Auf einen Tee mit Oliver Jahraus

Wieso gibt es in der Germanistik dann keine Ringvorlesung, wie es zum Beispiel in der Philosophie der Fall ist? Man könnte den Eindruck bekommen, dass sich die heutige Professorengeneration eher auf die Forschung konzentriert.

Ich kann diesen Eindruck gar nicht rundheraus abstreiten. Man könnte fragen, welche Gründe es für das Fehlen einer Einführungsvorlesung gibt. Der erhebliche Verwertungsdruck von Veranstaltungen in der Studienstruktur mag ein Grund hierfür sein. Wie würde man das seitens der Studierenden unterbringen? Wie kann man das mit verschiedenen Deputaten der Professoren verrechnen? Die organisatorischen Dispositionen sind also eher ungeeignet, so etwas umzusetzen. Wenn man ein Modul für eine Ringvorlesung in die Studienordnung setzt, ist man gesetzlich dazu verpflichtet, diese Vorlesung jedes Semester, zumindest regelmäßig anzubieten. Um diese Gefahr des Nicht-Gewährleisten-Könnens zu umgehen, macht man es lieber gleich gar nicht.

Wie bedeutsam ist die Vermittlung literaturwissenschaftlicher Inhalte im außeruniversitären Kontext?

Das ist sehr wichtig. Es gibt eine Tendenz zur Adressierung der professionellen Interpretation. Es gibt Leser, die denken sich: Was will der Autor mir sagen?, also diese althergebrachte hermeneutische Verballhornung. Dann entsteht gleichzeitig die Tendenz zu sagen: Ich gebe meine Frage an den Fachmann weiter. Veranstaltungen im Literaturhaus zum Beispiel sind sehr gefragt. Literaturwissenschaftler sind die eine Gattung von Profis, die anderen sind die Literaturkritiker. Diese hat es ja sogar bis ins Fernsehen geschafft und hat sich dort fest etabliert. Zwar sind die Literaturkritiker keine eigentlichen Profis, man muss aber folgendes sagen: Es ist eine Schaufensterveranstaltung. Man kann ja die Leute reinschauen lassen, doch was dort gezeigt wird, ist jedoch nicht die eigentliche Wissenschaft. Diese Formen der Popularisierung sind zwar gut und auch wichtig, ich will jedoch nicht, dass diese mit der Wissenschaft selbst verwechselt werden.

„Ich habe diese Marotte, im Kino dauernd auf die Uhr zu schauen.“ Foto: Cora Kosch

Benutzen sie eigentlich literaturwissenschaftliche Theorien in Ihrem Alltag? Helfen Theorien Ihnen beim und im Leben?

Ich würde sagen, ja. Die Literaturwissenschaft ist nicht nur eine Wissenschaft über die Literatur, sondern gleichzeitig auch eine Wissenschaft über die Gegenstände der Literatur. Es sind ja zum Beispiel Beschreibungsmodelle psychischer Prozesse. Jedes Erleben ist sozusagen gefiltert durch das Erleben, das man über die Literatur vermittelt bekommt. Somit lautet die Antwort also ja.

Kann die Theorie auch stören, beispielsweise beim unbeschwerten Mediengenuss?

Es gibt ja die sogenannte déformation professionelle. Das kann auch ich leider nicht abstellen. Ich habe diese Marotte, im Kino dauernd auf die Uhr zu schauen. Ich frage mich Sachen wie: Wie lange dauert die Insinuatio des Films? Wie lange dauert es, bis die Hauptfigur eingeführt wird? Und so weiter. Manchmal möchte ich mich einfach nur ins Kino setzen und den Film genießen. Das ist jedoch sehr schwer. Ich experimentiere dann immer mit mir selbst, wann ich in die déformation professionelle rutsche und wann ich den Film einfach nur genieße. Das eigentliche Vergnügen ist es dann zu sehen, ob ich heute Filmwissenschaftler oder einfach nur Kinogänger bin.

In welche Richtung entwickelt sich die heutige Germanistik?

