„Über Grenzen“: Die Welt ist noch in Ordnung

Auf dem Weg durch das Pamir-Gebirge in Zentralasien © Foto: streetsfilm

Der Dokumentarfilm „Über Grenzen“ begleitet Margot Flügel-Anhalt auf einem viermonatigen Motorrad-Trip und verrät viel über Menschlichkeit und Begegnungen. Beim Besuch im Cineplex Neufahrn erzählt die 64-Jährige, warum es mehr als Mut für so eine Reise braucht.

Auf dem Weg durch das Pamir-Gebirge in Zentralasien © Foto: streetsfilm

Von Gözde Çelik

Es klingt wie der Beginn eines Abenteuerromans: Margot Flügel-Anhalt ist 64 Jahre alt, frisch im Ruhestand und möchte nun mehr von der Welt sehen. Also setzt sie sich kurzerhand zum ersten Mal in ihrem Leben auf ein Motorrad und fährt los. 117 Tage dauert ihre Reise, führt sie über 18 Ländergrenzen, 18.046 Kilometer legt sie zurück. Die Zahlen wirken zunächst zwar beeindruckend, doch können sie kaum vermitteln, was sich hinter solch einer Reise alles verbirgt.

Darum hat die Sozialpädagogin mit Johannes Meier und Paul Hartmann ein Filmteam im Gepäck, welches sie in regelmäßigen Abständen treffen und teilweise auch begleiten soll, um die Stationen ihrer Reise visuell einzufangen. Dabei herausgekommen ist „Über Grenzen„. Der etwa zweistündige Dokumentarfilm ist mit seinen wunderschönen Landschaftsaufnahmen nicht nur visuell ansprechend, sondern verrät auch einiges über Menschlichkeit und darüber, was es bedeutet, sich auf andere Kulturen einzulassen.

Margot Flügel-Anhalt auf ihrer Tour durch 18 Länder © Foto: streetsfilm

Margot Flügel-Anhalts Reise beginnt und endet in ihrer Heimat, der nordhessischen Ortschaft Thurnhosbach. Dort trifft sie die Vorbereitungen für ihren Trip. Anders als die Kurzfassung ihres Erlebnisses anmuten lässt, braucht es dazu mehr als nur den Mut, auf ein Motorrad zu steigen und loszufahren. Im Gespräch erzählt sie von einer zweijährigen Vorlaufzeit. Zwei Jahre, in denen sie die Route plante, die durch Zentralasien führt. Zwei Jahre, in denen sie grundlegende Fremdsprachenkenntnisse erwarb. Vor allem aber zwei Jahre, in denen sie sich über ihre Wünsche und Stärken Klarheit verschaffte. Auf die Frage, was sie Nachahmer*innen raten würde, stellt sie heraus, wie wichtig Selbstkenntnis sei. Die Person müsse sich fragen, was sie möchte und vor allem, was sie sich selbst zutraue.

Kleine Umstürze und große Ehrlichkeit machen das Erlebte authentisch

„Über Grenzen“ zeigt: Bei so einer Reise kann nicht alles geplant werden und es kommt zwangsweise zu schwierigen Situationen und Herausforderungen. In der Art und Weise, wie diese dargestellt werden, liegt eine besondere Stärke des Films. Die Hauptdarstellerin wirkt zugänglich, oft verletzlich, und allen voran sehr authentisch. Sie geht sehr offen mit ihren Gedanken und Ängsten um und spricht Themen und Problematiken an, mit denen sich Zuschauer*innen gut identifizieren können. So wird deutlich: Hier geht es um einen echten Menschen. Das hat zur Folge, dass man vom ersten kleinen Unfall mit dem Motorrad gleich zu Beginn der Reise bis hin zu Strapazen mit Bürokratie- und Passangelegenheiten mitfiebert.

Die Reise-Route im Überblick © Foto: streetsfilm

Dies ergibt sich aus einer weiteren Stärke des Films: die grundtiefe Ehrlichkeit, mit der Probleme und Hürden dargestellt werden. Seien es die zahlreichen kleinen „Umstürze“ mit dem Motorrad oder die Angst, nach einer Fußverletzung wieder aufzusteigen. Es sind solche Momente, die man aus dem Alltag kennt, in denen sich Zuschauer*innen intuitiv mit der Protagonistin identifizieren. Denn hier ist keine kühl agierende Action-Heldin am Werk, sondern eine Frau, die etwas von der Welt sehen will und allen voran auch die Menschen kennenlernen will.

