durchschnittlichen, holländischen, männlichen Handschlag zu messen und die verschiedenen Formen des Handschlags, die nach wie vor Hierarchie ausdrücken, einzuordnen und das Ganze in einem Film zu dokumentieren. Das ist ein schöner Link zu Herrn Knigge, der sagt, es geht um Respekt und Kommunikation. Gerade in gestischer Kommunikation gibt es unglaublich viele Codes, die ich kennen muss und dabei kann es zu Missverständnissen kommen. Deshalb müssen wir unsere Gesten auch hinterfragen. Der Handschlag ist ganz klar bürgerlich und hat einen langen Werdegang mit unterschiedlichen Bedeutungen.

TM: Mittlerweile wird der Handschlag aber als normal betrachtet, daher auch der Titel des Werkes »Normaal«. Was wir hier sehen, dieser Tisch mit den Markierungen, ist kein Designobjekt oder eine künstlerische Arbeit, sondern ein Relikt. Die Kunst ist die Performance, die am 3. Februar gezeigt wurde. Mark Henning ist Produktdesigner und das ist seine Abschlussarbeit. Wir zeigen also nicht nur eine gesicherte Position der Kunstgeschichte, sondern legen offen, dass die Auseinandersetzung im Design sich mit ähnlichen Fragen wie in der Bildenden Kunst, im Film und in der Literatur beschäftigt. Darum geht es eben auch: Dass man den Blick öffnet zwischen den Disziplinen.

Mark Henning „Normaal“ © Jörg Koopmann

Die Ausstellung:

Komfort Kuppel Komplex
17. Januar bis 17. März 2018
Lothringer13
Lothringer Str. 13
Dienstag–Sonntag 11–20 Uhr
Eintritt frei