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Der Bildungswahn

Kommentar zur Filmreihe des StuVe-Referats für Lehramt zum Thema Bildung

Im Zuge der allgemeinen Bildungsdebatte veranstaltet das Referat für Lehramt der Studierendenvertretung der LMU eine besondere Filmreihe, die das Thema Bildung aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Im Programmkino Monopol (Schleißheimerstraße 127) werden vier Filme gezeigt, von denen zwei bereits aufrütteln konnten: Alphabet von Erwin Wagenhofer und Part Time Kings von Elke von Linde. Die nächsten beiden Filmvorführungen finden am 26.11. und 11.12. statt und beginnen jeweils um 18:00. Zu sehen sein werden der Filmzusammenschnitt zweier Filme von Reinhard Kahl, Das Geheimnis guter Schulen, und Auf dem Weg zur Schule von Pascal Plisson gezeigt. Studentenkarten gibt es im Kino für 6,50 Euro.

Nicht nur in China leiden Kinder unter der Ökonomisierung des Bildungssystems.
Foto: janetclem.

Von A bis Z durch die Bildungsdebatte

Der Film Alphabet zeigt bereits mit seinem Namen an, wohin die Reise geht: Er lehrt dem Zuschauer von A bis Z, wie die aktuell debattierte Bildungsmisere entstanden ist, aber auch, wie sie wieder in den Griff zu bekommen ist. An internationalen Beispielen untersucht er die schaurigen Folgen eines bedingungslosen, zumeist ökonomisch motivierten Wettbewerbs im Bildungssystem. So sehen wir einen jungen Mathe-Olympioniken in China, wie er leer und ausgebrannt neben seiner Großmutter sitzt, die unzählige Urkunden, eine nach der anderen, in die Kamera hält. Die Nachricht ist klar: Da sitzt eine Großmutter, die noch in einem anderen China aufgewachsen ist; ihr blinder Stolz sieht nicht, wie der Enkel leidet und sein Leid unverhüllt der Kamera offenbart. Die Grenzen verschwimmen: Während sie arm aufwuchs und vermutlich nicht allzu viel zu essen hatte, leidet ihr Enkel nun zwar keinen Hunger mehr, blickt aber ebenso arm drein.

Der Bildungswissenschaftler Yang Dongping erklärt im Film, dass die chinesischen Kinder zu Beginn ihres Lebens bereits alles gewonnen hätten, auf der Zielgeraden würden sie jedoch alles verloren haben. Was meint er? Ihre Menschlichkeit und Freiheit, ihre Würde und Neugier und alle anderen großen Eigenschaften, die den Menschen zum Menschen werden lassen. Denn das will der Film zeigen: Der drillende Bildungswettbewerb droht durch seine überhöhten Anforderungen lebloses Humankapital heranzuzüchten, das verschlissen ist, noch bevor es zum Einsatz kommt. Denn während für Geistesgrößen wie Aristoteles oder – um bei China zu bleiben – Konfuzius und seine neokonfuzianistischen Nachfolger (z.B. Zhu Xi) noch die Kultivierung des Geistes im Vordergrund stand, die den Menschen zu einem Leben in Tugend, Würde und Glückseligkeit verhelfen sollte, zeigt der Film Alphabet eine verhängnisvolle Umkehr und Entfremdung von diesem altehrwürdigen Ziel. Bevor ihr Leben überhaupt richtig begonnen hat, werden Kinder durch erdrückende Denkformen und Verhaltensmuster überfordert. Ihre Kreativität und Neugier kommt so nie zur Entfaltung.

Diskussion im Anschluss an den Film „Alphabet“ mit Simone Fleischmann (BLLV), Johannes Bauer (School of Education, TUM) und Franziska Erhard (Referat für Lehramt).
Foto: Johanna Beyer.

Aber Alphabet begnügt sich nicht mit der Darstellung der Folgen einer „geisteskranken“ Bildungspolitik, die sich an den zweifelhaften Motiven eines unbegrenzten, ökonomischen Wachstums orientiert, sondern zeigt auch, wie es besser gehen kann. Der Pädagoge Arno Stern etwa bringt in seinem Malort in Paris Kindern kreatives Malen bei. Seinen Erfolg misst er nicht an festgelegten Denkformen und Verhaltenserwartungen, sondern versteht sich vielmehr als Helfer bei der Entwicklung der Schaffenskraft des Kindes. Doch auch ohne klare Vorgaben und Regeln geht es nicht darum, das Kind zügellos zu verwöhnen, wie der Film im Subtext klarmacht, sondern es liebevoll zu begleiten, ohne ihm eigene Vorstellungen und Erwartungen aufzuzwängen. Das Kind soll sein eigenes kraftvolles Potential erkennen und entfalten dürfen.

Einmal träumen dürfen

Auch der zweite Film Part Time Kings von Elke von Linde zeigte, wie es besser gehen könnte: wenn wir einfach mehr zuhören und hinsehen würden. Die Regisseurin beschränkt sich darauf, jungen bis sehr jungen Menschen ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Vor der Kamera sprechen sie überaus beeindruckend und befreiend über ihre Visionen und Wünsche für die Zukunft. Wer glaubt, die Kinder im Film hätten nur ihre eigene Zukunft im Blick, der wird enttäuscht werden. Alle gezeigten Kinder – egal ob in Portugal, Mittelamerika, Japan oder Indien – geht es um eine friedvolle Zukunft des Miteinanders, in der sich jeder Mensch gemäß seinem Potential entfalten kann, ohne von festgefahrenen Denkformen eingeschränkt zu werden.

Lindes Film überzeugt dabei ebenso wie der von Wagenhofer durch einfache Bilder und Einsichten. Beispielsweise erklärt ein Kind in Japan, dass es gerne bereit sei auf persönliche Annehmlichkeiten zu verzichten, um damit die Produktion gefährlichen Stroms zu verhindern. Auf diese einfache Art überzeugen viele junge Freigeister im Film. Indem sie aussprechen, was sie denken, zeigen sie ihre kindliche Unbefangenheit, aber auch ihre Kreativität und ihr großes Potential. Dabei tritt deutlich ein kollektives Moment im Denken der Kinder zu Tage. Denn sie zeigen, was es bedeutet, nicht nur an sich zu denken und über sich zu sprechen, sondern die Bedürfnisse und Wünsche einer breiteren Öffentlichkeit zu erkennen und mit funkelnden Augen zu formulieren.

 

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