Menschen, Massen, Masken und ich mittendrin

(c) Kai Kubono

Karneval in Venedig: Ausgelassen und kostümiert spielt die ganze Stadt ein Theaterstück. Wie sieht es hinter den Kulissen aus? Philtrat im Interview mit Lea Unterseer, einer Praktikantin beim Karneval in Venedig.

© Kai Kubono

Jedes Jahr findet für einen Zeitraum von ca. 10 Tagen der Carnevale di Venezia statt. Es ist ein Event, das sich trotz langer Unterbrechungen und umgreifenden Veränderungen auf eine fast 900 Jahre überdauernde Tradition beruft. Als großes Fest vor Beginn der Fastenzeit bedeutete der Karneval ein kontrolliertes Außerkrafttreten der sozialen Klassen in der venezianischen Gesellschaft, gewährleistet durch die Anonymität der Masken.  In seiner heutigen Form existiert er seit den späten 1970er Jahren. Der Karneval ist mittlerweile ein stadtübergreifendes Event, das immer mehr Begeisterte aus aller Welt anzieht und jedes Jahr neue Besucherrekorde vermeldet. Dieses Jahr wurde deswegen erstmals die Zuschauerzahl auf dem Markusplatz auf 20.000 Menschen begrenzt.
Wie lebt und arbeitet es sich in einer Stadt, die täglich mit den Einschränkungen des Massentourismus kämpft? Die LMU-Studentin Lea Unterseer absovierte ein Praktikum beim diesjährigen Karneval und berichtet Philtrat im Gespräch von ihren Erfahrungen.

Das Interview führte Clarissa Bluhm

Wenn du den Karneval in drei Worten zusammenfassen müsstest, welche wären das?

Lea: Ich nehme das diesjährige Motto: Creatum Civitas Ludens. Creatum steht für mich für das ganze Kunsthandwerk, das mit Venedig und auch dem Karneval zu tun hat, und natürlich Glasbläser auf Murano oder Gondelbauer einschließt… Es sind handwerkliche Berufe, die so nur in Venedig ausgeübt werden. Civitas Ludens steht für eine Stadt, die spielt. Es ist wirklich so. Die Stadt ist im Ausnahmezustand, und fällt für zwei Wochen komplett aus der Rolle.

Wie hat der Karneval während der Vorbereitungszeit auf dich gewirkt?

Der Karneval ist mir vorgekommen wie ein großes Theaterstück, das auf die Bühne gebracht werden soll. Es ist sehr viel Technisches und es hat für die Mitwirkenden wenig mit Glitzer und Masken zu tun. Ich war außerdem wahnsinnig aufgeregt. Da meine Chefin und ich beide gerne basteln, haben wir uns Kostüme hergerichtet. Wir waren die einzigen Verkleideten hinter der Bühne. Eine Federboa oder eine Clownsnase sind nämlich nicht immer hilfreich beim Kulissenaufbau oder im Bühnenalltag. Als es dann richtig losging, war ich nervös wie vor einer Premiere.

Wie sahen deine Arbeitszeiten aus?

Ich habe meine Stunden nie ausgerechnet und das wahrscheinlich aus einem sehr guten Grund. Sobald der Karneval richtig losging, war ich oft von sieben Uhr morgens bis spätabends dort. Manchmal sogar bis ein oder zwei Uhr morgens. Es gab Tage an denen ich nur vier Stunden Schlaf bekommen habe.

Welche Sprache hast du während der Arbeit hauptsächlich gesprochen?

Ich habe mit Englisch angefangen, aber schnell versucht, auf Italienisch umzusteigen. Das ist natürlich schwierig, vor allem bei so einem hektischen Bühnenalltag. Da kann es schon einmal passieren, dass man ausgelacht wird, weil man etwas falsch versteht oder der festen Überzeugung ist, dass es ein Wort gibt, welches aber nicht existiert. Dangeroso zum Beispiel. Das ist dann doch nur das englische Wort mit italienischem Akzent.

