Kulturphilter

Thanks to the Clouds

Die Fleet Foxes (Foto von: Salvan Joachim)

Die Veranstalter des Dachauer Musiksommers gerieten am 26.05.2011 wohl weniger ob des immens schwülen Klimas ins Schwitzen: für erhöhte Transpiration sorgte bei diesen Herren vielmehr die Aussicht auf eine abendliche Niederschlagswahrscheinlichkeit von 86 Prozent – und das zum Eröffnungsabend der Open Air-Veranstaltung mit den derzeit allseits geliebten Fleet Foxes, die sogar den Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung zu Superlativen hinreißen. Sollte die nach Kurt Kister derzeit „beste Band Amerikas“ mit ihren wundervollen Chorälen gegen Sturmböen und peitschenden Regen ankämpfen müssen? Sollte der restlos ausverkaufte Rathausplatz zu einem nasskalten Ort des Bibberns und des Zähneklapperns für 1800 erwartungsvolle Fans werden?

Zum Glück lautete die Antwort: Nein. Es kam dann doch ganz anders. Petrus schien aufgrund besonderer Umstände – Dachau kam in den Genuss, der Schauplatz von einem der nur zwei Deutschlandkonzerten der flinken Füchse zu sein – eine Ausnahme zu gewähren und ließ die 14-prozentige Restwahrscheinlichkeit auf ein Konzert in lauer Abendluft, abgesehen von einigen Tropfen, tatsächlich Realität werden.

Rechtzeitig erschien dann auch die Band auf der Bühne, Leadsänger Robin Pecknold sprach seine Hoffnung auf einen trockenen Abend aus, grinste spitzbübisch und stimmte mit seinen Bandkollegen das Instrumentalstück The Cascades aus dem aktuellen Album Helpnessless Blues an.

Was folgte, war ein überaus stimmiges Best Of aus dem noch recht schmalen Oeuvre der Neo-Folker. Zwei Alben, eine EP, alle meisterhaft, alle vom Feuilleton besungen. Und doch ließ sich beim Publikum eine Vorliebe für die Titel aus dem selbstbetitelten Debüt der Band ausmachen. Blieb bei der eigentlich großartigen druckvollen Hymne Grown Ocean aus dem neuen Werk Helpnessless Blues, noch die ganz große Euphorie aus, so schwappte diese dann bei den später folgenden Stücken Ragged Wood oder „Blue Ridge Mountains“, beides Klassiker aus Album eins, regelrecht über. Große Wonne in den Gesichtern, kollektives Jauchzen als die ersten Töne angespielt wurden. Ergraute, bebrillte Herren in Sakkos mit Flicken an den Ärmeln, wiegen sich bald in verzückter Versenkung zu den Klängen des Tiger Mountain Peasant Songs, einer Verbeugung vor Simon and Garfunkel, in der sich Robin Pecknolds klarer, reiner Tenor wunderbar entfaltet. Wo ist wohl Kurt Kister?

Just als es beginnt zu tröpfeln, erinnert sich Sänger Pecknold an die angespannten klimatischen Gegebenheiten. „Is it still not raining?“ fragt er von der überdachten Bühne herab. Fast möchte man ihm Ironie unterstellen. Später dann ein gewagter Moment. Die Band spielt das textlich und musikalisch regelrecht psychedelische Stück The Shrine/An Argument an. Ein achtminütiges Epos, das sich durch abrupte Wechsel in verschiedene musikalische Parts aufteilt und schließlich mit einem kakophonischen Saxophon-Stakkato etwas verstört. Sollte die Harmonie des Wohlklangs wirklich für einen Moment aufgebrochen werden? Multiinstrumentalist Morgan Henderson, der die Band als neues Mitglied u. a. mit Geige, Kastagnetten und Gitarre zum Sextett erweitert, greift schließlich tatsächlich zum Saxophon und quietscht und tutet dem kurzzeitig nicht mehr ganz so aufmerksamen, in diesem Moment eher schwatzhaften Publikum, eine geballte Ladung Disharmonie entgegen. Dieses Detail war eben doch nicht nach jedermanns Pop-Gusto. Das Finale des Abends dann schon wieder viel mehr. Nachdem die Band die Bühne verlässt, kehrt Pecknold alleine zurück und schafft per Soloperformance des Stückes Oliver James, einen Moment schönster Lagerfeueratmosphäre, der mit begeistertem rhythmischen Klatschen des Publikums unterlegt wird. Ein letztes Mal findet sich die Band zusammen. Pecknold möchte nochmals aufs Wetter zurückkommen. Er tut dies, indem er dem Dank an das Publikum, das er „sweet and grateful“ fand, einen Dank nach ganz oben anschließt: „Thanks to the clouds.“

Zum Abschluss wird der Titeltrack des aktuellen Albums kredenzt und nun schlägt auch die Energie des neuen Materials vollends über. Dann ist der erste Konzertabend des Dachauer Musiksommers zu Ende. Als das glückliche Publikum schon längst auf dem Nachhauseweg ist, erinnert sich jemand in den himmlischen Gestaden, dass es ja eigentlich regnen sollte.

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