Kulturphilter

Monstren der Gesellschaft

Das Künstlerduo Mahlergruppe fragt sich im kunstraum nach dem Mythos des Ausstiegs und der Geschichte der 90er Drogenszene auf dem Platzspitz in Zürich

Es überragt die meisten Besucher, drängt sich aber nicht auf, besticht nicht durch augenfällige Formen oder Farben. Wie nach einem Regenguss sind die kühlen Farben ausgewaschen. Auf den weißen Wänden der Galerie Kunstraum geht es fast als Höhlenmalerei durch: Das 2013 entstandene Gemälde des Künstlerduos Mahlergruppe, über das hier in der Hauptsache gesprochen werden soll, zeigt eine Szene des Züricher Platzspitzparks in den 90ern als er noch als Needle Park Schlagzeilen machte: Dort hatten sich nach und nach 3000 Drogenkonsumenten zu der größten offenen und tolerierten Drogenszene Europas zusammengefunden.

In dieser Gesellschaft gibt es keinen Himmel, kein Licht, keinen Wechsel der Tageszeiten, keine Perspektive. Ein dreifach versetzter Horizont, der mit Gebäuden und Personen gesäumt ist, verhindert den Blick in den Himmel, die kühlen Farben lassen keinen Schluss auf eine Tageszeit zu. Hintergrund und Vordergrund unterschieden sich nur durch die Größe der Elemente, nicht durch Farbgebung oder Perspektive. Eine bleiche Wirrnis unzähliger symbolischer und narrativer Einzelteile zeichnet die Aussteigergesellschaft in einer klammen Atmosphäre. In einer Mixtur aus Kubismus und abstrakter Kunst ergibt sich ein Realismus: Die Darstellung der Wirklichkeit, wie sie ist (oder besser: war).

Auf dem Bild sind zahlreiche Personen abgebildet, die über Gesten und Symbole miteinander verwoben sind. Da findet sich beispielsweise im Vordergrund mittig eine grotesk entstellte, gebückte Person, die zwischen zwei Personen eingekesselt ist. Die Vordere ist ihr beim Setzen einer Spritze behilflich, während die Hintere sie in die gebückte Haltung niederdrückt. „Aufs Schafott bringen“, nennen das die Künstler. Die Parallelgesellschaft tyrannisiert sich selbst. Die Zentralperson wird durch einen gewaltigen, maschinell anmutenden Apparat aus Strichen und kantigen, spitzen Formen durchzogen, durchtrieben könnte man fast sagen. Ein farbige Ebenbild des Strahlenkranzes um die Figur findet sich am linken Bildrand wieder. In diesem wiederum ist eine kleine Figur zu sehen, die ein Loch an der Stelle ihres Herzens trägt. Der Rausch schwebt, es scheint sogar, als habe er Heiligen- und Visionscharakter.

Der linke Arm der zentralen Figur erstreckt sich weit nach rechts, um in einer Keith-Haring-artigen durch Striche symbolisch erhöhten Handberührung mit einer vierten Person zu enden, die am rechten Bildrand steht. Verschiedentlich angebrachte Symbole sind dabei keine eigenständigen Organismen, sondern in die Struktur des Bildes eingewoben und dienen eher als Fixpunkte der Geschichte. So fungieren das Emblem der Schweizer Supermarktkette coop und die drei Schlüssel der UBS als Hinweise auf den Ort des Geschehens, rekurrieren aber nicht auf Konsum- und Finanzmarktkritik, wie der euphorische Beobachter vielleicht deuten möchte. Alles dient der Wiederherstellung der einmal dagewesenen Szenerie am Platzspitz. Die Mahlergruppe will in ihren Bildern keine neue Geschichte erschaffen, keine Politik, keine Vision vermitteln, sondern rekonstruieren, sich in die damalige Situation versetzen: Wie mag das damals gewesen sein auf dem Platzspitz? Wie hat man dort gelebt, was hat man dort finden können, was hat man eingekauft?