Mitnehmend auf verschiedenen Ebenen

Auch dieser Aspekt der Reise wird im Film transportiert. Zahlreiche Menschen, die Flügel-Anhalt auf ihrer Reise trifft, kommen zu Wort. In kleinen Interviewsequenzen eingeblendet, begleiten sie mit ihren Aussagen die Reise. Mit ihrer offenen und neugierigen Art stößt die 64-Jährige auf viele freundliche Gemüter. Einige bieten ihr Gastfreundschaft und Unterstützung an, sei es etwa in Polen, Kasachstan oder Iran.

Die Bilder schaffen es, die verschiedenen Lebensmodelle einzufangen, ebenso die Schönheit mitzunehmen, die Natur und Menschen zu bieten haben. So wechselt das Filmmaterial zwischen professionellen Aufnahmen des Filmteams und den selbstgedrehten Handy- und GoPro-Videos der Protagonistin, während sie alleine unterwegs ist. Diese Wechsel stellen einen sehr charmanten Kontrast her. Sie werden auf eine angenehme Weise verwoben und mit einer Karten von Diana Köhne illustriert. Die sorgt für bessere Übersichtlichkeit und bietet Orientierung hinsichtlich der Reisestationen. Es ist gar nicht so schwer zu reisen, denkt eine*r sich dabei, wenn die kleine Margot-Comicfigur auf ihrem Motorrad eine Station weiterfährt. Untermauert wird dieser Eindruck von der Musik (Fabian Kratzer). Sie folgt einem klaren Motiv und untermalt die Geschehnisse auf dezente Weise.

(Kino-)Reisen: Flügel-Anhalt überquert mit Co-Regisseur Paul Hartmann im Cineplex Neufahrn die Grenze zwischen Leinwand und Publikum © Foto: Gözde Çelik

Wer genau hinsieht, erkennt mehr Ähnlichkeiten zwischen den Menschen

Alles zusammen ergibt das stimmige und anschauliche Bild einer Reise, die über Grenzen hinweg ein weiteres Ziel verfolgt. So stellt Margot Flügel-Anhalt heraus, dass sie wohl irgendwo auch sehen wollte „dass die Welt noch in Ordnung ist“. Diese Aussage ist besonders in Verbindung mit der Steh-auf-Mentalität der Hauptdarstellerin sehr berührend und die Zuschauer*innenschaft kommt nicht umhin, sich auch von diesem Glauben und dem Optimismus packen zu lassen, der charakteristisch für die Reisende ist.

Im Zuge ihrer Begegnungen hinterfragt Flügel-Anhalt Privilegien, die sie in ihrem Heimatland erfährt. Ihre Devise lautet: Hingehen, beziehungsweise hinfahren, und mit eigenen Augen sehen. Und vielleicht sind sich die Menschen ja ähnlicher als Vorurteile glauben machen wollen. Am Ende wären vor diesem Hintergrund mehr politische Hintergründe und globale Verflechtungen sicher interessant gewesen. Das hätte allerdings den Fokus der Dokumentation verschoben, die sich auf einen kleinen Ausschnitt und einzelne Erlebnisse und Orte beschränkt. Es geht darin eher, so scheint es, um vielfältige Gemeinsamkeiten zwischen unterschiedlichen Menschen und um den Glauben an Hilfsbereitschaft und Menschlichkeit, trotz globaler Verschränkungen und Konflikte.

Der Film ist definitiv für all jene geeignet, die eine letzte Motivation hin zur eigenen großen Reise benötigen, genauso für Menschen, die sich zwei Stunden lang an der Vielfalt der Kulturen und Landschaften erfreuen und mit einem positiven Welt-Gefühl entlassen werden wollen.

 

„Über Grenzen“ (Deutschland, 109 Minuten) läuft seit dem 12. September im Kino.