Den Ärger hatten wir schon immer: Interview mit Häfft-Verlag-Gründer Stefan Klingberg

„Es ist ein bisschen schreiende Farbe herausgenommen, es ist ein bisschen seriöser“ Stefan Klingberg mit Sortimentsübersicht

Das Hausaufgaben-Häfft ist an deutschen Schulen weit verbreitet und beliebt. Aus der Taufe gehoben haben es die beiden Münchner Andreas Reiter und Stefan Klingberg im Jahr 1990, basierend auf einer Schülerzeitung. Noch heute sind sie Teil des Häfft-Teams. Wer sind die Macher von Brot und Schwein, Zeit versenken und Co? Philtrat hat mit Stefan Klingberg gesprochen. Darüber, was war, was ist und was noch kommen wird.

Das Interview führte Judith Kaiser

Häfft-Gründer © Stefan Klingberg

Herr Klingberg, Sie produzieren die Häffte seit mehr als 25 Jahren. Hatten Sie nie den Wunsch, etwas Neues auszuprobieren, eine neue Richtung einzuschlagen?

Wir haben schon verschiedene Sachen ausprobiert. Wir haben unter anderem eine Agentur. Und ich habe mich auch an einem Start-Up in den USA beteiligt. Aber am Ende kommen wir dann immer wieder darauf zurück, dass wir einfach am besten Kalender machen können. Und da bleibt man auch gerne bei den Sachen, die man schon lange macht und mit denen man auch Erfolge erzielt, weil man das Thema sehr gut durchdrungen hat.

Kommen die Ideen für die Kalender immer noch von Ihnen und Ihrem Häfft-Partner Andreas Reiter?

Nein, wir haben ein junges Team, weil man ganz klar sagen muss, dass Hausaufgabenhefte für Schüler die machen müssen, die da am nächsten dran sind. Und das sind in der Regel Leute, die gerade von der Schule kommen oder noch nicht so lange aus der Schule raus sind. Wobei sogar die bereits manchmal Probleme haben, dem Tempo der Änderungen zu folgen. Unsere Stärken liegen mittlerweile bei den Erwachsenenprodukten wie Familienkalender oder Business-Kalender; solche Sachen würden wir dann selber produzieren und verschiedene Teams kümmern sich um jüngere Produkte.

Mittlerweile hat das Häfft einen Umschwung erfahren. Die Organisation des Lernalltags oder die Förderung von Lernen in digitalisierten Lehranstalten stehen im Vordergrund. Wie kam es dazu?

Also generell muss man sagen, dass die Kulturtechnik ‚Lernen, Lesen und Schreiben‘ weiterhin zentral ist. Das einzige, was sich geändert hat, ist, dass neue Methoden beziehungsweise Medien hinzugekommen sind, die aber letztlich nur die Art des Transports sind. Und bei den Schülern merkt man, dass die eine neue Methodik haben. Dort herrscht nicht mehr so das Primat des Schreibens. Ich beschäftige mich auch mit meinen Kindern damit, bin Fußballtrainer und habe viel mit männlichen Jugendlichen zu tun. Da stellt man dann fest: Die glauben, dass digitales Lernen gleichberechtigt ist. Ich persönlich und auch diverse Experten haben da Zweifel.

Sehen Sie das Häfft als physisch greifbares Produkt in Gefahr?

Ich glaube, man muss da unterscheiden. Das eine Thema sind Schulen, wo das Thema Handy gestattet ist. Das sind aber gar nicht mal so viele, weil letztlich der Suchtcharakter der Handys ein bisschen dem Lehrauftrag der Schule entgegensteht. Selbst wir Erwachsene müssen uns überlegen, wie viel Zeit wir darauf verwenden und wie unkontrolliert wir teilweise mit unserem digitalen Konsum sind. Und wenn ich mir dann eine langweilige Schulstunde vorstelle, mit einem Lehrer, der vielleicht nicht die Autorität hat, dann wird das schon relativ schwierig. Es gibt viele Schulen, wo Handys verboten sind. Und das Thema Hausaufgaben notieren und rekapitulieren am Nachmittag: Was haben wir denn auf? Das übernimmt heutzutage bei den Schülern ja auch WhatsApp. Wo es wirklich Gruppen gibt, in die man dann kurz reinschreibt: „Was haben wir denn heute auf?“

