Es geht ums Leben: Ein Interview mit Naked Feen

Die Band Naked Feen über Bühnendeko, Liebe, Zukunftsängste und Eisessen. Und über die Sehnsucht nach einem Platz im Leben.

 

Was macht eine junge Band, um vor einem möglichst großen und partybegeisterten Publikum zu spielen? Sie zieht durch die Studentenwohnheime. Was macht eine junge Band, um nicht nur Studenten mit ihrer Musik zu beglücken? Sie erobert die Münchener Radiostationen. Was macht eine junge Band, wenn sie eine Schwäche für Orange und Fans hat, die endlich eine Platte der Band in der Hand halten wollen? Sie nimmt eine EP auf und schmeißt am 10. Mai eine Release Party im Substanz. Was macht Philtrat? Ein Interview mit der Studentenband Naked Feen über Bühnendekoration, Zerstörungswut und Filesharing.

"Eine Art Wohnzimmeratmosphäre" Naked Feen im Substanz...

Philtrat: Was hatte es mit eurer Bühnendekoration gestern beim Release auf sich?

Markus: Es ist so, wir haben auch immer meine beiden alten Teppiche auf der Bühne. Die wollte meine Mutter mal wegwerfen, aber dann hab ich sie genommen, und jetzt haben wir sie auf der Bühne, damit wir so eine Art Wohnzimmeratmosphäre erzeugen. Dann zünden wir noch ein paar Räucherstäbchen an und Kerzen, das ist für uns ein wichtiges Ritual, das einen Wohlfühlcharakter für uns hat. Eine alte englische Lampe hatten wir auch mal, aber die wurde uns geklaut.

Philtrat: Das soll euch Glück bringen?

Markus: Es soll nicht nur Glück bringen, es soll dafür sorgen, dass wir uns wohl fühlen. Dass wir uns wie in einem Wohnzimmer fühlen, wenn wir live spielen.

Philtrat: Das hat also nichts mit Aberglaube zu tun?

Markus: In erster Linie geht es darum, sich sicher zu fühlen und Kraft aus dem zu schöpfen, was einen verbindet.

 

Philtrat: Das Konzert gestern war ja ziemlich intensiv. Wart ihr schon einmal betrunken auf der Bühne? Fällt es einem leichter, so zu spielen?

Markus: Nein, finde ich nicht. Ich fühle mich unsicherer. Es ist einem egal, wenn man Fehler macht. Aber gestern zum Beispiel hatte ich bis zur Mitte des Konzertes nur Wasser. Aber dann war das irgendwann leer, dann hab ich mich bei den Bandkollegen durchgeschnorrt und Bier getrunken.

Philtrat: Den Rausch, die Besoffenheit und den Zerstörungswahn gibt es heutzutage ja eigentlich nicht mehr. Braucht es die denn überhaupt noch? Dass man Gitarren zertrümmert wie The Who?

Markus: Wenn man es sich leisten kann, natürlich.

Ralph: Ich bin manchmal schon extrem aggressiv auf der Bühne. Manchmal würd ich gern in den Verstärker reintreten.

Philtrat: Aber du machst es dann doch nicht…

Ralph: Ja, mir fehlt halt das Geld dazu.

Markus: Naja, ich glaube, diese Aggressivität kickt heute niemanden mehr. Wir wachsen einfach in einer extremeren Wohlstandsgesellschaft auf, in der die Probleme nicht mehr so deutlich in der Jugend präsent sind oder verarbeitet werden wie damals. Manchmal empfinde ich das als Manko, dass wir alle ein bisschen eingeschlafen sind heute.

Philtrat: Greift ihr das dann in euren Texten auf?

Markus: Momentan noch nicht. Momentan sind wir nicht wirklich politisch. Aber das ist auch nur meine Meinung jetzt und in der Band sind noch andere, drum muss das nicht unbedingt etwas mit der Band zu tun haben.

Philtrat: Wer schreibt eure Texte?

Ralph: Die schreibt im Endeffekt eigentlich zu 90% Matze.

Markus: Ich noch ein bisschen.

Matze: Wenn wir die EP ankucken, würde ich sagen 60:40, bei den neuen Songs 100% ich.

"Es geht um eine tiefe Sehnsucht nach einem Platz im Leben..."

Philtrat: Welche Themen behandelt ihr darin?

Markus: Ganz pauschal: Es geht ums Leben. Um alles, was passiert. Um allgemeine Sachen, die uns selbst passiert sind, wie Liebe. „Cold hands“: Da geht es um eine verflossene Freundin von mir, mit der war ich ein ganzes Jahr lang zusammen und immer am Zweifeln. Sie war extrem verliebt. Deswegen heißt das Lied „Cold hands“, weil ich halt kalte Hände hatte und sie es nie gemerkt hat. Auf jeden Fall Liebe und Gefühle, aber auch manche doppeldeutige Texte, die nicht so ernst zu nehmen sind.

Ralph: Zukunftsängste.

Markus: Oder Orientierungslosigkeit. Selbstsuche. Einen Sinn finden.