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Was waren deine Aufgaben während deines Praktikums?

Mir wurde die Leitung und Organisation für den Concorso della mascara più bella, also den Kostümwettbewerb, aufgetragen. Im Vorfeld habe ich Anfragen bearbeitet und mich um die Registrierungen gekümmert. Dabei konnte ich gleich mal sämtliche Fremdsprachenkenntnisse anwenden, denn die Teilnehmenden kommen aus aller Welt. Mit meiner Übersetzer-App war ich so gut wie fließend in Französisch und Spanisch – hoffe ich zumindest. Bis auf die Sonntage gab es jeweils zwei Kostümwettbewerbe pro Tag die ich organisiert habe, einen am Vormittag und einen am Nachmittag. Neben meiner eigentlichen Aufgabe habe ich dann auch noch angeboten, Texte für die Moderatoren von Englisch in Italienisch oder umgekehrt zu übersetzen – daher auch das Schlafdefizit.

 

War denn Vorwissen nötig und inwieweit haben dir deine Erfahrungen bei deiner Arbeit geholfen?

Vorwissen war meines Erachtens keines nötig, aber meine bisherigen Erfahrungen beim Chor und durch meine Arbeit bei Opernfestivals haben mich schon etwas vorbereitet. Nicht unbedingt in dem Sinn, dass ich wusste, wie alles funktioniert. Aber dadurch bin ich es gewohnt lange zu arbeiten und weiß, dass vieles oft sehr schnell gehen muss. Auch bin ich schon selbst auf der Bühne gestanden und es ist einfach schöner wenn du in der Bühne mit eingebunden bist, die Abläufe kennst und eine Ahnung hast, wer die jeweiligen Ansprechpartner sind.

Was hat dir an deinem Praktikum besonders gefallen und auf was hättest du eher verzichten können?

Ich bin immer noch wahnsinnig begeistert von meinem Praktikum. Es hat mich sprachlich sehr viel vorangebracht. Ich habe einen neuen Einblick in künstlerisches Schaffen erhalten und erlebt, wie Events dieser Größenordnung funktionieren. Im Endeffekt hat alles irgendwie dazu beigetragen, dass es gut war – selbst wenn ich um ein Uhr morgens fix und fertig nach dem Übersetzen war oder an einem Tag einfach verschlafen habe. Abgesehen davon war es ein Job, bei dem man sich jeden Tag verkleiden konnte – und ich liebe Verkleiden!

© Kai Kubono

Welche Kostüme haben dich am meisten beeindruckt?

Hergekommen bin ich mit einer Liebe für typisch venezianische Kostüme. Als ich gegangen bin haben sie mich nicht gelangweilt, aber es ist doch immer wieder das gleiche. Die venezianischen Kostüme sind wunderschön und diese Menschen arbeiten jahrelang an ihren Kleidern. Meiner Meinung nach verdienen sie die höchste Anerkennung und sie beeindrucken mich nach wie vor. Es gibt aber auch kreativere Einfälle. Das merkt man dann auch bei den Gewinnern der Kostümwettbewerbe. Die Erstplatzierten dieses Jahr hatten als Thema L’amore ai Tempi del Campari – die Liebe zu Zeiten des Campari.

Werden die Kostüme eher selbst hergestellt oder gekauft? Und: Quanto costa?

Es gibt einige Wenige, die zum Verleih gehen, aber es gibt vorwiegend Teilnehmende die in kleinster Handarbeit jede einzelne Perle selbst an ihren Rock genäht haben. Die Ausleihe für einen Abend kostet zwischen 500 bis 800 Euro. Die Anschaffungskosten beginnen ab 1300 mit viel Spielraum nach oben. Bei den selbstgemachten Kostümen zitiere ich gerne eine Teilnehmerin: „Darüber darf ich gar nicht nachdenken.“

Wie ist für dich das Verhältnis zwischen der Stadt und dem Karneval jetzt, wo du selbst ein Teil davon warst?

