„Away | Takiy“ trifft Penelope: Was Mathe und Musik verbindet

Musikprogrammierung von Alex McLean (c) Marina Holzmann

Musikstudierenden ist es schon seit langer Zeit bewusst: Musik und Mathematik sind verwandt. Für die Theaterwelt dürfte dies jedoch eine neue Erkenntnis sein. Performance und Technik sollen unmittelbar zusammenhängen? „Niemals“ werden Sie vielleicht sagen. Dass dies tatsächlich möglich ist, beweisen jetzt Sandra de Berduccy mit ihrem Programm „Away | Takiy“ und das Forschungsteam von Penelope.

Von Marina Holzmann

Die bolivianische Medienkünstlerin Sandra de Berduccy hat sich auf eine traditionelle Webtechnik aus den Anden spezialisiert. Seit September ist sie mit ihrem Programm „Away | Takiy“ in München. Im Rahmen des RODEO Festivals stellte sie am 9. Oktober ihr neuestes Projekt vor. Was zunächst den Anschein eines gewöhnlichen Wandteppichs erweckt, stellt sich dabei schnell als ein ganz besonderes Kunstwerk heraus. Denn in das Muster sind spezielle Fäden eingewebt, die Strom leiten und dadurch als kapazitive Sensoren dienen. Berührt man diese Stellen, so werden unterschiedliche Klänge ausgelöst.

Musikprogrammierung von Alex McLean © Marina Holzmann

Zu Beginn der Ausstellungseröffnung spricht die Künstlerin zunächst über die Besonderheiten der Webtechnik und die Funktionsweise des Kunstwerks. Dabei bekommen die Zuschauer*innen auch einen Einblick in die Geschichte der Figur Penelope, die gleichzeitig Namensgeberin des beteiligten Projekts ist. Es folgt eine kleine Performance des Penelope-Teams, die Dichtung, Webkunst und Technik in Zusammenhang stellt. Die Idee dahinter: Webkunst als digitale Technik.

Was für die Zuschauer*innen anfangs unglaublich, bisweilen sogar abwegig klingt, entpuppt sich als durchaus plausibel, wenn man den Grundgedanken des Experiments bedenkt. So wie die von Sandra de Berduccy angewandte Webtechnik auf bestimmte Art und Weise die einzelnen Fäden und Reihen miteinander verknüpft, so folgt auch die Lyrik einem bestimmten Muster, das die einzelnen Verse und Zeilen verbindet. Sie sind miteinander verwoben.

Untermalt wird das Ganze mit elektronischer Musik, die Alex McLean vor den Augen der Zuschauer*innen auf seinem Laptop programmiert. Das Sahnehäubchen sind die kleinen Roboter, die sich zur Musik bewegen. Sie werden über eine komplizierte Anordnung von binären Codes gesteuert, die auf dem dazugehörigen Bildschirm als gewebtes Muster dargestellt werden und somit perfekt in das Gesamtkunstwerk passen.

Bei der Performance schleichen sich einige Fehler und Missgeschicke ein: Roboter kippen um, Musik und Rhythmus der Dichtung passen stellenweise nicht mehr zusammen. Die Künstler*innen lassen sich davon jedoch nicht beirren, tragen es mit Humor. Und auch das Publikum nimmt es ihnen nicht übel. Schließlich ist es die erste Zusammenführung der einzelnen Teile, eben ein Projekt, das als Experiment verstanden wird. Dabei geht es nicht um Perfektion, sondern um neue Denkansätze und eine bisher nicht dagewesene Verbindung mehrerer Elemente.

Tanzende Roboter der Penelope Performance © Marina Holzmann

Am Ende blickt man in begeisterte, aber verständnislose Gesichter: Das System ist so komplex, dass es den meisten schwer fällt, es zu verstehen. Dies scheinen die Künstler*innen bereits geahnt zu haben, denn nun folgt der Höhepunkt des Abends. Die Zuschauer*innen werden eingeladen, alles selbst auszuprobieren. Wie so oft im Leben bringt die praktische Erfahrung Licht ins Dunkel. Das Ganze ist kein Hexenwerk. Und sobald man das Grundprinzip verstanden hat, stellt man schnell fest, dass es nicht so kompliziert ist wie vermutet. Auch wenn einige Verständnislücken offen bleiben, macht es richtig Spaß. Am beliebtesten ist beim Publikum der gewebte Teil des Werks, da es einfach zu bedienen ist und unmittelbare Effekte erzeugt. An die Computer trauen sich nicht alle heran. Doch diejenigen, die es versuchen, lernen schnell, eigene Rhythmen zu programmieren und sind danach umso begeisterter.

Die Künstler*innen sind die ganze Zeit anwesend, stehen mit Rat und Tat zur Seite und beantworten geduldig die Fragen der Zuschauer*innen. Jeder kann etwas von dem Abend mitnehmen, und sei es nur die Erkenntnis, dass es in der Kunst mehr gibt, als zuvor angenommen wurde. Letzten Endes ist es das, was Kunst und Theater wirklich ausmacht: seinen Horizont immer wieder zu erweitern und neue Wege zu finden, sich auszudrücken. Ein gelungener Auftakt also für ein einzigartiges Projekt, von dem man hoffentlich in Zukunft mehr hören wird.