Die erzählte Geschichte endet historisch damit, dass die Menschen auf dem Platzspitz durch die Polizei vertrieben werden, sich kurze Zeit ungeordnet in der Stadt verteilen, um sich schließlich im Bahnhof Letten anzusiedeln, welcher wiederum 1995 geschlossen wird. Die vermeintlich hermetisch abgeriegelte Aussteigergesellschaft erodiert, zerbricht durch das Eindringen der Umwelt. Das Bild zeigt, dass der ursprünglich freie Exzess schon in voller Funktion zur Dystopie gewendet ist. Die inhaltsleere religiös-spirituelle Rauschkultur spiegelt (und kanalisiert) Maschinisierung, Zwang und Sinnleere gesellschaftlicher Formen. Wie ein Monster vermag das zu beängstigen, markiert aber auch die Grenzen und damit die Form der Gesamtgesellschaft. Das Monster wird bewundert und bestaunt, aber keiner kann es erklären und verstehen. Es bleibt eine Randerscheinung der Gesellschaft, ein Kuriosum, das vermeintlich nichts mit ihrem Fundament zu tun hat.

Der verwendete archaische Duktus der ornamenthaften Flächigkeit und eine zeichnerische Reduktion auf die Grundelemente sind zusammen mit der journalistisch-historischen Informationsüberfrachtung parallel zur gegenwärtigen Kommunikationsart zu denken. Eine solche Menge an Informationen rauscht durch unsere Wahrnehmung, dass kaum alles festgehalten werden kann, während die Grammatik der Kommunikation stetig reduziert wird. Die Vokabeln werden vermehrt, während der Formenreichtum abnimmt. Offengelegt wird dadurch, dass die modern empfundene Überkomplexität nicht in der Struktur liegen mag, sondern eben darin, dass zu viele Informationen in zu wenig kohärente Struktur gesteckt werden.

 Versehentlich hängen gelassen, beiläufig und provisorisch über der Auslage der Ausstellungskataloge gehängt erscheint eine kleine ergänzende Kollage. Ein fingierter Einkaufszettel, eine winzige Aidsschleife aus Aluminium, ein Verpackungsfragment wurden wie historische Fundstücke hinter Glas gebracht. Viel Süßes und Zigaretten, das glauben die Künstler, habe man eingekauft. In einer Fortführung der Diktatur des Profanen und der heillosen Archivierungswut bringt man wohl zusätzlich zu den Unmengen an konserviertem Material gefälschte Fundstücke ins Archiv – es wird ohnehin alle Vergangenheit aus der Gegenwart beobachtet, und das tut das Künstlerduo mit einer großen Liebe zum Detail.

 Ein weiteres Puzzleteil zur Erschließung der Ausstellung, ein Film, zeigt mehrere ineinandergelegte Stein- und Müllkreise auf lehmigem Parkboden. Nach und nach werden einzelne Dinge ins Bild geschmissen, Elemente im Kreis angezündet. Das schon zuvor vermutete Eindringen der Umwelt in eine abgeschlossene Gruppe, das Übermannen durch äußeres Chaos wird hier explizit gemacht. Die Darstellungsmittel selbst sind rudimentär (wäre da nicht die Kamera). Man kann sich nicht ganz sicher sein, wie viel Ernsthaftigkeit hier zu finden ist, und wie viel Spiel und Schalk. Auch hier ist das Interesse an der Rekonstruktion das Auslösemoment. Was hat man zur Verfügung wenn man in einem Park lebt? Was tut man mit diesen Dingen?, haben sich die Künstler im Laufe ihrer Beschäftigung mit dem Needle Park gefragt.

Eine Assoziation muss sich seitens des Betrachters immer wieder einstellen, nämlich die zum aktuellen Aussteigertum, das beispielsweise aus globalisiertem Tourismus, Fitnessstudios und Abenteuersport besteht und das mit Freizeit betitelt wird und Freiheit (von Zwang und Alltag) verspricht. Aber Reisegruppen und Wildwassertour, die auf den Wettbewerb „Ich war wo, wo du nicht warst“ zurückzuführen sind, können dann doch eher als geschickte Verdrängungskonstruktionen bezeichnet werden, denn als Manifestationen von Freiheit.

Wie auch bei der malerischen Arbeit sind Collage und der gezeigte Film aus einer spontanen und intuitiven Handlung heraus entstanden. Genutzt werden die Materialien, die man gerade zu Hand hat, und verarbeitet, was und wie es ad hoc richtig erscheint. Dabei entstehen Werke, die vielleicht Interesse wecken, vielleicht gute Fragen provozieren, aber möglicherweise nicht genug bildnerische Faszination ausüben, um dem Betrachter an die Substanz zu gehen.

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