Peter Lindbergh in der Kunsthalle München
 – Eine Navigationshilfe (Part 1)

Peter Lindbergh, London, 2016, © Stefan Rappo
Peter Lindbergh, London, 2016, © Stefan Rappo

Von Jasmin Jetter

Es ist vielleicht DIE Fotografie-Ausstellung des Jahres. Sicherlich aber das spannendste Ereignis, das man derzeit im Bereich Fotografie in München zu sehen bekommt: eine große Werkschau des deutschen Fotografen Peter Lindbergh. Und die Bilderflut, die einen erwartet, ist immens. Auch bei meinem dritten Besuch verliere ich mich wieder in der überdimensionierten Ausstellung. Damit es euch nicht genauso ergeht, bietet dieser Text eine kleine Navigationshilfe durch die visuellen Galaxien des Peter Lindbergh.
Wer wirklich etwas von der Ausstellung mitnehmen möchte, sollte Zeit mitbringen oder am besten gleich mehrmals kommen. Das Schaffen Lindberghs wird in der Ausstellung sowohl in seiner ganzen Breite als auch in seiner Tiefe präsentiert. Dadurch wird sie unweigerlich komplex: In elf Räumen, die unterschiedlichen Konzepten folgen, werden vor allem Fotografien gezeigt, aber auch Filme und andere Medien.

Peter Lindbergh: Wer ist das eigentlich?

Der Eingangsraum begrüßt mit der Biografie des Künstlers, die ihn als einen der einflussreichsten zeitgenössischen Fotografen vorstellt. Vielen scheint der Name schon ein Begriff gewesen zu sein, denn bei jedem meiner Besuche (darunter eine Kuratorenführung) ist die Kunsthalle sehr gut besucht. Lindbergh stellt heute eine feste Größe in der Modefotografie dar, die er, wie im Verlauf der Ausstellung deutlich werden wird, maßgeblich geprägt hat. Zu seinem künstlerischen Schaffen gehören zudem einige bekannte Filme. Im Eingangsbereich werden dann auch gleich acht Minuten eines seiner Dokumentarfilme gezeigt. Der Titel spricht dabei für sich: Models. The Film (1991).

Supermodels: Von bloßen Kleiderstangen zu führenden Persönlichkeiten

Der zweite Raum besticht durch seine Schlichtheit: Durch die makellos weißen Wände kommt den großformatigen Schwarzweiß-Fotografien eine starke Präsenz zu. Diese beschäftigen sich mit dem Phänomen der Supermodels, einem Begriff, der uns heute selbstverständlich scheint, tatsächlich aber erst in den 1990ern begründet worden ist. Models, die zuvor lediglich als Kleiderstangen gedient haben, bekommen nun ein Gesicht. Sie werden zu Stars, an deren Persönlichkeit und Leben die Öffentlichkeit brennend interessiert ist. Die Fotografie White Shirts (Class of ´88) hat diesen Wandel, wenn nicht allein, so doch maßgeblich herbeigeführt. Sechs Models werden hier beinahe ungeschminkt und lediglich mit weißen Männerhemden bekleidet gezeigt. Die Mode tritt zugunsten der Charaktere der Models zurück. Was für uns heute als ein normales Bild erscheint, ist damals ein Skandal. So hat sich der Auftraggeber, die amerikanische Vogue, schlichtweg geweigert, das Bild zu veröffentlichen. Zu den damaligen Supermodels gehört unter anderem Kate Moss, die hier mit einer Fotografie aus der Bilderzählung A star is born (1994) für Harper´s Bazaar, eines der zahlreichen namenhaften Modemagazine, für die Lindbergh arbeitet, vertreten ist. Erwähnenswert sind hier noch die beiden Fotografien von Nadja Auermann, die nebeneinander gehängt sind. Es werden zwei Nadjas gezeigt, die eine lächelnd, die andere ernst blickend. Diese machen Lindberghs Auffassung anschaulich, nach der ein Lächeln das Gesicht einer jeden Person in eine Maske verwandelt, die es unmöglich macht, etwas über die Persönlichkeit des Menschen zu erfahren.

