Auf einen Tee mit Oliver Jahraus

„Das einzige Mittel gegen Sinnkrisen ist die Leidenschaft.“
Foto: Cora Kosch

Woher rührt diese Begeisterung für Geisteswissenschaften?

Geisteswissenschaften sind, wie gesagt, Reflexionsorgane für Reflexionsorgane. Das ist natürlich hochgradig spannend. Man kann beispielsweise in der Soziologie ein Instrumentarium entwickeln, mit dem ich beobachten kann, wie gesellschaftliche Prozesse ablaufen. In der Literaturwissenschaft kann man ein Instrumentarium entwickeln, mit dem man beobachten kann, wie Sinnbildungsprozesse ablaufen und damit überhaupt das entsteht, was immer man für Literatur hält. Daher sind die Geisteswissenschaften auch ganz zu Recht beliebt. Um das Argument der brotlosen Kunst zu entkräften: Wie viel Brot versprechen denn die Naturwissenschaften? Ich würde sagen, das verteilt sich hier wie dort gleich. Es mag freilich bestimmte Konjunkturen geben, doch gab es beispielsweise zu meiner Zeit enorm viele Abgänger der Jurisprudenz, die auch keiner brauchen konnte. Egal, was man heutzutage studiert, es kommt in der heutigen hochdynamisierten Berufswelt darauf an, was man mit und aus seinem Studium macht. Man kann auch ein Germanistikstudium hochgradig produktiv nutzen, weil in der Germanistik ja grundlegende Fähigkeiten vermittelt werden, wie der systematische Umgang, die Recherche und die Transformation von Wissen. Wenn Studierende also genügend Flexibilität haben, die in der Germanistik vermittelten Fähigkeiten anzuwenden und in verschiedene Kontexte einzubinden, dann finden diese ihr Brot.

Wieso haben Sie sich überhaupt für die Germanistik entschieden?

Diese Frage kann ich in der Tat nicht beantworten. Ich bin ein Kind aus einer Flüchtlingsfamilie. Meine Eltern haben aufgrund ihrer Biographie kaum Bildung bekommen und konnten mir diese auch nicht weitergeben. Gleichzeitig hatten sie aber die Überzeugung, die Kinder sollen es besser haben als sie selbst. Daher wurde ich auf ein Gymnasium geschickt. Nach den ersten Monaten in der fünften Klasse sollte ich von der Schule fliegen – aufgrund schlechter Leistungen in Deutsch. Das Gymnasium war nicht allzu groß, deshalb hat man auf meine Voraussetzungen Rücksicht genommen. Die Lehrer haben sich dann in ihrer Freizeit sehr um mich bemüht. In der siebten Klasse hatte ich dann unser Lesebuch freiwillig durchgelesen. So bin ich ans Lesen gekommen. Später wollte ich mein Lesen dann durch ein Studium professionalisieren. Meine Eltern hatten gar keine Ahnung, was Germanistik überhaupt ist, aber sie haben gespürt, dass da irgendeine Energie bei mir ist. Deshalb haben sie mir das Studium finanziert. Ich habe es wahnsinnig genossen, meinen Magister habe ich erst nach dem 12. Semester gemacht, weil ich das Studium so inspirierend fand: ein intellektuelles Abenteuer. Anschließend habe ich in kurzer Zeit meine Doktorarbeit geschrieben und dann stand fest, dass ich in meinem Leben nie wieder etwas anderes machen will. Und eines werde ich ihnen versprechen: Ich werde in meinem Leben auch nie wieder etwas anderes machen.

Gibt es überhaupt etwas, was sie neben der Literatur begeistert?

Ja, das muss sein. Ich glaube, jede Beschäftigung führt irgendwann einmal zu erheblichen psychischen Konsequenzen, wenn sie nicht ihrerseits eingerahmt werden kann. Es gibt in der Tat drei Dinge, die ganz wesentlich sind: 1. Motorradfahren, 2. Tauchen, 3. mein Hund. Das ist keine Reihung, nur eine nicht-hierarchisierte Aufzählung. Ich liebe es, Motorrad zu fahren. Ich finde Tauchen unheimlich toll, das ist eine ganz andere ontologische Welt. Und ich mag es auch, mit meinem Hund umzugehen, ihm zu sagen Sitz! oder Sitz nicht!, woraufhin er dann sitzt oder nicht sitzt.

Sie denken beim Tauchen an Heidegger?

Nein, eben nicht! Ich bin schon ein fortgeschrittener Taucher und mag es, anspruchsvoll zu tauchen. Das ist allerdings extrem gefährlich und eigentlich eine hochkonzentrierte Körperaktion. Unter Wasser muss ich ständig auf meine Atmung achten. Tauchen ist eine Tätigkeit, wo sämtliche geistige Energie wirklich in Körpererfahrung aufgeht. Das Tolle daran ist, der Heidegger ist dann unglaublich weit weg. Es gibt nur mich, meinen Tauchpartner und das phantastische Erlebnis unter Wasser.

Abschließend noch ein Tipp für angehende Germanisten?

Das ist ein bisschen schwierig, da die Belastung durch die derzeitige Studienstruktur relativ hoch ist. Zwei Dinge will ich mit auf den Weg geben: Sinnkrisen bleiben nicht aus. Wenn man sich mit Sinnstrukturen beschäftigt hat, kann man erkennen, dass Sinnkrisen ein intrinsisches Moment von Sinnprozessen sind. Was hilft gegen Sinnkrisen? Das einzige Mittel gegen Sinnkrisen ist die Leidenschaft. Es ist wie bei einer Partnerschaft. Es gibt Momente, da möchte man seinen Partner auf den Mond schießen, aber man liebt ihn ja trotzdem. Wenn man nicht wirklich eine Leidenschaft zu seinem Studienfach entwickelt, dann sollte man nicht studieren, dann ist man fehl am Platz. Dann sollte man was anderes machen. Der zweite Punkt ist – da bin ich mit meinem monolinearen Weg vielleicht wahnsinnig geeignet, Ihnen das zu sagen –: flexibel zu bleiben. Ich war in meinem ganzen Leben nie flexibel. Wenn ich das nicht machen könnte, was ich jetzt mache, ich weiß nicht, was aus mir geworden wäre – ein Negativbeispiel. Eine gewisse Flexibilität, das, was man macht, in unterschiedliche Kontexte einbringen zu können, das erscheint mir von enormer Wichtigkeit. Also Leidenschaft und Flexibilität.

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Prof. Oliver Jahraus, geboren 1964 im Allgäu, studierte Germanistik und Philosophie in München. Nach Assistenzstellen an der LMU und der Universität Bamberg, bekam er 2005 einen Ruf der LMU und ist seit dem Inhaber des Lehrstuhls für Neuere deutsche Literatur und Medien. Zuletzt erschien seine Monographie Die 101 wichtigsten Fragen: Deutsche Literatur.