„Bloom Ups“: Hier zerschlagen Männer das Patriarchat

Berkan Karpat/ Raoul Amaar Abbas: Aus dem Maschinenraum: Rilkes Gottessonett ©Franz Kimmel

Vibrierende Körper, die gemessen werden; eine männliche Bewegung, die das Patriarchat zerschlagen will und Kunst, die sich als Rockkonzert verkleidet: Die drei Bloom Ups des diesjährigen RODEO Tanz- und Theaterfestivals der freien Szene zeigen wieder eine Bandbreite an Zusammenarbeiten von internationalen Künstler*innen, die durch die Kooperation des RODEO Festivals mit dem Goethe-Institut gefördert werden.

Berkan Karpat/ Raoul Amaar Abbas: Aus dem Maschinenraum: Rilkes Gottessonett © Franz Kimmel

Von Lisa Zierott und Laura Ziegler

Ein Blick in den Kopf

Ein gruseliges Experiment? Psychedelische Projektionen? Eine Kombination aus Gedicht und elektronischem Sound? Die ersten Eindrücke des Bloom Ups Aus dem Maschinenraum: Rilkes Gottessonett in der Muffathalle sind spannungsgeladen und fesselnd. In einem abgedunkelten länglichen Raum sitzen drei Gestalten in zwangsjackenähnlichen Gewändern auf einem großen weißen Tuch. Eine Frau ist durch eine Kappe auf dem Kopf mit Kabeln verbunden und zwei Männer starren auf jeweils einen Laptop. Die einsetzende Musik mit mächtigem Bass bringt den eigenen Körper zum Vibrieren. Auf dem weißen Boden erscheinen psychedelische Muster und gespiegelte Fotos; alles durcheinander. Die Wahrnehmung ist intensiv und verändert sich ständig durch den variierenden Sound.

Die Künstler Berkan Karpat und Raoul Amaar Abbas visualisieren in dieser Performance Gehirnströme, die durch auch durch ein vorgetragenes Gedicht stimuliert werden, und versuchen mit dem Zusammenspiel aus Kunst, wissenschaftlichem Experiment, Religion und Literatur die Grenzen zwischen Zuschauer*innen und Künstlern aufzuheben. Die Installation übt eine große Faszination aus; man kann sich frei im Raum bewegen und hat es somit selbst in der Hand, den Blickwinkel auf das Kunstwerk zu verändern. Die freie Zugänglichkeit hebt die klassische Bühnensituation auf und beendet dadurch die Hierarchie zwischen Betrachter*in und Künstler*in und macht es möglich, sich auf Augenhöhe zu begegnen. Die Performer*innen entwickeln einen höchst komplexen und äußerst interessanten Ansatz das menschliche Innere zu entdecken und erlebbar zu machen und schicken das Publikum so auf eine Zeitreise in eine mögliche Zukunft.

The Agency/ Kanako Azuma/ Taro Inamura/ Nile Koetting: New Manliness © Franz Kimmel

We are not MOM!

„Hi, wir sind Victor und Tom und berichten live draußen vor dem Schwere Reiter. Gerade eben haben wir uns gemeinsam mit dem Rest des Publikums im Rahmen des Bloom Ups von The Agency in Männer verwandelt. Wir wurden zu den neusten Mitgliedern von MOM erklärt. Ihr fragt: Was ist MOM? Ein alternativer Lifestyle für Männer, der das Patriachart zerstören will und zugleich den Feminismus hasst. Interessanterweise war der Großteil der fiktiven male character des Teams weiblich.

Mit zuvor verteilten Taschentüchern wurde bei allen Zuschauer*innen und Akteur*innen eine Umfrage durchgeführt, wobei sich herausstellte, dass sich alle Darsteller*innen sowie die Mehrheit des Publikums als Feminist*innen bezeichnen. Dies war nur einer der aufkommenden Widersprüche des Gemeinschaftsprojekts der Münchner The Agency und der in Tokio lebenden Taro Inamura, Kanako Azuma und Nile Koetting. New Manliness beschäftigt sich mit einer fiktiven Bewegung, die Männern ein neues Vorbild mit Identifikationspotenzial schafft.

Das Ergebnis ist radikal: Um aus den Zwängen männlicher Klischees auszubrechen, wird in dieser Performance, basierend auf realen Bewegungen wie Soshoku Danshi und Men Going Their Own Way, eine Gruppierung gebildet, die Männer erneut in den Vordergrund stellt. Das Konzept und die Idee gehen in die richtige Richtung, denn auch Männer haben ein Recht auf freie unkontrollierte Entfaltung. Doch statt auf eine Zusammenarbeit mit feministischen Ansätzen zu bauen, sollen diese wieder zerstört werden.

Die Interaktionen zwischen Team und Zuschauer*innen fördern die Gemeinschaft und geben das Gefühl von Zugehörigkeit. Dennoch winken wir mit unseren Taschentüchern zum Abschied und sagen: We are NOT MOM.“

Anton Kaun/ David Oppenheim:Carnation Dingthang © Laura Ziegler

Bis das Trommelfell platzt

Wer den Ohrstöpseln am Eingang keine Beachtung schenkt, dem wird böses widerfahren, denn der Dämon der Lautstärke wird das Trommelfell zerfetzen. Im Kösk wird gerockt! In dem zweigeteilten Raum befindet sich auf einer Seite ein Bauzaun mit Mischpultelementen und auf der anderen Seite ein organisiertes Chaos aus Schlagzeug, Laptop, Kabeln und diversen Alltagsgegenständen. Anton Kaun und David Oppenheim verbinden ihre unterschiedlichen kulturellen und politischen Hintergründe zu einer umfassenden und vor allem lauten Performance und Installation.

Dennoch fühlt es sich mehr nach Rockkonzert an: Carnation Dingthang ist ein Mix aus elektronischem Sound, Schlagzeug, Stimmelementen und Geräuschen von bearbeiteten Alltagsgegenständen. Die ohrenbetäubende Musik zwingt die Zuschauer*innen in die Knie. Es gab hier nicht nur etwas für die Ohren, sondern auch für die Augen: An den Wänden werden passende Fotografien, Animationen und Farben projiziert. Der eigentliche Hingucker sind jedoch die Künstler selbst: Oppenheimer drischt auf sein Schlagzeug ein bis es fast auseinanderfällt, während Kaun tanzt, auf den Tisch springt und die Decke demoliert. Ihre laute Kunst macht Laune und gemeinsam wird gerockt bis die Polizei kommt – im wahrsten Sinne des Wortes.