Jasmine Ellis’ „Empathy“: Zwischen Mitgefühl und Ignoranz

"Empathy" (v.l.n.r.): Evelyne Rossie, Lukas Malkowski, Yael Cibulski, Maximilian Hirning, Lukas Bamesreiter, Luca Cacitti (c) Ray Demsky

Die Fähigkeit, sich in die Gefühle eines anderen Menschen hinein zu versetzen, scheint in unserer heutigen Gesellschaft ein rares Gut zu sein. Angetrieben von der Schnelllebigkeit der Dinge und zu immer höherer Leistung getrieben, bleibt oft wenig Zeit, wahrhaftig Anteilnahme an seinen Mitmenschen zu zeigen. Jasmine Ellis’ Tanztheaterstück „Empathy“ versucht sich an einer Bestandsaufnahme der heutigen Gesellschaft.

„Empathy“ (v.l.n.r.): Evelyne Rossie, Lukas Malkowski, Yael Cibulski, Maximilian Hirning, Lukas Bamesreiter, Luca Cacitti © Ray Demsky

Von Sarah Schedl

Die kanadische Choreographin Jasmine Ellis hat sich dieses Themas angenommen und zeigt in ihrem Tanztheaterstück ein fragiles Konstrukt von Begegnungen und Stimmungen, das durch dünne Seile, die vom Publikum aus auf die Bühne gespannt sind, scheinbar zusammengehalten wird. Am vergangenen Donnerstag wurde es im Schwere Reiter im Rahmen des RODEO Festivals in München aufgeführt. Begleitet von drei Musikern, die entweder virtuos auf dem Cello spielen, auf der Gitarre ein Liebeslied für eine unbekannte aus den Publikum anstimmen, oder mit Bläsern und Keyboard einen pulsierenden Elektro-Sound produzieren, geben sich zwei Tänzerinnen und zwei Tänzer den Klängen hin – mit beeindruckenden tänzerischen Fähigkeiten.

Zu Beginn tanzt jede*r für sich und man erkennt die einzelnen Persönlichkeiten durch ihre individuelle Ausdrucks- und Bewegungsweise, welche sich im Verlauf des Stückes immer mehr durch Formationen und identischen Bewegungsmustern angleichen, um dann doch wieder auseinander zu fallen. Es besteht eine ständige Interaktion mit den Musikern und manchmal verschwindet die Grenze zwischen ihnen und den Tänzer*innen gänzlich.

Es bleibt allerdings nicht bei Musik und Tanz. Denn Ausdruck verleihen sie auch durch ihre Stimme, wenn in extatischen Bewegungen Schreie dazukommen, in ruhigeren Momenten Gesang, oder flüsternd kommentiert vor einem Mikrophon simple Vorgänge in den Fokus gestellt werden, wie ein Glas Wasser austrinken, das Knistern eines Bonbonpapieres oder das Öffnen und schließen eines Reißverschlusses. Der stetige Atmosphären- und Performancewechsel lässt keine Langeweile aufkommen. Und man ist als Zuschauer gespannt, was als Nächstes kommt.

Es gibt Momente, die besondere Aufmerksamkeit und Mitgefühl erregen. Wenn das Kollektiv beispielsweise auf ein Geschehen konzentriert ist und ein Darsteller mehrmals die Besinnung verliert, sind einige sofort zur Stelle, um ihn aufzufangen. Oder, wenn eine Tänzerin zusammengekauert und zitternd vor sich hinstarrt, einige wenige ihre Körpersprache aufnehmen, um ihre Gefühle zu verstehen, sich aber davor scheuen sich diesem Vorgang vollkommen hinzugeben. Anschließend brechen sie in heftiges, gezwungenes Lachen aus, um diesen Moment der wahren Gefühlsoffenbarung und Verletzlichkeit zu überspielen. Andere wiederum bemerken diese Zustände überhaupt nicht und lassen sich nicht von ihrem Treiben ablenken.

Der Abend wechselt zwischen starken tänzerischen Momenten, intimen Stimmungen und kleinen Schauspielszenen, die fließend in einander übergehen und beim Zuschauer alle Sinne ansprechen. Manchmal kann man sich im Geschehen fallen lassen, manchmal treffen einen Mitgefühl oder Ignoranz direkt ins Gesicht. Jasmine Ellis zeigt auf ihre eigensinnige und doch humorvolle Art und Weise eine in sich stimmige Collage zwischenmenschlicher Gefühle, ohne jedoch belehren zu wollen, was dem Zuschauenden die Möglichkeit gibt, sich eine eigene Wahrheit zu bilden.

 

Weitere Vorstellungen: 15. und 16. Oktober, jeweils 20.30 Uhr
Tickets: Schwere Reiter