#ImpressMUC: So war’s beim Tweetup in der Neuen Pinakothek

Von Matthias Dicks

München, kurz vor Ende des 19. Jahrhunderts. Die Schlange legt sich bedrohlich um den entblößten Oberkörper einer jungen Frau. Der Großteil des Tieres lässt sich im Dunkeln nur erahnen. Während die Frau lasziv ausweicht, stechen die unheimlichen Augen der Bestie aus ihrem metallenen Kopf hervor und erwidern den Blick der Betrachter. Was die Schlange sieht, bleibt nur zu vermuten – schockierte Gesichter, gesunkene Kinnladen, empörte Kritiker. Als Franz von Stuck “Die Sünde” im Jahre 1893 vorstellte, war das Werk ein Skandal. Die ersten Betrachter, die sich der Schlange gegenüber sahen, wagten erst draußen, das Werk zu kritisieren.

Knapp 125 Jahre später blickt die Schlange auf uns – zwanzig junge Menschen, die, statt ihren Blick zu erwidern, gebannt auf diverse Mobiltelefone starren. Studenten der Kunstgeschichte haben zum Tweetup in die Neue Pinakothek eingeladen. Einige Interessierte haben sich dort eingefunden, um in den nächsten 90 Minuten Kurzvorträgen zu Werken des Impressionismus zu lauschen. Andere beteiligen sich auf Twitter unter dem Hashtag #ImpressMUC am Geschehen, stellen Fragen und kommentieren.

Wir schauen noch einmal auf zu Frau und Schlange und bewegen uns zum Teich vor dem Hause Claude Monets. Seine “Seerosen” sind Teil einer Serie aus 48 Gemälden, die Monet am Teich vor seinem Haus in einem Dorf in der Île-de-France malte. Während die klassischen Maler ihre Tage im Atelier verbrachten, zog es die Impressionisten nach draußen. Das Spiel des Tageslichts auf einem Seerosenteich an einem Tag irgendwann
zwischen 1914 und 1917 in Giverny kann man noch heute in dem Gemälde Monets nachempfinden.

Austern zum Frühstück

Circa 50 Jahre früher als die Seerosen: Wir befinden uns im Atelier Edouard Manets und blicken auf einen jungen Mann vor einem reich gedeckten Tisch. Wir blicken auf Léon Koëlla Leenhoff, den Sohn der Pianistin Suzanne Leenhoff, Manets Frau. Vermutlich war Manet auch Léons Vater. Während wir seinen Modegeschmack bewundern, fragen wir uns, ob das Messer zu seiner Linken bald vom Tisch fallen wird oder nicht. Léon schaut leicht am Betrachter vorbei und wirkt in seinem dandyhaften, kultivierten Habitus etwas fehl am Platz in der ländlichen Stube. Tatsächlich kam auch Manet aus reichem Hause und hatte wohl ebenso eine Vorliebe für elegante Kleidung. Sein Vermögen nutzte er unter anderem auch, um hin und wieder Monet finanziell unter die Arme zu greifen.

Uns zieht es — wie die Impressionisten — wieder nach draußen. Vom Atelier ans Seineufer in Argenteuil. Im Sommer 1874 laufen wir hier einigen berühmten Impressionisten über den Weg, darunter Sisley, Renoir sowie erneut – Manet. Jener sitzt am Fluss und malt seinen Wegbegleiter Claude Monet und seine Frau, die in einer Barke auf der Seine dümpeln. Wieder erwidern Manets Figuren nicht den Blick der Betrachter. Monet ist in seinem Boot gänzlich auf sein eigenes Gemälde konzentriert und seine Frau schaut ihm beim Malen zu. Ein Blick auf das Wasser im Bild legt die Vermutung nahe, dass in diesem Bild die Malweise Monets von Manet imitiert wurde.

Geburt und Tod

Zum Abschluss werden wir Zeuge einer Geburtsszene mit Engel, Rindern und Heiligenscheinen – auf Tahiti. Paul Gauguin fertigte hier 1896 sein Gemälde “Die Geburt”, ein Gemälde der Geburt seines Kindes, das wenige Tage später verstarb. Die noch jugendliche Kindesmutter liegt auf dem Bett. Ihr Heiligenschein hebt sich kaum ab vom Gelb des Kopfkissens. Das Kind liegt in den Armen einer Amme, die der Darstellung eines tahitianischen Totengeistes ähnelt. Hinter ihr nimmt ein grüngeflügelter Engel das Neugeborene in Empfang.

Der Abend endet ähnlich unheimlich wie er begonnen hat. Nachdem wir in Deutschland die Schlange beobachten haben konnten, deren Häutung die Wiedergeburt symbolisiert, enden wir — nach einigen Abstechern in französische Dörfer — in einer Geburtsszene in Haiti, deren Hauptthema zugleich der Tod ist. Während schließlich einige noch Schnappschüsse mit mitgebrachten Requisiten vor van Goghs “Sonnenblumen” schießen, schauen wir erneut auf unsere Mobiltelefone.

Der Hashtag #impressMUC hat einige Kommentare, Tweets und Stories nach sich gezogen, die Ihr Euch hier ansehen könnt!