Peter Lindbergh in der Kunsthalle München
 – Eine Navigationshilfe (Part 2)

Kate Moss, 1994 Harper’s Bazaar, © Peter Lindbergh (Courtesy of Peter Lindbergh, Paris / Gagosian Gallery)

Von Jasmin Jetter

Der Rundgang geht weiter. Der fünfte Raum ist riesig und beinhaltet eine Vielfalt an Bildern. Die Fotografien werden übrigens immer gleich präsentiert: Sie sind von einem dunkelbraunen Holzrahmen eingefasst und mit einer spiegelnden Oberfläche versehen. Die Spiegelung, so Lindbergh, ermöglicht eine Interaktion des Bildes mit dem ausstellenden Raum und mit dem Betrachter, der sich selbst im Bild impliziert sieht. Trotz der schlichten Gestaltung des Raumes – die Wände sind wieder in schwarz gehalten – ist der Raum unübersichtlich. Am besten man betrachtet nur ein paar wenige Bilder, die einem besonders gefallen, intensiv. An der linken Seite befindet sich eine Fotografie, die den Titel Nadja Auermann (2015) trägt. Zu sehen ist jedoch nicht nur Nadja Auermann, sondern auch das sie umgebende Fotosetting mit den beteiligten Personen (ganz rechts befindet sich der Designer Haider Ackermann selbst). Hier zeigt sich anschaulich Lindberghs Eigenart, nicht nur während des Shootings, sondern auch davor, danach und in den Pausen zu fotografieren.

Dabei entstehen unerwartete, aber nicht minder interessante Bilder, wie wir auch hier eines vor uns haben. Daneben findet sich ein weiteres aufschlussreiches Bild, das Helena Bonham-Carter (2012) zeigt. Sie trägt ein von Giles entworfenes Hochzeitskleid, das mit Swarowski-Steinen benäht ist. Für den Besucher überraschend: Das Original-Kleid ist daneben ausgestellt und setzt den Betrachter in einen völlig neuen Bezug zum fotografierten Kleid. Ein letztes Bild soll hier noch hervorgehoben werden: Es zeigt Kate Moss im Jahre 2014. Man vergleicht unweigerlich die junge Moss aus der Fotografie a star is born mit dem 20 Jahre älteren Ich. Sie hat nichts an ihrer Ausstrahlung verloren, wirkt aber nun wie eine völlig andere Person. Vielleicht erhält die Persönlichkeit Kate Moss’ in der neueren Fotografie sogar eine noch größere Präsenz. Dies würde hervorragend mit Lindbergs Haltung korrelieren, nicht der Jugend den Vortritt zu geben, sondern im Gegenteil die Spuren des Alters im Gesicht eines Menschen besonders zu schätzen.

Kate Moss, 1994
Harper’s Bazaar, © Peter Lindbergh (Courtesy of Peter Lindbergh, Paris / Gagosian Gallery)
Kate Moss, Paris, 2014
Vogue Italia, © Peter Lindbergh (Courtesy of Peter Lindbergh, Paris / Gagosian Gallery)
Giorgio Armani, S/S 2015

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Dunkelkammer

Vom fünften Raum gelangt man durch einen lichtdichten schwarzen Plastikvorhang in einen weiteren kleinen Raum. In der durch Glühbirnen in rotes Licht getauchten Kammer sind wir von Bildern umgeben. Sie hängen sowohl von der Decke als auch in chaotischer Anordnung an den Wänden. Wir befinden uns in der Dunkelkammer Lindberghs, ein Ort, an dem er viel Zeit verbrachte, heute jedoch eher weniger. Lindbergh ist Anhänger der analogen Fotografie, hat jedoch vor einigen Jahren aus pragmatischen Gründen schließlich doch auf digitale Fotografie umsteigen müssen. Die hinterste Wand und die Theken widmen sich einem unabhängigen Projekt Lindberghs: Seit vielen Jahren beschäftigt ihn das Thema der Invasion durch Außerirdische. An der hinteren Wand befindet sich eines der im Rahmen des Projekts entstandenen Fotografien. Es trägt den Titel Debbie Lee Carrington & Helena Christensen (1990) und wird oft als „erste Bilderzählung in der Modefotografie“ bezeichnet. Aus seinem persönlichen Faible für „das Andere“ resultierten dann schließlich auch viele seiner Aufträge.

The Unknown

Das Thema des Unbekannten, das auf die Erde kommt, setzt sich in Raum 7 fort. Hier findet sich ein für einen Ausstellungsraum innovatives Raumkonzept: Die Wände sind mit den großformatigen Fotografien der Serie The Unknown (2000) tapeziert. Unter ihnen sind nun auch einige Farbfotografien, wenn auch in reduzierter Form. Der Schwarzweiß-Fotografie spricht Lindbergh einen höheren Wahrheitsgehalt zu als der Farbfotografie. Was nun durchaus zu der Serie The Unknown passt, die an Science-Fiction-Filme angelehnt ist und sich damit eher auf das Phantastische als auf die Wahrheit konzentriert. Die unabhängige Projekte Lindberghs, in denen wir visionären und apokalyptischen Szenarien begegnen, erforderten einen großen Arbeitsaufwand. Auch darin zeigt sich, wie sehr Lindbergh dieses Thema am Herzen liegt.

Umgeben vom Unbekannten

Der nächste Raum empfängt den Besucher mit psychedelischer Musik und Menschen, die sich als Schatten an der Wand tanzartig bewegen. Mit dieser seltsamen Installation weiß man ohne Erklärung erst einmal wenig anzufangen. Es handelt sich um eine Aneinanderreihung von Bildern aus der Serie The Unknown, die zusammen einen Film ergeben. Die Realität ist sozusagen rekonstruiert worden. Mit dem Wissen, dass die tanzenden Personen etwas Fremdes darstellen, wird klar, dass die seltsame Wirkung gewollt ist. Doch was ist der kreisrunde Gegenstand in der Mitte des Raumes? Es handelt sich um ein Ufo, deren charakteristische Lichter leider nicht eingeschaltet werden konnten, weil sie zu hell für die Installation gewesen wären. Schade, dass der Raum nur mit Erklärung nachvollzogen werden kann. Die Offenbarung von Lindberghs Faible für das Unbekannte aber erweitert unser Bild des Modefotografen um weitere Facetten.

Dieser Text ist der zweite von drei Teilen unserer Navigationshilfe durch die aktuell in der Kunsthalle laufende Werkschau von Peter Lindbergh. Zum ersten Teil geht’s hier entlang.

Peter Lindbergh. From Fashion to Reality
13. April – 27. August 2017
Täglich geöffnet von 10-20 Uhr (Besonderheiten siehe
hier)
Eintrittspreis regulär 12 €, Studenten 6 €
Begleitprogramm siehe Website

Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung
Fünf Höfe
Theatinerstraße 8
80333 München
T +49 (0)89 / 22 44 12
kontakt@kunsthalle-muc.de