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Vom Testosterongeruch der Sprache

Beobachtungen zum Sprachfeminismus und ein Plädoyer für Kreativität

Sprache stinkt nach Männlichkeit. Das behauptet die feministische Sprachkritik und macht Änderungsvorschläge, die nicht immer willkommen sind. Sprachkrampf und Innenweltverschmutzung sei der Sprachfeminismus, lamentieren die Gegner. Muss die Sprache zugunsten der Gleichberechtigung umgebaut werden? Und wie viel Umbau verträgt die Sprache?

Anti-Sexismus-Demonstration im September 2013 in Berlin.
Foto: Flickr-User RagaZZa Brucia ›Kaputt‹ (CC BY-NC-ND 2.0)

Sprache ist ein Instrument, das manche beherrschen wie Lang Lang den Flügel. Seine Funktion ist Verständigung. Andere – die meisten von uns – beherrschen es mehr oder weniger gut, wie wir vielleicht auch mehr oder weniger gut Klavier spielen gelernt haben. Das macht nichts, Sprache ist leidensfähig und funktioniert trotzdem: Irgendwie verständigen wir uns schon. Sprache ist natürlich mehr als bloßes Mittel zum Zweck. Der Feminismus hat uns für den Testosterongeruch der Sprache sensibilisiert. Seitdem wurde versucht, unser altbewährtes Instrument mit Schrägstrich, Unterstrich oder Binnen-I, mit der Einführung neuer Personalpronomina wie »frau« oder »mensch« oder der Streichung von Anreden wie »Dame« und »Fräulein« umzubauen. Solche Umbaumaßnahmen führen nicht selten zu Unfällen. Wenn etwa auf der Speißekarte der Mensa plötzlich »Hähnchinnenfilet« steht oder Politiker von »das Gott« sprechen.

»Das Gott« geht auf Kristina Schröders (CDU) Kappe, die sich 2012 gewaltig damit irrte, dass der grammatische Artikel nichts zu bedeuten hat. Religiöser Analphabetismus und ein Griff in die Gendermottenkiste wurden ihr vorgeworfen. Zumindest theologisch habe sie Recht, sprang ihr CSU-Kollege Günther Beckstein bei, aber »emotional ist das nicht meine Welt«, musste er gestehen, »für mich ist es wichtig Gott als Vater zu haben«. Ihm bedeutet der grammatische Artikel also sehr viel. Sprache ist eben auch Gefühlssache. Es fühlt sich unnatürlich an, sie anders zu verwenden als wir es gewohnt sind. Vergleichbar vielleicht mit dem Gefühl, wenn wir zum ersten Mal Zwölftonmusik hören. Doch Gewohnheiten ändern sich. Auch an Zwölftonmusik gewöhnt sich das Ohr, heißt es.

Kritik an der Sprachkritik

Kritik an feministischen Änderungen der Sprache kommt hauptsächlich aus zwei Lagern. Da sind die Sprachästheten und die Antifeministen. Letztere bedienen sich oft der Argumente der ersteren. Für Sprachästheten sind die Umbaumaßnahmen am Instrument Sprache nichts als Verunstaltungen. So schreibt Ingrid Thurner, Autorin der Welt: »Will man mittels Buchstaben neue Wirklichkeiten schaffen, wenn alle paar Worte ein Holzhammer die Sprachmelodie zertrümmert? Versal-I, Schrägstrich, Unterstrich, Asterisk, Verdoppelung und bzw.-Konstruktion: Mit diesen Waffen kann man keine linguistische Schlacht gewinnen, das ist kein Sprachkampf, sondern Sprachkrampf. Damit sollte man endlich aufhören.« Die Antifeministen springen auf diesen Zug auf: Auf der schweizerischen Seite www.antifeminismus.ch heißt es, dass der Sprachfeminismus »einen mutwilligen Ausstieg aus einem notwendigen kulturellen Konsensus« darstellt und zu »Innenweltverschmutzung« führe.

Selten diskutieren Kritiker aber, warum die von ihnen Kritisierten denken, dass die Sprache umbaubedürftig sei. Dabei gibt es mit der feministischen Linguistik einen ganzen Forschungszweig, der sich dieser Frage widmet. Folgendes Beispiel: Im Deutschen gibt es das generische Maskulinum, d.h. dass »der Student« oder »der Politiker« zwar grammatisch männlich sind, von ihrer Bedeutung her aber beide Geschlechter einschließen. Grammatisch fällt damit allerdings der weibliche Part unter den Tisch. Generische Maskulina, heißt es, machen Frauen sprachlich unsichtbar. Forschungen haben gezeigt, dass Frauen damit auch mental weniger beim Sprecher präsent sind. Hören oder sagen wir »Student« oder »Politiker«, so denken die meisten von uns an männliche Studenten und Politiker.

