Kulturphilter

Twelve

Die dunkle Seite der High Society

White Mike (Chace Crawford) ist der Sohn eines Restaurant-Tycoons, lebt abstinent, nimmt keine Drogen und ist hochintelligent. Aber vor allem ist er ein Drogendealer, der seine Klassenkameraden mit Stoff versorgt. Denn nach dem Tod seiner Mutter, die an Krebs gestorben ist, sieht er sich quasi auf sich allein gestellt. Sein Vater ist nie da und seine reichen Klassenkameraden leben ein hedonistisches Leben, in dem sich alles um Sex, Partys und sozialen Status dreht. Er fühlt sich nicht länger als Teil dieser oberflächlichen Welt und steigt aus. Aus der Schule, aus dem Leben und irgendwie aus sich selbst. In seinem schwarzen Mantel wandert er planlos durch New York und philosophiert über das Leben und den Tod.

Kurz vor Neujahr beginnt sich seine Existenz allmählich aufzulösen, als sein Cousin Charlie von Lionel (Curtis Jackson, besser bekannt als Rapper 50 Cent), einem befreundeten Drogendealer, der auch die neue Designerdroge namens Twelve verkauft, ermordet wird und Mikes bester Freund, Hunter (Philip Ettinger) von der Polizei verdächtigt wird. Nebenbei sieht man, kommentiert von Kiefer Sutherland als Erzähler, wie sich die Kids der New Yorker High Society, die eigentlich alles haben, selbst betäuben und zerstören, weil ihnen ihre Eltern alles ermöglichen und alles geben – außer Liebe.

Die Selbstzerstörung des Kapitalismus

Twelve ist düster und verstörend. Eine postmoderne Tragödie par excellence, besessen von Konsum, Oberflächlichkeit und Tod. Der Film nimmt den Zuschauer mit in die erschreckenden Seelenabgründe einer Oberschicht, deren Kinder nicht länger von Eltern aufgezogen werden, sondern stattdessen von Angestellten umsorgt werden, die hinter ihnen aufräumen. An die Stelle einer liebenden Familie tritt die Behandlung beim Psychiater und alles was ihnen dabei Linderung zu verschaffen scheint, sind Drogen und Partyleben, welche sie in Abhängigkeit und Kriminalität treiben. Inmitten dieses Strudels aus Oberflächlichkeiten und Rausch steht der junge Steppenwolf White Mike wie Rilkes Panther im Käfig. Ein Tanz von Kraft um eine Mitte, in der betäubt ein großer Wille steht. Er steht beispielhaft für eine Jugend, die ihre Talente verschwendet und ohne elterliche Liebe und Fürsorge nicht länger weiß, was sie mit sich anfangen soll. Ganz ohne Drogen betäubt er sich und

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.

Der Film ist dabei wirkungsvoll und höchst ästhetisch inszeniert. Die Bilder zeichnen sich aus durch den effektvollen Gebrauch von Licht und Farbe, beinahe wie bei Tom Fords A Single Man. Allem haftet eine unwirkliche Aura rauschhaften Hollywoodzaubers an. Zudem handelt es sich bei der Buchverfilmung des gleichnamigen Romans von Nick McDonell regelrecht um ein Buch in filmischer Form. In mehreren tagebuchartigen Kapiteln führt Kiefer Sutherland das Publikum als Erzähler mit rauer, tiefer Stimme durch die Geschichte und die Gedanken der tragischen Charaktere und ist mal beruhigend, mal belehrend, mal beängstigend. Das eigentlich Erschreckende ist dabei aber besonders, dass der Film keinen Ausweg zu bieten scheint. Twelve zeigt auf, wie die Eliten des Kapitalismus sich selbst zerstören. Der Fehler scheint im System zu liegen und der Schaden ist irreversibel. Es ist eine Geschichte ohne Helden, in der die Unschuldigen an der Wirklichkeit zerbrechen. Und hinter den Kulissen des Oberflächlichen lauert allgegenwärtig der Tod.

Twelve ist mehr als sehenswert. Ein ästhetisches postmodernes Statement zur Oberflächlichkeit und destruktiven Tendenz jener Menschen, die den amerikanischen Traum leben, alles haben, was man sich wünscht, und trotzdem nicht glücklich sind.

Ab dem 14. Oktober kann man den bunten Teufelskreis aus Rausch und Tod in den deutschen Kinosälen mitverfolgen.

(Bild: Gaumont, Hannover House und Radar Pictures)

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