Interview Stadtplan

Es gibt nie ein Nie

Der Architekt und Fußballfan Roman Beer über die Geschichte, die Architektur und den Reiz des Städtischen Stadions an der Grünwalder Straße sowie über stadtsoziologische Entwicklungen.

Luftbildaufnahme des Stadions vom Mai 2012 ohne die abgerissene Osttribüne (Freunde des Sechz'ger Stadions e. V. 2012 mit freundlicher Unterstützung von Rent-a-Drone - www.rent-a-drone.de)

Herr Beer, den Verein Freunde des Sechz’ger Stadions e. V. gibt es seit 1996. Wofür setzt er sich eigentlich genau ein?

Der Verein wurde eigentlich mit zwei Zielen gegründet: Das eine war der Erhalt des Stadions. Schon bei der Gründung 1996 spielte 1860 seit gut einem Jahr im Olympiastadion und es gab die ersten Stimmen in der Münchner Kommunalpolitik, das Stadion abzureißen. Unser Verein wurde dann gegründet, um dem Ganzen einen seriösen Anstrich zu geben und nicht nur als lose Fanorganisationen aufzutreten. Das zweite Ziel war der Ausbau des Stadions: Man wollte es für die 1860-Profis bundesligatauglich gestalten. Dieses Vorhaben ist aber vor einem dreiviertel Jahr auf Eis gelegt worden, nachdem letztes Jahr der Investor bei den Sechz’gern eingestiegen ist. Unter den Mitgliedern wird das sehr kritisch gesehen. Es sind Sorgen und Ängste da, dass die Entwicklung des Vereins eine Richtung einschlägt, die man sich nicht für das Stadion und den Profifußball wünschen würde. Darum ist man davon abgekommen, das Grünwalder wieder als Spielstätte für die Profis ins Spiel zu bringen.

Stimmt es, dass Sie in Ihrer Schulzeit einen Umbauplan für das Grünwalder Stadion entworfen haben?

Ja, das hat damals schon angefangen, Anfang 1998. Im Rahmen meiner Facharbeit bin ich zum ersten Mal an die Freunde des Sechz’ger-Stadions herangetreten. Mein Facharbeitsthema im Leistungskurs Kunst war die Architektur von Sportstadien. Im theoretischen Teil wurde das geschichtlich aufgearbeitet, den praktischen Teil bildete dann ein Ausbauplan für das Sechzger-Stadion. Der wurde aber natürlich nie verwirklicht (lacht). Im Gymnasium kriegt man ja kein so umfassendes Wissen über Architektur vermittelt, also war das praktisch nur ein Liebhaberprojekt.

Haben Sie Ihr Architekturstudium danach aus der Begeisterung für das Grünwalder Stadion heraus begonnen?

Das kann man so sagen, ja. Wie so viele andere habe ich zuerst auch nicht gewusst, was ich studieren sollte, und habe das dann angefangen, weil es mir Spaß gemacht hat. Das Grünwalder Stadion war gewissermaßen der Anstoß, mein Studium aufzunehmen.

Hat es denn einen besonderen architektonischen Wert?

Das Grünwalder Stadion ist sicherlich kein architektonisches Highlight wie das Olympiastadion oder die Allianz-Arena. Ein Feuilletonist der Süddeutschen Zeitung schrieb einmal, dass das Stadion völlig frei von Architektur, aber nicht von Ingenieurbaukunst ist. Dem würde ich aber ganz massiv widersprechen, weil eindeutig auch Architekten am Werk waren.

Was das Stadion aber vor allem ausmacht, ist die über 100-jährige Geschichte, und dass man sie am Stadion selbst auch ablesen kann. Das Olympiastadion oder die Allianz-Arena wurden jeweils in einem Guß gebaut und stehen seitdem mehr oder weniger unverändert da. Die ältesten Teile des Grünwalder sind über 80 Jahre alt. Die Haupttribüne stammt aus den 1920er-Jahren, wurde nach dem Krieg wieder aufgebaut und hat in den 1970ern ein neues Dach bekommen. West- und Ostkurve sind Ende der 1950er entstanden. Die sind schlicht, aber mit klarer architektonischer Aussage gestaltet. Architekt damals war Prof. Rudolf Ortner, der auch Bauhaus-Schüler war, ein Mann mit prestigeträchtigem Namen. Den dritten Teil macht die Gegengerade aus, die Ende der 1970er-Jahre entstanden ist. Die Stadt, in deren Besitz sich das Stadion ja befindet, wollte damals ein schlichtes Bauwerk, keine Extravaganz wie beim Olympiastadion.

