Kulturphilter

Moulin Rouge auf Bayrisch!

Was reimt sich auf eine nachts um vier im Schlafzimmer sitzende Laus? Richtig: Franz Josef Strauß. Das sorgt für einen erschreckten Aufschrei und für den Entschluss, Franz Josef Strauß im Bier ersaufen zu lassen. Willkommen im Konzert der Hasemanns Töchter, ein frisch-fröhliches Akkordeon-Duett bestehend aus der Schauspielerin Julia Loibl und der Zwirbeldirn Maria Hafner. Sie gastierten im gut besetzten Metropol Theater mit ihrem Volksgesang-Kabarett-Konzert-Abend „Das volle Programm“, ausgezeichnet mit dem Kleinen Scharfrichterbeil 2013.

Foto: Jürgen Bergbauer
Leberkas geht immer: Hasemanns Töchter (Foto: Jürgen Bergbauer)

Es werden Lieder vom Lieben, Leben und Laufen in München und auch anderswo gegeben, so lautet die Ansage. Das Anderswo-Versprechen wird zwar nur geringfügig eingelöst, dafür aber wird München ausreichend besungen: der Gärtnerplatz, Giesing und der steinige, scherbenübersäte Isarstrand. Alte Volkslieder neu aufbereitet, daneben viele Neukompositionen.

Maria Hafner, studierte Schulmusikerin mit Banderfahrung bei Zwirbeldirn, komponiert, während Julia Loibl die Texte schreibt. Das alles wird mit dem kleinsten Sinfonie-Orchester der Welt dargeboten: zwei Mini-Akkordeons und zwei Stimmen. Etwaige Aussetzer oder musikalische Vergriffe werden charmant weggelächelt und mit Slapstick wieder auf Kurs gebracht. Die beiden Damen sind Könner ihres Faches.

Zwischen zelebrierter Naivität und bayrischem Grant

Auf den ersten Blick sind die zwei Koketten schon unverwechselbar kostümiert: Züchtig uniform in grünen Dirndln mit Punkten, darunter gestreifte Oberteile, wird burlesk mit den Unterröcken ins Publikum gewedelt – Moulin Rouge auf Bayrisch! Das Kostüm hält die schmale Balance zwischen lächerlich und amüsant-innovativ.

Überhaupt prägt eine gewisse Dialektik den Abend: bierernste Momente neben solchen, die zum Schreien komisch sind, das Lob auf die Völlerei neben dem Wunsch nach Bescheidenheit, zarte Verse neben deftig-derben, die süß-fesche Julia Loibl neben der herb-schönen Maria Hafner – das Duett schwankt irgendwo zwischen zelebrierter Naivität und der Feier des bayrischen Grant.

Bayrischer Grant mit jedem Klischee, das dazu gehört; auch der Spott auf die Preußen kommt in einem Lied nicht zu kurz. Allerdings wäre es falsch, Hasemanns Töchter in die vorurteilsbehaftete, reaktionäre Ecke verstaubter Stubenmusik zu stellen: Jegliche Stereotypen werden leicht verfremdet und mit Selbstironie zum Besten gegeben.  Eine wunderbare Metaebene in diesem auf den ersten Blick so urig bayrisch erscheinenden Bänkelsang. Die Heimat wird geliebt, aber eben nicht verkitscht. Doch auch an die „international Hörers“ wird gedacht, als die Hasen ein altes Lied vom Kraudn Sepp in English translaten – pardon – in bavarian English. Man kann sich eben auch in Bayern der globalisation not entziehen.

Der neue bayrische Bänkelsang?

Moulin Rouge auf Bayrisch (Foto: Claudia Hagn)
Moulin Rouge auf Bayrisch (Foto: Claudia Hagn)

Großen Stellenwert nimmt freilich das Essen in den Liedern ein: Frei nach dem Motto „Leberkas geht imma!“, sodass Maria schon von Mousse-au-Leberkas träumt und Julia gekonnt satirisch den Öko-Veggie-Bio-Wahn auf die Schippe nimmt: Biovollkornnudelauflauf ohne Tier. Vegetarisch wäre nicht so schlimm, wenn sich nicht auf „ohne Tier“ „ohne Bier“ reimte und in logischer Konsequenz auch folgt. Das können Hasemanns Töchter beim besten Willen nicht verstehen. Ohne Bier! Während der Darbietung gibt es für die Mädels allerdings nur Wasser, mit dem Maria Hafner zwischendurch die Plastikblumen, mit denen die Bühne garniert ist, gießt.

Hasemanns Töchter: das musikalische Kabarett? Das kabarettistische Akkordeon-Duett? Die bayrischen Bänkelsängerinnen? Neuer bayrischer Volksgesang? Eine schlagende Klassifikation fällt bei dieser Darbietung, die auch schauspielerische Intermezzi, wie etwa eine Vorabend-Krimiserie in zehnsekündigen Ausschnitten und Gstanzl-Rezitation, beherbergt, schwer.

Also nur ein Werturteil am Schluss: „Das volle Programm“, Rrreschpekt Hasemanns Töchter und nachträgliche Gratulation zum verdienten Kleinen Scharfrichterbeil 2013!

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