Man hat als Tourist das Gefühl, dass man in die Stadt des Karnevals kommt. Die Masken sind ja überall präsent. Aber eigentlich gibt es da zuallererst diese Stadt, und diese Stadt organisiert nur einen Karneval. Es ist etwas, das auf Venedig oben draufgesetzt wird. Der Karneval ist eine komplette, inszenierte Show, bei der von vorne bis hinten alles durchgeplant ist. Auch die Nebenevents abseits von der Hauptbühne auf dem Markusplatz, die in den kleineren Plätzen und Gassen aufgeführt werden und den Eindruck von Spontanität vermitteln, gehören zu dem zentralen Event.

Was hat dir am offiziellen Programm am Besten gefallen?

Der emotionalste Moment war für mich der Svolo del Leon ganz am Schluss. Alle versammeln sich noch einmal auf der Bühne und dann wird die riesige rot-goldene Fahne mit dem Markuslöwen von der Bühne hoch zum Glockenturm des Campanile gezogen. Nach zwei Wochen, in denen du durchgearbeitet hast und deine Augenringe schon bis zu den Kniekehlen hinunterhängen ist das der Moment, an dem es vorbei ist. Jetzt fährst du wieder nach Hause und musst aufwachen aus dieser absoluten Traumwelt voller Masken und Kostüme, Glitzer und Musik.

Was hat deine Arbeit beim Karneval besonders gemacht?

Ich habe mit sehr unterschiedlichen Leuten zusammengearbeitet und viele Menschen kennengelernt, eben auch durch die Masken. Man nennt sie zwar la Masquera, das betrifft aber den ganzen Charakter und wie man das gesamte Kostüm belebt.
Manchmal habe ich zusätzlich Teilnehmende aus dem Publikum eingeladen, bei den Wettbewerben mitzumachen. Eine Teilnehmerin meinte danach, dass man sich nicht vorstellen kann wie es ist, auf dieser Bühne zu stehen in seinem Kostüm: es ist wie Fliegen.

Eine 87-jährige Österreicherin hat mir gesagt, dass sie seit 35 Jahren jedes Mal im Februar zum Karneval nach Venedig reist. Meine Einladung, am Wettbewerb teilzunehmen wäre das schönste Kompliment für sie, auch wenn sie sich nicht trauen würde, es anzunehmen.

Es gibt Menschen, die jedes Jahr herkommen und ihr ganzes Herzblut in ihre Arbeit stecken. Sie kommen von der Bühne und, egal ob sie gewonnen haben oder nicht, strahlen und weinen gleichzeitig. Das ist wirklich das, warum ich meine Arbeit dort so geliebt habe. Ich habe nicht nur schöne Masken gesehen, sondern auch die Schicksale und die Menschen dahinter kennengelernt und ich hoffe, dass ich nächstes Jahr wieder dabei sein kann!

 

© Lea Unterseer

Ihrer Bewerbung fügte Lea Unterseer noch ein selbstgedrehtes Video mit dem Titel ‚Five Reasons to Choose Me as your Intern’ hinzu. Dann hatte die Lehramtsstudentin für Englisch und Italienisch recht schnell die Zusage für das Praktikum: Anfang dieses Jahres arbeitete sie für vier Wochen als Assistentin des Künstlermanagements auf dem Carnevale di Venezia (www.carnevalevenezia.com), der vom 27. Januar bis 13. Februar 2018 stattfand. Ermöglicht und auch finanziell unterstützt wurde ihre Arbeitserfahrung von der Venice International University (www.univiu.org). An dieser Partneruniversität der LMU absolvierte sie ihr drittes Semester als Auslandssemester in Venedig.

 

Die Interviewende, Clarissa Bluhm, schließt gerade ihr zweites Auslandssemester an der VIU in Venedig ab und wird voraussichtlich noch diesen Sommer ihren Bachelor in Ethnologie mit Nebenfach Kunstgeschichte abschließen.