„Erweitert eure Horizonte!“

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Lindwurmstraße 71. Ich treffe in einem lichten, warmen Büro am Goetheplatz auf Irena Wunsch, Stefanie Vogel und Sebastian Menzel. Irena ist Leiterin des Bereichs Beratung und Prävention der Münchner Aidshilfe. Stefanie und Sebastian widmen sich der Initiative rosaAlter, der Beratungs- und Vernetzungsstelle für ältere Lesben, Schwule und Transgender. Bei Kaffee und Tee kommen wir sogleich ins Gespräch.

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Das Gespräch führte Lisa Chi

Was genau macht die Münchner Aidshilfe, welche Aufgaben nimmt sie wahr?

Irena: Wir sind eine soziale Einrichtung, die in den 80er Jahren aus der Selbsthilfe entstanden ist. Die Tätigkeit der Münchner Aidshilfe (MüAH) unterteilt sich in verschiedene Arbeitsbereiche, da gibt es zunächst den Bereich Beratung und Prävention, für den ich zuständig bin. Hierunter fallen die HIV- Beratungsstelle, rosaAlter sowie die Trans-Inter-Beratungsstelle. Der Bereich Arbeit und Beschäftigung hilft Menschen mit sogenannten „Vermittlungshemmnissen“, also Menschen, die auf dem Arbeitsmarkt mit besonderen Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Bei uns können sie zum Beispiel im Café Regenbogen oder im Tagungszentrum eine Beschäftigung finden. Ein weiterer Bereich ist das betreute Wohnen. Ursprünglich richtete sich dieses Angebot ausschließlich an HIV-positive Menschen, damals gab es noch ein Hospiz. Aber das hat sich heute geändert, auch Menschen aus der LGBTI-Community können einen Wohnplatz beantragen.

Stefanie: Als Beratungsstelle vernetzen wir in die Community, wir machen auch Hausbesuch. Zudem haben wir einen Aufklärungsauftrag, wir möchten nach außen deutlicher sichtbar werden.

Was hat euch zu der Münchner Aidshilfe geführt?

Sebastian: Ich bin zuvor in einem Verein aktiv gewesen, der Menschen berät und auch Selbsthilfegruppen unterhält. Dann hat mein Vorgänger hier aufgehört – und jetzt bin ich da. (lacht)

Irena: Ich habe einen sozialpädagogischen Hintergrund. Vor ca. 25 Jahren war ich für HIV-Prävention im Drogenbereich bei der Stadt München zuständig, davor habe ich in San Francisco Ende der 80er, Anfang der 90er viel HIV-Arbeit gemacht. Danach war ich wieder lange Zeit bei der Stadt beschäftigt, wollte aber etwas Neues machen. Als bei der Aidshilfe eine Leitungsstelle frei wurde, habe ich mich gemeldet.

Stefanie: Ich bin auch Sozialpädagogin und seit vielen Jahren in der Beratung tätig. Ich habe lange in einem Verein gearbeitet, der Beratung und Betreuung für psychisch kranke Menschen anbietet. Dann habe ich noch eine Ausbildung zur Kinder- und Jugendtherapeutin absolviert. In der Erziehungsberatung und in der jüdischen Gemeinde war ich ebenfalls tätig. Ich möchte Menschen, die es in der Gesellschaft schwerer haben, unterstützen.

Wie gestaltet sich eurer Alltag als Berater*innen? Welche Aufgaben begegnen euch dabei?

Stefanie: Lesbische Seniorinnen haben gelernt, sehr unabhängig zu sein und eher keine Hilfe in Anspruch zu nehmen. Diejenigen, die ich kennengelernt habe, sind seit vielen Jahren organisiert, sie haben eigene Selbsthilfestrukturen aufgebaut. Der „Lesbensalon“ ist zum Beispiel eine eigenständige Selbsthilfeinitiative. Sporadisch berate ich aber noch immer einzelne Klientinnen, dann geht es um Vereinsamung. Sie möchten sich auch keiner Gruppe anschließen.

Sebastian: Wir machen auch Schulungen, für Altenpfleger beispielsweise. Viele Menschen haben einen schwierigen Weg hinter sich. Die ältere Generation schwuler Männer hat noch unter §175 des deutschen Strafgesetzbuches gelitten, einige waren aufgrund ihrer sexuellen Orientierung im Gefängnis. Jemand mit dieser Geschichte hat einen anderen Hintergrund, der hat vielleicht niemanden, weil sein Partner bereits verstorben ist. Bei Senior*innen der Trans-Inter-Community ist die körperliche Pflege ein wichtiger Punkt. Die Betroffenen haben entsprechend andere Bedürfnisse. Über die muss man Bescheid wissen.

Irena: Unsere Klient*innen kommen mit vielen Problemen zu uns. Einer unserer Klienten ist jetzt verwitwet, da zählt Trauerbegleitung auch zu unseren Aufgaben. Dann kann es sein, dass jemand körperlich gebrechlicher wird. Wir überlegen in so einem Fall zum Beispiel, was man an ambulanter Hilfe organisieren kann.

Stefanie: Im Rahmen von rosaAlter organisieren wir auch eine Nachbarschaftshilfe. Ehrenamtliche aus der LGBTI-Community unterstützen dabei Senior*innen im Alltag. Zweimal im Jahr findet ein Nachbarschaftshilfe-Fest statt, das liegt auch im Sinne unserer Vernetzungsarbeit und der Stärkung der Community.

Ihr seid noch ein sehr junges Team; im Schnitt erst seit einem Jahr bei der MüAH. Hat sich denn bisher etwas für euch verändert? Gab es Überraschungen, neue Herausforderungen?

Irena: Ich bin froh, hier zu sein, ich habe mir gedacht: „Wow, was für engagierte Menschen hier arbeiten!“ Es ist ganz viel Herzblut mit dabei, aber manchmal kann es enttäuschend sein, wenn man es nicht gedankt bekommt. Ich musste auch feststellen, dass es innerhalb der Community Schwierigkeiten gibt, was mich ein bisschen frustriert. Es ist wichtig, inklusive Arbeit zu betreiben, die ganzen Gruppen zusammenzubringen. Öffnet euch Leute, erweitert eure Horizonte!
Ich habe zuvor noch nie im LGBTI-Bereich gearbeitet. Bei rosaAlter habe ich viele kennengelernt, die schon immer politisch aktiv gewesen sind, die für Gleichberechtigung, für die Sichtbarkeit von Lesben gekämpft haben. Wir hatten im Februar eine Veranstaltung zur Frauen- und Lesbenbewegung, da war dieses Gefühl von Community da: Alle sind wir da und haben ein ähnliches Bewusstsein, eine Vision, wie es heute noch sein kann. Solche Erfahrungen habe ich immer wieder in dieser Stelle.

Stefanie: Das ist der große Wunsch, dass wir einer bestimmten Menschengruppe keine besondere Aufmerksamkeit mehr schenken müssen. Dass wir uns als gleich empfinden, auf Augenhöhe. Dann braucht es auch keine Akzeptanz mehr. Das mitzunehmen, das fände ich gut. (lächelt)

§ 175 trat am 1. Januar 1872 in Kraft. Unter ihm waren sexuelle Kontakte zwischen Männern strafbar. Erst am 11. Juni 1994 wurde § 175 aus dem deutschen Strafgesetzbuch gestrichen. Zum Hintergrund hier klicken.