Man muss auch sagen, dass diese ganzen Änderungen dem Stadion nie geschadet oder den Charakter grundlegend verändert haben. Dass man diese Änderungen nie so richtig wahrgenommen hat, macht vielleicht auch den Reiz des Bauwerks für den architektonischen Laien aus.

Was oft untergeht, ist, dass das Grünwalder Stadion eines der meistbenutzten Fußballstadien in Deutschland und als Spielstätte für Amateurfußball für München sehr wichtig ist. Was hätte München für einen etwaigen Abriss im Ausgleich bekommen?

Es gab verschiedene Ansätze, die aber nie konkret wurden. Es gab Anfragen von Einzelhandelsunternehmen, die Richtung Einkaufszentrum/Kaufhaus gegangen wären. Es gab aber auch immer wieder von der Politik Bestrebungen, der Münchner Wohnungsnot Abhilfe zu schaffen. Das Planungsreferat der Stadt äußerte sich aber dahingehend, dass – wäre es zu einem Abriss gekommen – auch natürlich nur ein ganz besonderes Projekt an dieser Stelle verwirklicht worden wäre. Das Stadion liegt an der Isarhangkante, es ist also eine Beziehung mit anderen herausragenden Bauwerken der Stadt gegeben: Friedensengel, Maximilianeum, Gasteig liegen an ähnlich prominenten Stellen. Das Stadion steht zwar direkt am Mittleren Ring, man kann aber die ganze Stadt überblicken. Solche Plätze hat man natürlich nicht oft zur Verfügung, darum hätte man darauf geachtet, dass dorthin nicht ein 08/15-Wohnungsbau oder ein Einkaufszentrum draufgeklatscht wird.

Welche Möglichkeiten hätte es gegeben?

Das war noch nicht klar. Zuletzt wurde in München ja auch immer mal wieder ein neues Konzerthaus diskutiert. Wahrscheinlich hätte man sich den Platz eher für solche kulturellen Bauwerke aufgespart. Aus unserer Sicht ist der Baugrund ein Filetstück und die sportliche Nutzung eine einmalige Chance, die man nie wieder kriegen würde. Heute hat man ja schon bei jeder Bezirkssportanlage allein wegen der Lärmbelästigung Schwierigkeiten, eine Genehmigung zu kriegen. Wenn man das Stadion nach über 100-jähriger Nutzung aufgegeben hätte, wäre es problematisch geworden, in der Zukunft wieder eine Spielstätte in die Stadt zu bauen.

Die Stadt hat das Grünwalder Stadion nur für unterklassigen Spielbetrieb zugelassen. Ist das das Ende aller Sechzger-Träume von der Rückkehr in die altehrwürdige Stätte?

Die Stadt hatte einige Gründe für die Ablehnung eines profifußballtauglichen Ausbaus genannt, die aber teilweise vorgeschoben waren. Einerseits hat man es 1860 – zurecht – 2010 ein solches Projekt nicht zugetraut, andererseits hat man sich dann auf das Baurecht berufen, das ein entsprechendes Umbauprojekt nach Meinung der Stadt als nicht genehmigungsfähig ausgewiesen hätte. Es gibt hierbei einen Ermessensspielraum der Kommune, sodass ein solches Vorhaben ohne deren Unterstützung automatisch sehr schwierig wird. Die Stadt wollte halt nicht, aber wenn sie doch einmal wollte, gäbe es immer Möglichkeiten. Mein Engagement in den letzten Jahren hat mich gelehrt: Sowohl in der Politik als auch im Fußball gibt es nie ein Nie. Es kann sich so schnell so viel ändern. Wenn Sie mir vor drei Jahren gesagt hätte, dass es Ende 2009 einen einstimmigen Stadtratsbeschluss geben wird, das Stadion zu erhalten, hätte ich das nie für möglich gehalten.