Matze: Auch um Eisessen und In-der-Sonne-Liegen. Bei „Pages“ z.B. geht es um eine tiefe Sehnsucht nach einem Platz im Leben. In relativ vielen Liedern geht es um das Individuum, das versucht, sich irgendwo beheimatet zu fühlen. Das passt auch ganz gut zu der Wohnzimmeratmosphäre, die wir immer bei unseren Konzerten anstreben

Philtrat: Was kommt dabei zuerst: Die Melodie oder die Lyrics?

Ralph: Erst die Melodie.

Philtrat: Warum singt ihr auf Englisch?

Markus: Wir sind alle Muttersprachler.

Ralph: Nein, es ist halt schwierig als Deutscher gute deutsche Texte zu schreiben.

Markus: Für meine Ohren klingt es auch schöner, wenn man auf Englisch singt. Und man spricht einfach auch mehr Leute an.

Ralph: Wenn ich eine Band höre, die deutsch singt, achte ich automatisch viel mehr auf den Text. Es hat auch etwas von einem Schutzmechanismus, auf Englisch zu singen, da es nicht jeder sofort versteht.

Markus: Genau. Es erfordert mehr Mut, das auf Deutsch zu tun. Und dann klingen Songtexte oft auch ganz schnell auch einfach kitschig. Bosse finde ich zum Beispiel total kitschig. Ich glaube aber nicht, dass das wirklich kitschig ist, sondern dass man es nur so empfindet, weil man es einfach nicht gewohnt ist, deutschsprachige Lieder zu hören. Es gibt zwar viele Gute: Lieder wie „Über den Wolken“ finde ich super, jeder kennt sie, jeder kann mitsingen, das hat was echt Positives. Ich habe auch seit Ewigkeiten vor, mit der Gitarre mal eine Tour durch Irland zu machen und deutsche Lieder zu singen: „Im Frühtau‘ zu Berge“, „Die Gedanken sind frei“, weil ich das auch gut finde. Aber für Naked Feen sind englische Texte auf jeden Fall besser. Auch, weil wir auch mal gern woanders spielen wollen. Ob das nun in England ist oder in Polen, da verstehen sie dich einfach besser.

Philtrat: Mit der Musik kann man als junge Band ja heutzutage nur sehr schwer Geld verdienen, da die digitale Revolution durch das Internet alte musikalische Geschäftsmodelle ausgehöhlt hat. Was für eine Bedeutung hat das Internet für euch?

Markus: Ja, das stimmt, das gab es früher nicht, dass man sofort unglaublich leicht ganz viele Leute direkt ansprechen kann, die man früher einfach nicht erreicht hat.

Ralph: Unsere Musik ist auch GEMA-frei und steht unter einer Creative Commons-Lizenz, man kann sie also auch kostenfrei streamen.

Philtrat: Empfindet ihr Filesharing als Bedrohung? Macht das eure Arbeit als Band kaputt oder setzt ihr eher darauf, dass eure Musik illegal verbreitet wird?

Ralph: Jetzt setzen wir auf jeden Fall darauf. Wenn wir wirklich anderweitig Geld verdienen würden, wenn wir eine große, erfolgreiche Band wären, dann wäre das vielleicht anders.

Markus: Einerseits ja, aber wenn du eine größere Band bist, verdienst du dein Geld sowieso hauptsächlich, indem du Konzerte spielst. Radiohead haben auch ein Album kostenlos oder gegen freie Spende ins Netz gestellt, weil es sowieso gebrannt wird. Das hat einen sozialen Aspekt, weil jeder selbst bestimmen kann, wie viel er oder sie zahlen will. Andererseits ist es unmöglich, das aufzuhalten. Die Zeiten ändern sich, und diese Zeiten sind vorbei, in denen man nur durch den Vertrieb Geld verdient hat.

Philtrat: Habt ihr einen Plan für die nächsten Wochen und Monate?

Matze: Erst mal natürlich weiterhin Konzerte spielen. Das Live-Spielen ist immer eine Säule, aber auch Songwriting. Das kam in letzter Zeit ein bisschen kurz, weil wir für den Release üben und Volker, den neuen Bassisten, anlernen mussten. Jetzt wollen wir aber mal wieder produktiv und kreativ sein, neue Songs schreiben und an alten Arrangements feilen. Dass man immer wieder auf die Bühne geht und neues Material oder neue Klangfarben hat.

Philtrat: Ihr habt ohnehin ja eine sehr große musikalische Bandbreite…

Matze: Die Abwechslung macht uns großen Spaß und das wollen wir auf der Bühne auch rüberbringen. Mir macht das Spaß, wenn mich Konzerte überraschen.

"Live wollen die Leute halt auch eher das sehen, was sie kennen, drum trauen sich viele wahrscheinlich auch nicht, Neues auszuprobieren."

Philtrat: Habt ihr musikalische Vorbilder?

Markus: Ach, ganz viele. Zum Beispiel live wären das Arcade Fire oder At The Drive Inn.

Matze: Musikalisch hab ich mit denen eigentlich gar nichts am Hut, aber es macht einfach Spaß, die live zu sehen, was für eine enorme Energie die transportieren.

