Kulturphilter

Druckvolles Amalgam

 

Die Apparat-Band begeistert in den Kammerspielen.

 

Die Apparat-Band

Der November präsentiert sich dieser Tage bekanntlich von seiner typischen, schaurig-romantischen Seite. Tief hängt die Nebelsuppe am Abend des 09.11. in der Maximilianstraße und verschleiert die Sicht auf die hiesigen Nobelboutiquen. Die Menschentraube vor den Kammerspielen zeigt sich derweil gänzlich unbeeindruckt von dem fast Poe´schen Szenario. Herausgeputzt, hornbebrillt und leinenbeutelbehängt findet man sich nach und nach und ohne große Eile im Schauspielhaus des Theaters ein. Sascha Ring alias Apparat bittet mit seiner frisch formierten Band zum Tanz, pardon, zum, nun ja, andächtigen Lauschen monströser Beats und wabernder Soundflächen, während das Tanzbein gepeinigt zu kleinsten Zuckungen in Sitzposition verdammt ist.

Doch der Reihe nach: Im September diesen Jahres erschien das von der Kritik recht wohlwollend besprochene Album The Devil´s Walk, mit dem der einstige Vollblut-Elektroniker und DJ eine neue musikalische Richtung einschlägt: weg von rein synthetischen Klängen aus der Konserve, hin zu einer wärmeren, da organischeren Spielweise, eingespielt in Bandbesetzung. Neben dem unverzichtbaren Triumvirat Gitarre-Schlagzeug-Bass wird mittels Klavier, Cello und Geige bis hin zu Xylophon und Glockenspiel (natürlich unter Beibehaltung der elektronischen Elemente) ein sorgsam ausgetüftelter und liebevoll produzierter Klangkosmos geschaffen, der nun im restlos ausverkauften Schauspielhaus umgesetzt wird.

Dichter Sound – den ganzen Abend

Als die Vorgruppe Warren Suicide (das Zweitprojekt des Gitarristen, Pianisten sowie Produzenten des neuen Apparat-Albums, der auf den etwas verstörenden Künstlernamen Nackt hört) die ersten Klänge in den Raum sendet – ein spannendes Intro aus Cello, Geige und elektronischem Gefrickel – zeichnet sich bereits ein erster Faktor ab, der diesen Abend zu einem Erlebnis werden lässt: eine selten gehörte Soundqualität, die das Gehörte kristallklar aus den Boxen perlen lässt. Die teils durchaus nett anzuhörende Band, deren Sängerin während des kurzen Auftritts Utensilien wie einen Schlagbohrer und Alarmsignale aus einem Megaphon als Musikinstrumente missbrauchte, sollte jedoch letztlich nicht mehr als eine Fußnote darstellen.

Kurze Pause, man erfrischte sich an der Bar, ein Klingeln, ein abermaliges Klingeln, Auftritt der Apparat-Band. Bereits der erste Song Your House Is My World schlug das nahezu durchweg junge Publikum in seinen Bann: eine Ukulele, leise Klaviertupfer (beide Instrumente gespielt von besagtem Nackt), verhaltenes Schlagzeug-Geklöppel, weiche elektronische Soundflächen aus dem Hintergrund und Rings Falsetto erzeugen eine Musik, die paradoxerweise fragil und druckvoll zugleich erscheint. Tosender Applaus. „Hallo München!“, ruft der Wahlberliner in den Saal und wird plötzlich von einer abrupt hervorzischenden Kunstnebelwolke verschluckt. Lachend schickt er ein „Goodbye München!“ hinterher. Da war er wieder, der Nebel.

Vorbei war der Abend damit jedoch noch lange nicht. Mit sichtlicher Spielfreude wurde den Zuschauern auf eine Weise eingeheizt, die manch einen zu einer recht kruden und schwer beschreibbaren Form von „Sitztanz“ bewog (ansonsten dominierte an diesem Abend der klassische Kopfnicker). Die im Anschluss präsentierten Songs hatten in ihren atemberaubenden Crescendos durchaus hymnischen Charakter, waren in ihrer Subtilität jedoch zugleich meilenweit entfernt von Coldplay´schem Mainstream-Mitgröhl-Ethos. Mal überwog die sanfte Magengruppenmassage durch die volltönenden Beats (Candil De La Calle), mal wurde durch die Gastauftritte von Geiger und Cellist der Vorgruppe beeindruckend Hochzeit zwischen klassischem Instrumentarium und den neuen Mitteln und Wegen der Musik gehalten (The Soft Voices Die).

Begeisterungsstürme des Publikum

Frenetisch bejubelt wurde durchweg alles, da es der Formation insbesondere gelang, die dichte Atmosphäre der Albumproduktion aufrechtzuerhalten, ja diese live gar mit einem zusätzlichen (Nach-)Druck auszustatten. (Armes Tanzbein!) Letztes Mosaiksteinchen zum Glück: das Licht. Auch hier wurde mit viel Geschmack und wenig Bombast auf die Massenhypnose hingearbeitet, die Bühne und deren Hintergrund in satte und warme Farben getaucht, während immer wieder hübsch anzusehende Zylinder aus Licht durch den Raum wanderten. Zwar fiel die talentierte, auf dem neuen Album vertretene Österreicherin Soap & Skin alias Anja Plaschg als Special Guest wegen Krankheit leider aus, das tat der Intensität des Konzerts jedoch keinen Abbruch.

Kurz: Toller Abend!

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