Das Thema Häfft ist immer dort interessant, wo es diese Strukturen nicht gibt oder wo von vornherein Wert darauf gelegt wird, dass Schüler Hausaufgabenhefte führen. Sei es aus dem Elternhaus, sei es von den Lehrern, sei es letztlich auch von klugen Schülern, die wissen: Okay ein Hausaufgabenheft ist eben hilfreich für den Schulerfolg, weil ich nicht immer eine funktionierende WhatsApp-Gruppe habe, die alles weiß. Beziehungsweise, irgendwer muss es ja auch aufschreiben, sonst ist das Wissen nicht verfügbar. Es ist letztlich das Thema Organisation der Hausaufgaben.

„Es ist ein bisschen schreiende Farbe herausgenommen, es ist ein bisschen seriöser“ – © Stefan Klingberg mit Sortimentsübersicht

Das Erledigen der Hausaufgaben und das Organisieren meines Schulalltags, das ist eine Technik, die ich über die Jahre hinweg lerne, teilweise schon in der Grundschule, dann weitergehend. Das ist zu trennen von dem Thema Schulhefte benutzen oder Mitschriften in der Schule zu machen. Da spielt immer noch das Thema Schreiben eine wichtige Rolle. Einfach aufgrund dessen, dass ich mir Sachen, die ich selber geschrieben habe, besser aneignen kann als Sachen, die ich nur lese oder nur sehe – am Bildschirm. Und ich glaube das erklärt auch, warum es immer noch so viele Vokabelhefte gibt. Weil man dort die Vokabeln erst aufschreibt, bevor sie verflüchtigt, bevor sie weg sind. Und ich sie noch rekapitulieren kann, und sie noch habe. Weil ja die wenigsten Leute, wenn sie bei Leo.org ein Wort auf Englisch nachschauen, dann auf die Speicherfunktion gehen würden. Dazu müsste ich auch eingeloggt sein. Ich glaube, dass man klar trennen muss zwischen Lernen und Organisation.

Anstatt der Unterhaltungsfelder, wie beispielsweise Zeit versenken, gibt es jetzt also vorwiegend Felder, um die Hausaufgaben aufzuschreiben. Ist das Häfft seriöser geworden?

Sagen wir mal: einen Tick. Sicherlich nicht in der Gänze. Es gibt nach wie vor die Spielseiten. Es gibt nach wie vor die ganzen Sprüche. Aber wir merken natürlich, dass das Thema Sprüche vom Häfft nicht mehr dieses Alleinstellungsmerkmal hat, sondern dass die Jugendlichen zugebombt werden. Letztlich durch das Internet, mit lustigen Sachen, mit allem, was es halt da gibt, Videos vor allem. Und dass man an dieser Stelle letztlich auch ein Stück zurückrudern kann. Es ist ein bisschen schreiende Farbe herausgenommen, es ist ein bisschen seriöser, bisschen konkreter am Lernen ausgerichtet.

Wir haben mittlerweile eine Unterteilung drin für Artikel, die für zehn bis 16 Jahre alt sind oder Artikel, die ab 14 sind, die natürlich deutlich zielorientierter sind Richtung Schulabschluss. Ein 16-Jähriger, der keine Schulpflicht mehr hat, weiß ganz genau, dass er das für niemand anderen als für sich selber macht, wenn er nicht ganz dumpf ist. Für jemanden, der nicht mehr in die Schule gehen muss, sondern quasi noch auf seinen höchsten Abschluss hinarbeitet, für den verliert natürlich das Thema ’sich ablenken lassen‘ auch an Bedeutung. Der will letztlich ein gutes Abi haben.

Bekommen Sie von Eltern, Lehrern und Schulen Ärger wegen des Häffts? Rudern Sie auch deshalb mit der Unterhaltungssparte im Häfft zurück?

