Filmreihe

Aus der Balance

War es Mord oder Suizid? Justine Trients „Anatomie eines Falls“ verbindet Krimi, Gerichts- und Familiendrama mit beeindruckender psychologischer Tiefe.

Von Felix Meinert

Aus der Sicht des Familienhundes sehen wir, wie die Polizei den Tatort untersucht. Die Kamera folgt dem Hund dabei, wie er an der Stelle vor der Berghütte vorbeiläuft, wo Samuel (Samuel Theis) nach seinem tödlichen Fall vom Balkon aufprallte und das Blut den Alpinschnee nun rot färbt. Der Hund tastet sich ins Wohnzimmer voran, wo Samuels Ehefrau Sandra (Sandra Hüller) Polizeibeamten Fragen zum Tod ihres Mannes beantwortet, dann jagt er geschwind die Treppe hinauf.

Es ist eine von vielen Aufnahmen, die in „Anatomie eines Falls“ ein Gefühl ständiger Anspannung aufrechterhalten. Regisseurin Justine Trient entfaltet mit ihrer Mischung aus Krimi, Gerichts- und Familiendrama eine psychologisch fesselnde Wirkung. Dieser Film, der um den tödlichen Sturz von Sandras Ehemann kreist, bringt uns als Publikum selbst immer wieder aus der Balance: Eine Aufnahme zeigt Sandra mit ihrem Anwalt Vincent (Swann Arlaud) betrunken auf dem Balkon umhertorkeln, es wirkt, als könnte sie jeden Moment hinabstürzen. Und auch als die beiden im Auto sitzen, blicken wir aus der Fahrerperspektive auf die dunkle, kurvige Straße, von der sie im schlimmsten Fall abkommen könnten.

Abgründe eines Familienlebens

Der Fall von Samuel (Samuel Theis) landet vor Gericht. Dort soll geklärt werden, ob Sandra ihn im Streit vom Balkon gestürzt oder er Suizid begangen hat. Im Laufe des Gerichtsprozesses treten die unverarbeiteten Traumata des Schriftstellerpaares wieder an die Oberfläche: die teilweise Erblindung des elfjährigen Sohnes Daniel, für die Sandra Samuel die Schuld gab; Samuels anschließende Depression; seine Eifersucht auf Sandra, die als Autorin erfolgreicher war als er und mehrere Affären einging. All diese offenen Wunden werden als Beweislast gegen die Angeklagte angeführt – und stellen die Abgründe eines Familienlebens offen zur Schau. 

Besonders erschütternd sind diese Enthüllungen für Daniel (Milo Machado Graner). Auch er nimmt an den Gerichtsverhandlungen teil und muss schließlich aussagen. Er entwickelt sich zu einem innerlich zerrissenen Charakter, in dem sich ein Loyalitätskonflikt gegenüber den eigenen Eltern ebenso widerspiegelt wie die Suche nach der Wahrheit.

Für den sehkranken Daniel ist das Klavierspiel eine Bewältigungsstrategie. In der Musik scheint er Zuflucht vor der Wirklichkeit zu finden. Gleichzeitig sind die Melodien, die er spielt, so stürmisch und aufgewühlt wie sein eigener Gemütszustand. Und in noch einer Hinsicht spielt seine Behinderung eine Rolle: Denn Daniels Zeugenaussage ist für das Urteil maßgeblich entscheidend; es dürfte kein Zufall sein, dass er als Sehkranker die gleiche Verantwortung auf sich lädt und die Gerechtigkeit auf ähnliche Weise verkörpert wie die Justitia mit ihrer Augenbinde.

Subtile Gesellschaftskritik

Milo Machado Graner bringt den moralischen Kampf dieses eingeschränkten und letztlich starken Charakters wirkungsvoll vor die Kamera. Auch Sandra Hüller ist in ihrer Rolle als Angeklagte hervorragend: Sie scheint mit großer Ehrlichkeit zu sprechen, gleichzeitig gibt ihr Körper ihre Nervosität preis, ihre Finger zittern, manchmal verhaspelt sie sich. Zu ihrem Sohn auf der Zuschauerbank wagt sie nur gelegentlich einen Blick.

Im Gerichtssaal werden nicht nur die unschönen Seiten einer Familiengeschichte offengelegt. Auch die gesellschaftlichen Krisen und Konflikte der Zeit treten zu Tage. Wir beobachten einen latenten Sexismus im Auftreten des Staatsanwalts, der mit seinem präpotenten Auftreten Sandra einzuschüchtern versucht. Er verwendet Textpassagen aus ihrem Roman als Beweismittel gegen sie und bedient so das Vorurteil, weibliche Autorinnen schrieben stets über sich selbst. Dagegen stellen zwei Zeugen Samuel als das Opfer in der Beziehung dar, das sich von den Ketten lösen wollte, die Sandra ihm angelegt hatte. Währenddessen diffamiert die Boulevardpresse in ihrer Berichterstattung die Angeklagte in einer Weise, die teils an Heinrich Bölls „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ erinnert.

Dennoch schafft es Justine Trient, dass „Anatomie eines Falls“ nicht um Politik kreist. Sie skizziert treffend, wie ein Kriminalfall innerhalb einer gesellschaftlichen Dynamik stattfindet, doch im Kern geht es um den wortwörtlichen Fall selbst, um die Tragödie einer Familie und das unvollkommene Streben nach Gerechtigkeit. Wir erfahren nicht, ob Samuel Suizid begangen hat oder Sandra ihn tötete. Wir werden von der Last des Nichtwissens nicht befreit. Eine der größten Stärken dieses Filmes ist, dass er uns das Gefühl des Gleichgewichts bis zum Ende verweigert.

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