Ralph: Natürlich aber auch die Strokes. Live haben mich die aber eher enttäuscht. Da passiert fast gar nix, da ist ja sogar die Lichtshow interessanter.

Matze: Das ist halt bei denen cool, aber ich denke, auch da könnte man mehr rausholen. Live wollen die Leute halt auch eher das sehen, was sie kennen, drum trauen sich viele wahrscheinlich auch nicht, Neues auszuprobieren. Als musikalische Inspirationsquelle schätze ich die aber sehr, gerade was Gitarrenarbeit angeht.

Philtrat: Mit welcher Band würdet ihr denn am liebsten mal auftreten?

Markus: Mit Arcade Fire.

Matze: Da würde ich dann danach gar nicht mehr spielen wollen, die sind viel zu gut.

Ralph: Bloc Party vielleicht noch.

Philtrat: Als junge Band hat man es selten leicht. Was bringt euch als Band besonders auf die Palme?

Matze: Was ich jetzt besonders blöd finde, ist zum Beispiel bei Festivals wie beim Stustaculum: Man bewirbt sich und bekommt nicht mal eine Absage. Du kämpfst dich durch ein aufwendiges, nerviges Bewerbungsverfahren, wo du Sachen abgefragt wirst, die erst einmal in keiner Weise relevant sind für die Organisation. Das hat nichts mit dem Auswahlprozess zu tun und dann nimmt sich nicht einmal jemand die Zeit, dir abzusagen. Das ist doch blöd. Jedes große Festival schafft das. Das bringt mich manchmal auf die Palme, weil das absolut nicht von Künstlerrespekt zeugt. Oder ganz ausgeprägte Vetternwirtschaft. Jedes Jahr dieselben Bands. Bei guten Bands ist das vollkommen in Ordnung, ein bisschen Loyalität von Veranstaltern zu den Bands ist nicht schlecht.

Markus: Aber manche liefern das nicht und spielen trotzdem öfter und manche wiederum nie. Es soll ja eine Art Nachwuchsförderung sein, aber wenn man dieser Aufgabe nicht gerecht wird, finde ich das falsch, sich mit solchen Federn zu schmücken.

Matze: Es gibt ja viele Bands, auf die das zutrifft und die darunter leiden. Gegenbeispiele gibt es auch genügend: Manchmal gibst du deine CD ab und irgendein Booker meldet sich und gibt dir ein Feedback. Egal, wie das ausfällt, gibt es einem das Gefühl, ernst genommen zu werden. Die wissen genau, dass wir noch nicht über eine riesige Fanbase verfügen und den Laden voll machen.

Markus: Aber wir passen vielleicht musikalisch super rein.

Matze: Genau. Man muss da unterscheiden, ob das eine reine Kommerzveranstaltung sind, die darauf angewiesen sind, dass die Bands möglichst viele zahlende Gäste bescheren, oder ob es wirklich um die Musik geht.

Philtrat: Und das trauen sich nur noch wenige?

Matze: Ja, obwohl es darum eigentlich geht. Es gibt auch unzählige Bandcontests, die sich als große Jugendförderer präsentieren, aber eigentlich nur indirekt die Finanzierung auf die jungen Bands auslagern. Und diese machen das meistens mit, weil sie spielen wollen und selten Gigs angeboten kriegen. Es gibt natürlich auch seriöse Contests, wie das Sprungbrett im Feierwerk oder das Stadt-Land-Rock-Festival der SZ, dann ist dein Name schon mal in der Zeitung. Aber bei viel zu vielen kommt nichts raus am Schluss und der Konkurrenzgedanke ist eher hinderlich.

Philtrat: Vielen Dank für das Gespräch. Wann ist euer nächster Auftritt?

Markus: Am 24. Mai im Caritas-Mädchenwohnheim beim Nordbad. Das ist der Opener unserer diesjährigen Wohnheim-Tour. Wir haben das schon einmal gemacht, weil es als Band so schwer ist, irgendwo zu spielen. Deswegen wollten wir uns eine Alternative suchen und sind in die Wohnheime gegangen, weil da die besten Parties steigen und selten Bands spielen.

Matze: Wohnzimmerkonzert extended.

 

Fotos: Bernhard Hiergeist

 

Von links nach rechts: Ralph, Markus, Volker und Matze von Naked Feen (Foto: © Helena Heilig)

NAKED FEEN:

Das sind Markus Meier, Matthias Meiner, Volker Jacht und Ralph Würschinger. Nach ihrer Gründung im Jahr 2009 bespielten sie ungewöhnliche Locations quer durch München, darunter katholische Mädchenwohnheime und Getränkemärkte. Die Band spielt melodiöse, gitarrenlastige Rockmusik oder, wie sie es selbst bezeichnet, „hardcore porn for your ears“. Als musikalische Referenzen dürfen Arcade Fire oder Arctic Monkeys gelten.
Ihre erste EP „Naked Feen“ wurde am 10. Mai 2012 mit einer Releaseparty im Substanz veröffentlicht. Mehr Informationen und Tourdaten (auch über die kommende Wohnheimtour Sommer/Herbst 2012) auf www.nakedfeen.com