Fans von 1860 sind mit dem Stadion natürlich auf besondere Weise verbunden. Was für eine Bedeutung hat es aber für Giesing ganz allgemein – und was hätte es bedeutet, es abzureißen?

Schriftzug über den Kassen im Nordosten des Sechzgerstadions in München-Giesing (Wikicommons-User: Ampfinger)

Das Sechzger-Stadion ist ganz eng verwoben mit dem Stadtteil. Zum einen, weil es Giesing auch bundesweit bekannt gemacht hat, zum anderen, weil es im Umkreis wenig hervorstechende Bauten oder zentrale Anlaufstellen gibt und das Stadion gewissermaßen das Wahrzeichen des Viertels geworden ist. Das speist sich natürlich aus dem Fußball, die Sechzger haben ja in Giesing auch ihr Trainingsgelände und den Vereinssitz. Der TSV 1860 wird stark als Giesinger Verein wahrgenommen. Und man spricht bis heute vom „Sechzger-Stadion“, obwohl das Stadion schon seit 1937 der Stadt gehört. Im Umkehrschluss hat die geographische Lage auch das Bild geprägt, dass 1860 ein Arbeiterverein sei, was er von seiner Struktur her nie war. 1860 ist aus seinen Gründerjahren heraus ein gut-bürgerlicher Verein. Wenn man sich heute als Underdog vermarkten will, der dem großen Branchenführer FC Bayern gegenübersteht, ist das natürlich ein Pfund, mit dem man wuchern kann.

Es ist schwierig zu sagen, was ein Abriss für Giesing bedeutet hätte. Speziell Untergiesing ist gerade als kommendes In-Viertel im Gespräch und leidet unter dem Baudruck. Da hätte ein Stadionabriss vielleicht einen zusätzlichen Impuls gegeben und die Angst der Bevölkerung vor städtebaulichen Veränderungen weiter geschürt. Der Rückhalt war auf jeden Fall sehr groß: Auch die Nicht-Fußballfans unter den Giesingern wollten „ihr“ Stadion behalten.

Giesing galt ja vor einigen Jahren noch – etwa neben Milbertshofen oder dem Hasenbergl – offiziell als „Stadtteil mit besonderem Entwicklungsbedarf“. Von daher würde man gar nicht vermuten, dass es als neues In-Viertel gehandelt wird. Was hat Giesing außer seinem „morbiden Charme“, wie er oft bezeichnet wird, zu bieten?

In München ist der Mietpreisdruck enorm. Je mehr andere Viertel aufgewertet werden, umso mehr greift er auf „alternativere“ Viertel über. Giesing hat den Vorteil, dass es über sehr „gewachsene“ Strukturen verfügt, soll heißen: Die Versorgungslage ist sehr gut. Die Tegernseer Landstraße beispielsweise ist eine noch recht gut funktionierende Einkaufsstraße, auch wenn die großen Ketten hier die klassischen Einzelhändler verdrängen. Es ist weniger historische Bausubstanz als in anderen Stadtteilen vorhanden, das Viertel ist sehr heterogen, was die Baustruktur anbelangt. Man hat Häuser aus der Gründerzeit, aber auch aus den 1950ern, 1970ern. Giesing hat aber im Gegensatz zu Neubaugebieten wie etwa Neuperlach aufgrund der teilweise vorhandenen alten Bebauung durchaus seinen Reiz. Oder anders gesagt: Künstler-Wohnungen findet man nicht im Neubaugebiet. Giesing wird die Gentrifizierung aber wohl auch nicht so sehr erwischen wie etwa Haidhausen, wo es mehr alte Bausubstanz gibt. Auf jeden Fall befinden wir uns erst am Anfang der Entwicklung. Giesing besaß vor einigen Jahren erst noch einen sehr schlechten Ruf, niemand konnte ahnen, dass sich die Meinung so schnell dreht.

Diese sozialen, kulturellen und immobilienwirtschaftlichen Aufwertungsprozesse firmieren unter dem Begriff Gentrifizierung. Was ist letzten Endes der ausschlaggebende Faktor, dass so eine Entwicklung einsetzt?

