Peter Lindbergh in der Kunsthalle München
 – Eine Navigationshilfe (Part 3)

Angela Lindvall & Chris Dye, Warner Bros Studios, Burbank, California, USA, 2004 Harper’s Bazaar; © Peter Lindbergh (Courtesy of Peter Lindbergh, Paris / Gagosian Gallery)
Angela Lindvall & Chris Dye, Warner Bros Studios, Burbank, California, USA, 2004 Harper’s Bazaar; © Peter Lindbergh (Courtesy of Peter Lindbergh, Paris / Gagosian Gallery)

Von Jasmin Jetter

Der Körper in Bewegung

Die tanzenden Schatten an den Wänden des achten Raumes kündigen bereits den neunten an, der sich ganz der Leidenschaft Lindberghs für den Tanz widmet. Die nun wieder weißen Wände zeigen Fotografien in diversen Formaten, die auf ganz unterschiedliche Weise den Körper in Bewegung festhalten. So findet sich in diesem Raum sowohl eine Nahaufnahme von Händen in einer ausdrucksstarken Stellung als auch ein Ganzkörperporträt der wegweisenden Tänzerin und Choreographin Pina Bausch (1996). Lindbergh zeigt Bausch ruhend, ihr direkter scharf erfassender Blick ist Zentrum des Bildes. Lindbergh fotografiert hier jedoch nicht nur professionelle Tänzer, sondern auch Models, darunter Kristen McMenamy. In den Fotografien treten Mode, Gesicht und Hintergrund zurück, damit die Konzentration ganz auf den Ausdrucksmöglichkeiten des tanzenden Körpers liegt. Die beiden Fotografien Kristen McMenamy (1992) zeigen dies sehr anschaulich. Die Fotografie Paris (1997) bildet die Überleitung zum nächsten Raum. Zu sehen sind die für die 20er-Jahre typischen aufgemalten Nähte von Strumpfhosen – eine Hommage Lindberghs an Pina Bausch, die wie er von dieser Zeit fasziniert war.

Was und wer Peter Lindbergh inspiriert

Die Frau der 20er-Jahre ist nur ein Sujet von vielen, das Lindbergh inspirierte. Er beschäftigt sich intensiv mit anderen Fotografen wie auch mit anderen Künsten. So lässt das Bild Milagros Schmoll (2006), das durch seine giftig grüne Farbe hervorsticht, sofort an die Gemälde von Otto Dix denken. Besonders oft finden sich Bezüge zur Fotoleinwand in seinen Fotografien, was seine Leidenschaft für den Film deutlich macht. Die Fotografie Michaela Bercu, Linda Evangelista & Kirsten Owen Nancy (1988) ist nur eine von vielen, die Models in Maschinenräumen zeigt – eine Reminiszenz an Fritz Langs Film Metropolis (1927) oder auch an Albert Renger-Patzschs Industriefotografien. Industrielle Szenerien besitzen für Lindbergh, der im Ruhrgebiet aufgewachsen ist, eine ganz besondere Ästhetik. Dies zeigt unter anderem die Fotografie Duisburg (1984), die ihm sehr viel bedeutet.

Ikone – Der Mensch hinter dem Ruhm

Den Abschluss der Ausstellung bildet ein saalartiger weißer Raum, der noch einmal eine Menge Fotografien bereithält. Die hier Porträtierten haben alle zweierlei gemein: Es sind Ikonen der heutigen Zeit und sie werden auf eine ganz bestimmte Weise vom Künstler erfasst. Peter Lindbergh wird oft als „Fotograf der Wahrheit“ bezeichnet. Das ist eine ungewöhnliche Bezeichnung für einen Modefotografen, aber eingeschränkt betrachtet äußerst treffend. Seine Fotografien weisen eine spezifische Schonungslosigkeit auf. Betrachten wir dafür die Fotografie Jeanne Moreau (2003). Die Spuren des Alters im Gesicht Moreaus sind weder überschminkt noch retuschiert. Die ältere Dame erscheint uns nicht wie eine makellos glatte Schönheit und doch ist sie auf ihre individuelle Art und Weise schön. Um „dem Schein und dem Glamour der Hochglanzmagazine“ etwas entgegenzusetzen, wird den Porträts oft ein schnappschussartiger Charakter verliehen. In Studioaufnahmen wird eine ungekünstelte und sehr intime Atmosphäre erzeugt. Die Fotografien haben dabei nichts Schablonenhaftes, jede Person erhält ein individuelles Bild, indem ihre besondere Körperform, ihre Falten und auch ihre „Unvollkommenheiten“ sichtbar bleiben und sie gerade dadurch als natürliche Schönheiten erscheinen. Man kann nun durch den letzten Raum schlendern und seine Lieblingsikonen suchen, gespannt darauf, wie sie festgehalten wurden und ob die Bilder uns neue Einblicke hinter die Fassaden gewähren.

Die Fotografien des Modefotografen Peter Lindbergh lassen in uns den Wunsch entstehen, selbst von ihm porträtiert zu werden und zu sehen, wie er uns – zwar nicht makellos, aber doch natürlich schön – zeigt. Denn genau dieses Gefühl gibt er uns mit auf den Weg: Dass jeder auf seine ganz besondere Art und Weise schön ist.

Dieser Text ist der dritte von drei Teilen unserer Navigationshilfe durch die aktuell in der Kunsthalle laufende Werkschau von Peter Lindbergh. Zum ersten Teil geht’s hier entlang, zum zweiten hier.

Peter Lindbergh. From Fashion to Reality
13. April – 27. August 2017
Täglich geöffnet von 10-20 Uhr (Besonderheiten siehe
hier)
Eintrittspreis regulär 12 €, Studenten 6 €
Begleitprogramm siehe Website

Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung
Fünf Höfe
Theatinerstraße 8
80333 München
T +49 (0)89 / 22 44 12
kontakt@kunsthalle-muc.de