Jungs sind besser in Mathe

Versteckter Sexismus durchzieht unseren Alltag. Foto: Flickr-User blu-news.org (CC BY 2.0)

Ein weiteres Beispiel: Durch Sprache lassen sich Vorurteile aktivieren. Wer im Englischen sagt: »He is a professional«, gibt damit zu verstehen, dass er über einen Mann spricht, der sein Handwerk versteht. Wer hingegen sagt: »She is a professional«, spricht von einer Prostituierten. Die feministische Sprachforschung hat gezeigt, dass sich zum Beispiel in Schulklassen die Vorurteile aktivieren lassen, dass Jungen besser in Mathe sind als Mädchen. Das Erstaunliche ist, dass Mädchen, bei denen diese Vorurteile nicht aktiviert werden, in Tests deutlich besser abschneiden, als Mädchen, bei denen sie aktiviert werden. Wie tief diese Vorurteile unserer Sprache eingewachsen sind, zeigt sich an Ausdrücken wie »Zärtlichkeit«, »Sanftheit«, »Fürsorglichkeit«, die eine weibliche Konnotation haben, wohingegen »Kräftigkeit«, »Potenz«, »Mächtigkeit« eher mit Männlichkeit assoziiert werden.

Es ist also durchaus etwas dran am Vorwurf, dass die Sprache nach Mann stinkt. Wie aber werden wir den schlechten Geruch los? Gibt es vielleicht sogar Kompromisslösungen, die nicht nur der politischen, sondern auch der ästhetischen Dimension der Sprache gerecht werden? In einem Vortrag für die Friedrich Ebert-Stiftung hat Ute Scheub, Redakteurin und Gründungsmitglied der taz, einmal der Geschichte des Binnen-I nachgespürt, das eines der ersten Mittel war, um Frauen sprachlich sichtbar zu machen. Angeblich hat es 1981 begonnen in Deutschland den Schrägstrich abzulösen. Scheub schreibt: »Ich persönlich habe die Schrägstriche nie verwendet, ich sehe sie als Hackebeil-Methode, die die Sprache schlimmer zurichtet als der Metzger das Schnitzel. Die Schrägstrich-Methode wird an Hässlichkeit und Plumpheit nur noch von der Klammer-Methode übertroffen.« Für Scheub ist das Binnen-I »die zweitbeste alle frauenfreundlichen Lösungen«. Während die Journalistin eine Vorliebe für die Symmetrie von Wörtern wie »InnenministerInnen« hat, stört sie dennoch die Unlesbarkeit von Wörtern wie »PolInnen«.

Sprachguerilla

Schwerer als an der externen Kritik leidet der Sprachfeminismus an internen, theoretischen, Problemen. Andrea Roedig stellt im Tagesspiegel dazu fest: »In einer Art doppelter Buchführung kritisierten Feministinnen einerseits das ›Weibliche‹ als patriarchales Konstrukt. Andererseits mussten sie den Begriff für die eigenen Utopien in Anspruch nehmen, schließlich ging es ja darum, eine neue Bestimmung für Weiblichkeit zu entwerfen.« Nicht selten wird dem theoretischen Unterbau der feministischen Bewegung ein ausgrenzender Intellektualismus vorgeworfen. Neulinge werden abgewatscht, weil sie dieses oder jenes Buch nicht gelesen haben.

Der Sprachfeminismus kann durchaus Erfolge verzeichnen. Dazu zählt etwa die mittlerweile geläufige Verwendung von Partizipien wie »Studierende« oder »Lehrende« oder von symbolischen Attributen wie »(m/w)«, die für Stellenanzeigen in Deutschland sogar gesetzlich vorgeschrieben ist. Kompromisse lassen sich durchaus finden, auch wenn manche davon vielleicht faule Kompromisse sind. Aber wozu besitzen wir unsere Kreativität? Wenige bedenken, dass radikal oder konservativ nicht die einzigen Alternativen sind, und dass Einfallsreichtum bei der Gleichberechtigung gerne unterschätzt wird. Ute Scheub ist da eine Ausnahme. Die Journalistin plädiert für »für Sprachwitz, Ironie, weibliche List, Störmanöver, Irritationen«. Die Zeit der Großideologien sei vorbei, schreibt sie, »jetzt gehts darum, im Versteck auszuharren, aus dem Hinterhalt zuzuschlagen, mit immer neuen Taktiken. Ich plädiere für Sprachguerilla.«

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