Es spielen viele Faktoren mit hinein: Giesing hat zum Beispiel noch wenig kulturelle Infrastruktur, aber den Vorteil, dass er sehr nahe an der Innenstadt liegt. Die Nähe zu den Isarauen oder die Lage am südlichen Stadtrand und die damit verbundene Nähe zum Starnberger See und den Bergen bringen obendrein einen hohen Erholungsfaktor mit sich. Dann ist auch noch alte Bausubstanz vorhanden. Generell kann man es aber an einem niedrigen Mietpreisniveau festmachen.

Schwabing, Glockenbach, Haidhausen, Untergiesing – wird die Gentrifizierung überhaupt vor irgendetwas Halt machen?

Die Stadt verfügt über ein Regelwerk, die Entwicklung zu verlangsamen: Die Erhaltungssatzung zum Beispiel besagt, dass man ein Mietshaus nur im Ganzen verkaufen darf, nicht einzelne Eigentumswohnungen daraus. Das macht den Verkauf schwieriger. Die Gentrifizierung ist aber unmöglich aufzuhalten. Es ist eine Kettenreaktion: Am Anfang kommen die jungen Kreativen, Studenten etwa, die es toll finden, dass ein bestimmtes Viertel urig oder nicht auf Hochglanz poliert ist. Allmählich bildet sich dann auch eine kulturelle Infrastruktur, die junge Familien anzieht – Stichwort Latte macchiatoFeeling. Irgendwann haben die ganz Reichen dann ein Gebiet wie die Innenstadt besetzt und verdrängen die Mittelschicht zum Beispiel nach Giesing. Dieser Prozess ist nie abgeschlossen: Studenten etwa sind oft auch bonitätsstärker als Arbeiter oder Sozialhilfeempfänger und haben diese bereits verdrängt, wenn ein Viertel dann plötzlich wieder cool ist.

Welches Viertel wird nach Giesing Münchens nächstes In-Viertel?

München ist, was die Altbausubstanz in den einzelnen Vierteln außerhalb der Innenstadt und ihrer Randlagen wie Haidhausen betrifft, eine sehr heterogene Stadt. Deshalb ist es schwierig, hier einen ganzen Stadtteil herauszugreifen. Von Sendling hört man zwar bereits Entsprechendes, allerdings glaube ich, dass es in Zukunft eher spezifische, historische gewachsene Teilquartiere von Stadtteilen sein werden, die in dieser Hinsicht attraktiv werden. Die Entwicklung wird da sein, ich glaube aber, dass sie sich mehr über die Stadt verteilt und nicht irgendwo ballt.

Roman Beer, Architekt und Vorsitzender der "Freunde des Sechz'ger Stadions e. V. (Foto privat, 2008)

Roman Beer (31), ist Architekt und 1. Vorsitzender des Vereins Freunde des Sechz’ger Stadions e. V., der sich für den Erhalt und eine vielfältige Nutzung des Städtischen Stadions an der Grünwalder Straße (im Volksmund: Grünwalder (Stadion), oder kurz: das Sechzger) in Giesing einsetzt.

Nach jahrelangen Diskussionen beschloss der Stadtrat Ende 2009 einstimmig, das Grünwalder Stadion zu erhalten und für den Amateurfußballbetrieb (u. a. zweite Mannschaften des TSV 1860 München und des FC Bayern) auszubauen. Dem Traum vieler Löwenfans, von der Allianzarena wieder ins Grünwalder Stadion umzuziehen, wurde damit ein Riegel vorgeschoben. Vor allem der Durchmarsch des Vereins von der dritten in die erste Liga Anfang der 1990er-Jahre ist sehr eng mit dem Spielort verknüpft.

Den nicht am Fußball Interessierten ist das Stadion am ehesten aus dem Monty Python-Sketch „Fußballspiel der Philosophen“ von 1972 bekannt. Bis auf die Luftaufnahme des Olympiastadions und die Zuschauerränge wurden alle Spielszenen in Giesing gedreht.

Homepage der „Freunde des Sechz’ger Stadions e. V.“ http://www.gruenwalder-stadion.de

 

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