Im Archiv des Künstlers

Im nächsten Raum erwartet den Besucher ein völlig anderes Raumkonzept: Wir befinden uns im Archiv des Künstlers. Vor lauter Regalen, Kartons und alten Kameras weiß man gar nicht, wohin man sich zuerst wenden soll. Rechts des Durchgangs ist das Cover der Novemberausgabe von 1988 der amerikanischen Vogue zu sehen, das Lindbergh fotografiert hat. Ihm kommt eine besondere Bedeutung zu, markiert es doch einen Wandel in der Modefotografie. Anna Wintour will mit der veränderten Covergestaltung zeigen, dass etwas Neues beginnt. Nämlich die Veränderung in der Führung der amerikanischen Vogue mit ihr als neuer Chefredakteurin. Der Unterschied zu den vorherigen Covers, die darum herum geklebt sind, ist offensichtlich: Statt stark angeschnittenen Studioaufnahmen mit makellos gestylten Frauen zeigt das November-Cover eine schnappschussartige Aufnahme in den Straßen von Paris. Das Model trägt zur Haute Couture-Jacke eine ausgewaschene Jeans. Diese Kombination von High und Low stellt für die damalige Zeit einen radikalen Bruch mit den Konventionen dar. Zu sehen ist auch die Mai-Ausgabe 2017 der deutschen Vogue, die in jedem Zeitschriftenladen an einem gut sichtbaren Ort präsentiert wird. Lindberghs Bilder sind in der heutigen Zeit also allgegenwärtig. Rechts des Eingangs kleben die einzelnen Blätter des Pirelli-Kalenders 2017. Neben der Dominanz der Persönlichkeit des Models über die Mode selbst, zeigt sich hier eine weitere Facette Lindberghs: Die porträtierten Berühmtheiten sind kaum gestylt und so sind kleine Makel und Spuren des Lebens sichtbar. Die Frauen wirken authentisch und natürlich schön. Mit seiner Art, zu fotografieren, steht Lindbergh der großen Retusche entgegen und geht damit einen neuen Weg hin zu einem ‚neuen Realismus’. Gegenüber dem Pirelli-Kalender werden einige Kurzfilme, die einzelne Fotoprojekte dokumentieren, an die weiße Wand projiziert. Die Wand links des Durchgangs widmet sich dem sozialen und politischen Engagement Lindberghs.

Lindbergh und die Couturiers

Es folgt nun wieder ein schlichter Raum. Die hier ausgestellten Porträts zeigen bekannte Couturiers aus Paris und Mailand, eine Bilderserie, die im Rahmen eines Auftrags des Magazins Stern im Jahre 1978 entstanden ist. In den Fotografien wird eine persönliche Atmosphäre kreiert, was daran liegen kann, dass Lindbergh zu diesem Zeitpunkt mit vielen der Couturiers bereits zusammengearbeitet hat. Viele haben zudem einen nicht-inszenierten, fast schon momenthaften Charakter. Auch hier zeigt sich wieder Lindberghs Ansatz, den Menschen als Individuum über die Mode zu stellen. Mit vielen Couturiers arbeitet er auch direkt zusammen, also nicht über die Instanz der Modemagazine. So auch mit dem Modeschöpfer Azzedine Alaïa, der in der Porträtserie zusammen mit Tina Turner gezeigt ist. Zwei aus dieser Zusammenarbeit entstandene Fotografien befinden sich am Ende des Raumes: Die eine macht Alaïas tunesische Wurzeln deutlich, die andere zeigt das Interesse Alaïas für das Skulpturale.

Das Kino im Museum

Der fünfte Raum ist ein kleines Kino, in dem der Dokumentarfilm The Eye (2016) gezeigt wird. Der Film zeichnet Lindbergh als Mensch, beschreibt seine ganz eigene Art zu arbeiten und erzählt von seiner besonderen Haltung zu seiner Arbeit. So sagt er beispielsweise, dass Frauen, die in der Modefotografie makellos gezeigt werden, andere Frauen nicht zum Träumen anregen, sondern einfach nur ein Albtraum sind. Und mit dieser Aussage, die viel Lachen im gut gefüllten Kinoraum ausgelöst hat, soll der erste Teil des Besuches beendet werden.

Dieser Text ist der erste von drei Teilen unserer Navigationshilfe durch die aktuell in der Kunsthalle laufende Ausstellung von Peter Lindbergh.

Peter Lindbergh. From Fashion to Reality
13. April – 27. August 2017
Täglich geöffnet von 10-20 Uhr (Besonderheiten siehe
hier)
Eintrittspreis regulär 12 €, Studenten 6 €
Begleitprogramm siehe Website

Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung
Fünf Höfe
Theatinerstraße 8
80333 München
T +49 (0)89 / 22 44 12
kontakt@kunsthalle-muc.de