Also diesen Ärger gibt es eigentlich immer schon, dieses nicht unbedingte Wertschätzen. Aber die anderen Faktoren wiegen das deutlich auf. Also, dass die Schüler deutlich motivierter mit dem Häfft arbeiten als mit irgendeinem 0815-Hausaufgabenheft, was lieblos ist, was keinerlei Ablenkung hat. Realistischerweise ist diese Ablenkung in den ersten drei bis vier Wochen des Schuljahres groß.

Irgendwann haben sich die Sachen dann abgenutzt und dann ist es eher so: Wenn es wirklich super langweilig ist in den Freistunden oder wenn es halt super schönes Wetter draußen ist und es ist Freitag fünfte Stunde und es ist zufällig vielleicht auch noch Religion – dann wird man uns und den Schülern nachsehen, dass sie nicht immer top motiviert im Unterricht sind. Aber letztlich ist es so: Diese Konflikte hatten wir schon immer und die haben letztlich auch schon immer zum Erfolg des Häfft beigetragen. Dass die Schüler gesagt haben: „Ich will das aber haben!“ Während die Eltern gesagt haben: „Nö, das ist aber blöd, nimm doch das andere!“ Kinder: „Nein, ich will aber das!“

Was wäre, würden Ihre eigenen Kinder sagen, sie hätten auch lieber das Unterhaltungsmedium und würden den Fokus weniger auf die Aufmerksamkeit im Unterricht legen? Würden Sie das akzeptieren?

(lacht) Also meine Kinder kriegen erst Strafen, wenn sie NICHT das Häfft benutzen. Nein, also meine Kinder sind da eigentlich ganz vernünftig, die können damit vernünftig umgehen.

Wie erfahren Sie denn, dass Schüler mit dem Häfft vernünftig arbeiten?

Wir haben immer sehr viel Feedback gehabt und haben es auch immer noch. Und seit ungefähr 20 Jahren haben wir Umfragen im Häfft, wo wir jedes Jahr die Schüler auffordern, die einzelnen Rubriken zu benoten und über die Jahre kann man sich da ein sehr gutes Bild verschaffen. Über die Jahre hat man ganz gute Vergleichszahlen, das ist das eine. Das andere sind qualitative Geschichten, also, dass man Leute befragt, dass man Lehrer befragt, dass man Eltern um Rat fragt, wie es konkret ankommt. Und am Ende sind auch einfach die Verkäufe eine harte Währung, wie sich die Verkaufszahlen entwickeln.

Was ist Ihre Prognose für die kommenden Jahre? Wird das Häfft weiterleben können wie bisher?

Das Einzelprodukt Häfft wird sicher noch an Einfluss verlieren. Einfach aufgrund dessen, dass Lebenszyklen eigentlich den meisten Produkten innewohnen. Insgesamt für uns als Häfft-Verlag mit inzwischen deutlich mehr Artikeln – auch individuelleren Artikeln – sehe ich ganz gute Aussichten. Weil wir einer über die Jahre immer mehr individualisierten Gesellschaft auch stärker individualisierte Angebote machen können. Von sechs Jahren bis zum Studenten-Timer, dem sogenannten Häfft-Timer oder einem Family-Timer, also einem Wandkalender für drei, fünf oder sieben Familienmitglieder.

Als Verlag ist es natürlich anspruchsvoller, weil man mehr verschiedene Artikel machen muss. Aber andererseits bietet es die Möglichkeit, dass die Leute zufriedener sind mit ihrem Artikel, weil man näher dran ist. Wenn eine Mama einen speziell auf sie zugeschnittenen Family-Timer bekommt, dann ist sie natürlich deutlich zufriedener, als wenn sie einfach einen normalen Timer hat – wo eben keinerlei Erziehungstipps und keinerlei Managementtipps für den Kleinkosmos Familie drin sind.

Für uns als Verlag oder aus einem Schülerzeitungsprojekt entstandenem Konstrukt ist spannend, dass wir, die beiden Unternehmer Andy und Stefan, auch sehr gerne und sehr gut zusammenarbeiten können – was nach so einer langen Zeit auch nicht selbstverständlich ist. Da kommen auch viele persönliche Faktoren ins Spiel: ob man überhaupt motiviert ist, nochmal etwas Neues zu entwickeln und zu erfinden.