„Masken sind ein Zeichen des Respekts“

Auch in Deutschland ist die Mundschutzpflicht angekommen. Was hier fremd und ungewohnt erscheint, gehört in Peking oder Taiwan zum Alltag. Was sich daraus lernen lässt.

Kennen sich mit dem Tragen von Masken aus: Yi-Yun Lin (26, l.) aus Taiwan promoviert an der LMU, Theresa (27) aus Deutschland lebt in Peking © Foto: Yi-Yun Lin und Theresa Stubhan

Von Nina Beier und Pauline Kolbeck

Erst wurde davon abgeraten, dann folgte die Empfehlung, und jetzt die Pflicht: Die Rede ist von Schutzmasken. Seit Montag ist es in fast allen deutschen Bundesländern verpflichtend, in Geschäften und öffentlichen Verkehrsmitteln Mund und Nase zu bedecken. Und wer weiß, wenn das öffentliche Leben weiter hochgefahren wird, gilt das vielleicht bald auch im Café, im Kino oder an der Uni. Doch noch ist die Skepsis groß, das Tragen von Masken hierzulande schlicht nicht üblich – ganz anders als in Fernost.

Januar 2020: Während im Rest der Welt alles noch in Ordnung scheint, hat die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus das Leben in China bereits auf den Kopf gestellt, auch in Peking, einer Stadt, die niemals schläft – eigentlich. „Wie eine Geisterstadt“, so beschreibt die 27-jährige Theres Stubhan aus Deutschland, die seit 2017 in China lebt, die leeren Straßen der Hauptstadt. Ihre Freund*innen raten ihr, das Haus am besten nicht mehr zu verlassen. Wenn Theresa es doch tut, dann nur mit Maske. Die wenigen Leute, denen sie begegnet, tragen auch alle Maske. Wer es nicht tut, wird schräg angeschaut.

Wer in Peking keine Maske trägt, erntet schräge Blicke

Etwa zur gleichen Zeit befindet sich die 26-jährige Yi-Yun Lin nicht weit entfernt in Taiwan. Normalerweise lebt sie in München, wo sie an der Ludwig-Maximilians-Universität in Biophysik promoviert. Für das chinesische Neujahrsfest ist sie zu ihrer Familie nach Taiwan gereist. Durch die geographische Nähe zu China und die Erfahrungen aus der SARS-Pandemie im Jahr 2002 herrscht dort große Angst vor dem neuen Virus. Kurz nachdem es am 21. Januar den ersten Corona-Patienten in Taiwan gibt, sind alle Masken ausverkauft. Als Yi-Yun ihren Rückflug nach Deutschland antritt, trägt jeder im Flieger einen Mundschutz – quasi eine neue Normalität. In Dubai, wo sie den Flieger wechseln muss, überkommt sie ein Schock: „Auf dem Flug nach München hat keiner eine Maske getragen“, sagt sie. „Ich war die Einzige.“

Zu diesem Zeitpunkt scheint die Gefahr durch das Coronavirus in Deutschland weit entfernt. Masken? Sieht man höchstens auf Bildern aus Kliniken. Zurück in München trägt auch Yi-Yun anfangs kaum Masken – unter anderem aus Angst davor, blöd angemacht zu werden: „Die Leute denken, dass du ansteckend bist.“ Anders als in China oder Taiwan würden in Deutschland diejenigen stigmatisiert, die Mundschutz tragen. Dass mittlerweile eine Maskenpflicht in Deutschland gilt, kam für Yi-Yun unerwartet.

Offensichtlich ist: Im Vergleich zu ostasiatischen Ländern sieht man in Deutschland weniger Maskenträger*innen. Doch in den vergangenen Wochen tut sich offenbar etwas: Es wird mehr Rücksicht aufeinander genommen. Menschen bemühen sich, Abstand zueinander zu halten, und bedecken teilweise Mund und Nase – freiwillig, schon vor der Maskenpflicht. Doch wie gut schützen solche Masken wirklich?

Schutzmasken, so der derzeitige Kenntnisstand, können die Ausbreitung von Infektionskrankheiten verringern, die wie die neuartige COVID-19 Erkrankung über Tröpfcheninfektion übertragen werden. Wer hustet, niest, spricht oder einfach nur atmet, stößt Tröpfchen aus, in denen Viren eingeschlossen sein können. Masken können diese Tröpfchen auffangen und somit Tragende und ihre Umgebung schützen.

Wie stark die Wirkung ist, hängt von der Art der Maske ab: FFP-Masken (Filtering Face Piece) filtern Partikel beim Einatmen aus der Luft, während OP-Masken (auch Mund-Nasen-Schutz genannt) nur wenig Schutz für den Tragenden selbst bieten. Allerdings können sie Mitmenschen schützen, indem sie ausgestoßene Tröpfchen auffangen. Das Tragen von OP- und FFP-Masken ist allerdings umstritten, da diese derzeit dringend für Angestellte im Gesundheitswesen gebraucht werden. Auch aus diesem Grund ist nun immer häufiger die Rede von selbstgemachten Mundschutz-Alternativen. Je nach Material können diese durchaus effizient sein.

Entscheidend für den Nutzen aller Maskentypen ist vor allem, sie richtig zu verwenden. Expert*innen befürchten, dass Menschen sich durch falsches Tragen eher anstecken oder andere Maßnahmen wie regelmäßiges Händewaschen oder Abstand halten vernachlässigen könnten.

Verhüllung teils auch wegen hoher Luftverschmutzung

Befürchtungen rühren unter anderem daher, dass das Tragen von Masken in Deutschland eine Neuheit ist. Yi-Yun ist dagegen mit Masken in Taiwan aufgewachsen, denn seit SARS sind sie dort im Grunde alltäglich: Als Erkrankte*r eine Maske zu tragen, gilt als selbstverständlich. Inzwischen werden Masken aber auch aus ganz anderen Gründen genutzt: Sie sind politisches Symbol derer, die keine Stimme haben, oder gelten – ganz banal – als modisches Accessoire. „Teenager tragen sie um cool zu sein“, sagt Yi-Yun.

In Theresas WG in Peking gibt es eine ganze Sammlung an Masken, sogar welche vom Typ FFP2 – aber nicht unbedingt wegen der Corona-Krise. Die Luftverschmutzung ist ein großes Problem in China, daher gehören Atemschutzmasken zum Straßenbild dazu. „In Deutschland habe ich noch nie eine Maske getragen“, sagt Theresa. „Aber hier gewöhnt man sich einfach daran.“

Zuletzt bekam Theresa sogar von ihrem Praktikums-Arbeitgeber FFP2-Masken gestellt. Mit der Zeit ist sie aber zu den einfacheren OP-Masken übergegangen. Vor dem Ausbruch hatte sie diese noch nie getragen, sie habe keinen Sinn darin gesehen, sagt sie. Durch die Corona-Pandemie betrachte sie das jetzt anders: „Sie mögen mich selbst vielleicht nicht schützen, aber sie helfen dabei, andere zu schützen. Es ist nicht bequem, aber es ist ein Zeichen des Respekts und der Rücksicht auf andere.“

 

Philtrat-Coronaservice: Im Newsblog: Corona & Campus sammelt die Redaktion laufend Informationen, Tipps, wer wie unterstützt werden kann, und Links betreffend die Auswirkungen von Covid-19 auf das Studierendenleben in München.

© Illustration: Nina Beier