It gets brighter

(c) Riccardo Annandale

Halbwissen und Vorurteile bestimmen noch immer die Debatte um psychische Erkrankungen. Betroffene trauen sich oft nicht, über ihren Zustand zu sprechen oder Hilfe zu suchen, aus Angst vor Stigmatisierung. Die Internetplattform It Gets Brighter will endlich Raum für ein offenes Gespräch und mehr Toleranz schaffen.

© Riccardo Annandale

Von Franziska Stolz

Der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie zufolge sind jährlich etwa 28 Prozent der erwachsenen Bevölkerung von einer psychischen Erkrankung betroffen. Das entspricht rund 17,8 Millionen Menschen. Jedoch begegnen breite Teile der Gesellschaft dem Thema mit Unverständnis, ja sogar Unglauben. In den schlimmsten Fällen wird mit geradezu kreationistischer Überzeugung behauptet, jeder sei mal traurig, Depressionen existierten gar nicht. Anders als die Evolutionstheorie sind psychische Krankheiten, obwohl wissenschaftlich nachgewiesen, vielleicht noch nicht weit genug im kollektiven Bewusstsein normalisiert.

Dem soll das Projekt It Gets Brighter entgegenwirken.In England, an der Oxford Universität, schloss sich 2013 eine Gruppe Studenten zusammen und rief das Projekt ins Leben. Sie erstellten eine Webseite, auf der junge Menschen und ihre Angehörigen Videos hochladen und über ihr Leben und den Umgang mit einer psychischen Erkrankung berichten können. Ihre Geschichten sind so unterschiedlich wie die Erzähler und Protagonisten, doch sie handeln nicht nur von Beschwernis und Leid. Es sind Geschichten der Hoffnung und Genesung. Ihre Kernnachricht ist namensgebend für das Projekt: It Gets Brighter – Es gibt einen Lichtblick.

Offenheit soll Ängsten entgegenwirken

Dr. Belinda Platt, die an der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der LMU tätig und mit den Gründern befreundet ist, brachte It Gets Brighter nach Deutschland. Fast hundert Videos stehen inzwischen auf der englischen Seite, nun soll das Projekt auch bei uns richtig durchstarten. „Unser Ziel ist es, jungen Leuten zu zeigen, dass sie nicht alleine sind.“, erklärt Dana Winogradow, eine Psychologiestudentin aus Konstanz. Sie betreut momentan im Rahmen eines halbjährigen Praktikums die Website It Gets Brighter. Oft fühlen sich Menschen mit psychischer Erkrankung schuldig oder schämen sich.

Die Videos sollen das Bild von psychischen Krankheiten hinterfragen und dazu animieren, eine Therapie in Anspruch zu nehmen. Gerade wenn es darum geht, wird in Deutschland noch viel diskriminiert. Die Problematik, meint Winogradow, äußere sich besonders in Bezug auf den Beruf: „Die Leute haben Angst, dass Arbeitgeber sie recherchieren und dann nicht einstellen.“ Lehramtsstudenten beispielsweise und alle, die auf eine Stelle beim Staat hoffen, fürchten, dass eine frühere psychische Erkrankung ein Ausschlusskriterium für ihre Verbeamtung sein könnte. Und das nicht grundlos. Sie bezahlen deshalb oft die Stunden beim Psychotherapeuten aus eigener Tasche oder bleiben unbehandelt. Gerade hier wird deutlich, wie notwendig ein Anstoß zum Umdenken ist. Niemand käme auf die Idee, ein physisches Leiden zu verstecken.

Licht ins Dunkel

„Wichtig ist, den Leuten zu erklären, dass sich bei psychischen Erkrankungen auch biologisch etwas verändert im Körper, dann akzeptieren sie es auch viel eher“, sagt Winogradow. Deshalb sucht der deutsche Ableger der Seite nach den ersten Mutigen, die mithelfen wollen. Mithelfen –  ganz im Sinne der Aufklärung – Licht ins Dunkel der Vorurteile zu bringen und ein Netzwerk der gegenseitigen Unterstützung zu schaffen.

Wer ein Video beitragen möchte, kann dieses über einen eigenen Youtube-Account hochladen. So behält man auch die Möglichkeit, den Beitrag zurückzuziehen, sollte man sich irgendwann nicht mehr wohl damit fühlen. Die Seitenbetreiber von It Gets Brighter überprüfen zwar, ob die Beiträge den vorgegebenen Richtlinien entsprechen, die Entscheidung, wie viel und in welcher Form sie über ihre Erfahrungen sprechen möchten, liegt aber bei den Betroffenen.

Im Idealfall wäre es so einfach, wie über einen Schnupfen zu sprechen. Die Realität sieht leider noch anders aus – viele zögern, sich so persönlich im Internet zu zeigen. „Ein Freund von mir will jetzt ein Video machen. Er war begeistert von der Idee und hat sofort zugesagt“, meint Winogradow. Die Hoffnung ist, dass bald weitere folgen. Zunächst einmal soll das Projekt nun in Psychologievorlesungen beworben werden. Auch auf Facebook, Twitter und Instagram ist It Gets Brighter zu finden. „Be part of the generation that cares“, lautet eine Aufforderung im Trailer zur Internetseite. Und tatsächlich ist es höchste Zeit für eine solche Generation.

 

 

Hier geht es zur Seite von It Gets Brighter Deutschland: http://www.itgetsbrighter.de