Letzten April auf einer Tagung zum Thema Zukunft der Germanistik wurde mir genau diese Frage gestellt; ich habe sie unwirsch zurückgewiesen. Bei solchen Fragen nach einer Prognose kann man sich nur blamieren. Wollen wir jedoch trotzdem in die Zukunft der Literaturwissenschaft blicken, dann müssen wir zuerst in die Vergangenheit sehen. Wie war denn eigentlich die Theorieentwicklung der letzten Jahrzehnte? Wir können auch dies zum wissenschaftlichen Gegenstand machen und somit das Abstraktionsniveau so lange erhöhen, bis wir bestimmte Muster der Theoriebildung erkennen können. Dann kann man weiterhin die Frage nach den Prinzipien stellen, nach denen sich solche Muster ausbilden. Die beiden großen gegenläufigen Leitprinzipien, die sich erkennen lassen, sind die Rückkehr zum Text sowie die Ausweitung des Textbegriffs. Diese Muster haben sich permanent wiederholt. Betrachtet man die Zeit nach Hermeneutik und Strukturalismus, wurde der Textbegriff durch Rezeptionsästhetik, Dekonstruktion und Kulturwissenschaft sehr erweitert. Dann kam eine Re-Philologisierung, da ging dieser Trend wieder zurück. Gumbrechts Präsenztheorie führte wieder zu einer Erweiterung. Man könnte also prognostisch erwarten, dass das Feld der Literaturwissenschaft sich weiter nach diesen Prinzipien ausdifferenzieren wird. Man könnte aber auch andere Prinzipien beobachten.

Haben Sie selbst einmal mit dem Gedanken gespielt, ein literarisches Werk zu verfassen?

Ich habe natürlich nie mit dem Gedanken gespielt, sondern ich produziere ständig literarische Texte. Jedoch sind meine literarischen Ergüsse besser gehütet als das Gold in Fort Knox. Als Literaturwissenschaftler habe ich natürlich ein Gespür für literarische Qualität. Die literarische Qualität meiner eigenen Texte hat noch nicht jenes Stadium erreicht, in dem sie öffentlichkeitskompatibel sind. Ich laufe aber dauernd mit dem Gedanken herum, irgendwann einmal den großen Roman zu schreiben! (lacht) Jetzt mal etwas ernsthafter: Ich glaube, das sind zwei ganz unterschiedliche Felder. So eng Literaturwissenschaft und Literatur auch systemisch zusammenhängen, so gründlich sind sie praktisch getrennt. Ich sage immer zu mir selber: Schuster, bleib bei deinen Leisten.

Bei Begegnungen mit Schriftstellern, beispielsweise auf Podiumsdiskussionen oder in Seminaren, stellt sich nicht selten ein Gefühl der Ernüchterung ein. Oftmals scheint es, dass viele Schriftsteller überhaupt nicht wissen, was sie da eigentlich machen. Geht es Ihnen ähnlich?

Mir geht es in der Tat ähnlich. Dieses Konzept des poeta doctus ist nicht so weit verbreitet, wie man meinen möchte. Es gibt Literaten, mit denen kann man sich auf höchstem literaturwissenschaftlichem Niveau unterhalten, weil sie selber ausgebildet sind, weil sie einen immensen nicht nur literarischen, sondern auch literarhistorischen Erfahrungsschatz haben. Es gibt jedoch auch die Literaten, die kognitiv übersichtlich sind. Das ist jedoch gar nicht schlimm, ich lese ja nur deren Texte. Natürlich kommen die manchmal in die Versuchung, sich selbst auf einer Meta-Ebene zu äußern. Das gilt auch für Literaten, die glauben, nur weil sie auf Schulaufsatz-Niveau einen Roman zustande gebracht haben, sind sie nun auch berufen, politische Konstellationen kommentieren zu müssen. Da könnte ich Ihnen auch sehr viele Namen nennen, das unterlasse ich jetzt aber lieber (lacht). Das Phänomen von Ernüchterung macht sich da schon breit. Aber gut, man muss das ja nicht zeigen.