Knut Cordsen (Jg. 1972) arbeitet als Kulturredakteur und Literaturkritiker beim Bayerischen Rundfunk. Auf dem ARD-TikTok-Account Literally ist er außerdem noch Booktoker.
Das Gespräch führte Husham Fellaih; Titelbild von Bianca Isack
Fellaih: Lieber Herr Cordsen, Sie arbeiten seit 1996 als Literaturkritiker beim Bayerischen Rundfunk. Erzählen Sie uns gerne von Ihren Anfängen, also wie Sie zur Arbeit als Literaturkritiker gekommen sind und wie sich Ihre Arbeit in die letzten 20 Jahren sowohl für den Rundfunk als auch im Bereich der Literaturkritik selbst verändert hat.
Cordsen: Wie ich zum Literaturkritik-Business quasi gekommen bin? Also ich habe schon bevor ich zum BR kam, mich sehr für Literatur- oder Kulturkritik allgemein erwärmen können und das auch selbst ein bisschen auf niederstem Level betrieben, indem ich für die Schülerzeitungen angefangen habe, zum Beispiel einen rumänischen Lyriker zu porträtieren. Das war Mircea Dinescu, der damals sehr berühmt wurde im Zuge der Revolution 1989 in Rumänien und dann auch auf Deutsch schnell veröffentlicht wurde. Ich fand solche Figuren per se schon von früh an sehr faszinierend. Ich komme selbst aus einer Generation, die durch 89 stark geprägt worden ist, deshalb vielleicht auch diese Nähe zu dem Thema. Meine Kollegen in der Schülerzeitung damals habe ich damit genervt, dass ich solche Kulturthemen unbedingt da unterbringen wollte, was sie mir aber freundlicherweise gewährt haben.
Ich bin dann mit viel Glück über die Deutsche Journalistenschule hier in den Bayerischen Rundfunk gekommen, weil es im Zuge meiner Ausbildung einen Radio-Block gab. Im Radio-Block lernte ich den damaligen Leiter der Abteilung Kulturkritik und Literatur beim Bayerischen Rundfunk kennen, Dieter Heß, und der hat mir ermöglicht, da ein Praktikum zu machen, das war 1996/97. Das hat dann wiederum dazu geführt, dass aus dieser Hospitanz, diesem Praktikum eine stetige Mitarbeit wurde, und bald eine feste freie Mitarbeit ab dem Jahr 1999. Ich konnte im selben Jahr dann auch anfangen zu moderieren, sprich: Ich darf jetzt seit über 25 Jahren in diesem Laden die aktuellen Kultursendungen mitmoderieren, die wir so haben.

Was sich gewandelt hat in dieser Zeit, ist natürlich enorm. Allein durch die ganze Digitalisierung ist ein Riesenbruch geschehen. Das klingt jetzt vielleicht so wie „der alte Mann erzählt vom Krieg“, aber ungefähr 2002/2003 sind tatsächlich erst die Computer bei uns in dem Sinne eingeführt worden, dass wir auch unsere Beiträge nur noch digital geschnitten haben. Vorher waren die Bandmaschinen noch gang und gäbe, händisch musste man auf den sogenannten Senkeln die Beiträge produzieren mit den Technikern. Dann irgendwann ab 2002-2003 war der Schnitt digital und man konnte das selbstständig bearbeiten, was eine große Arbeitserleichterung war, weil es einfach auch dadurch viel schneller ging. Das war einer der Umbrüche.
Der viel gewaltigere war natürlich durch das immer stärker werdende Internet, die gesamte Digitalisierung und die Beschleunigung in den Informationsprozessen. Ich weiß noch, in meinen Anfängen ratterte tatsächlich noch so ein Ticker und spuckte ständig Agenturmeldungen aus, das wurde dann eben alles durch die Digitalisierung, zumindest die Papierersparnis gab es da schon mal, dann beendet und man hatte das alles auf dem Bildschirm. Den ganzen Wust an Papier musste man nicht mehr entsorgen, aber die Beschleunigung vor allen Dingen, das ist das, was mich auch bis heute fasziniert. Und diese Akzeleration hat ja auch nie angehalten, die Beschleunigung durch die sozialen Medien kam dann irgendwann Anfang der 2010er Jahre als der nächste Schritt und so sind wir heute auch mit diesem TikTok-Kanal seit knapp zwei Jahren dabei. Also es hört nicht auf mit der Digitalisierung und Beschleunigung.
Fellaih: Stichwort Beschleunigung: Empfinden Sie diese Beschleunigung als sichtbar im Literaturbetrieb, also nicht nur in den Medien- und Kommunikationsformen, sondern auch in Auswirkungen darauf, wie Literatur gelesen und rezipiert wird?
Cordsen: Ja, sicherlich, also die Formen der Rezeption haben sich schon stark verändert. Das merkt man ja auch an der Relevanz dessen, was man so macht. Ich kann mich erinnern, dass in den ersten 15, 20 Jahren, als ich das machen durfte, es immer noch hieß: „Ja, das ist super, wenn ihr das im Radio auch besprecht, das hat wahnsinnige Resonanz, das hat auch Auswirkungen auf den Verkauf einzelner Bücher, wenn ihr was positiv besprecht, oder eben auch, wenn ihr es verreißt, dass die Leute dann eher davon abgeschreckt sind.“ Wir haben immer noch ein sehr gutes und solides, treues Radiopublikum, aber wir dürfen uns auch nichts vormachen: Die nachwachsenden Generationen sind nicht mehr so durch das Radio geprägt, wie ich es zum Beispiel noch bin. Und deshalb war die Überlegung, irgendwann müssen wir auf neue Kanäle ausweichen und haben diesen BookTok-Kanal vor knapp zwei Jahren, im März 2024, gegründet.
Man darf sich da nichts vormachen: Das, was Literaturkritik im strengen Sinne einmal gewesen ist und wofür, glaube ich, viele von uns nach wie vor brennen, das spielt sich mittlerweile in einem sehr nischigen Milieu ab. Man sieht das auch an den Feuilletons. Die mir heilige FAZ ist noch die einzige Zeitung in Deutschland, die die Literaturseite hält. Keine andere Zeitung in Deutschland macht das sonst mehr, außer der „Zeit“ noch als Wochenzeitung. Aber die Tageszeitungen sind alle davon abgekommen, haben ihre Literaturseiten sukzessive eingestellt, die Süddeutsche etwa. Vereinzelt finden Sie dort noch Buchbesprechungen, aber es wird gern ausgewichen auf das Autorenporträt, die eigentliche Rezension tritt immer mehr in den Hintergrund, weil das Porträt angeblich interessanter ist und Literatur so nahbarer erscheint.
Ich kann es vielfach verstehen, ich mache auch gerne Autorenporträts, man kann die Autoren bei sich zu Hause zum Beispiel besuchen und zu ihren Büchern befragen. Die Gesprächsform ist in den letzten Jahren sehr viel dominanter geworden in unserem Büchermagazin auf Bayern 2 (immer montags 14:03 Uhr bis 15:00 Uhr und in der ARD-Audiothek). Also statt einfach die Besprechung zu setzen, sagt man: Ich interviewe die Autorin oder den Autor, was übrigens auch kostensparender ist, weil die Rezension Geld kostet. Da gibt es schon starke Veränderungen.
Fellaih: Das heißt, man kann salopp sagen, der Trend geht weg vom Buch hin zur Person?
Cordsen: Nein, das würde ich nicht sagen. Es gibt einen Zug zur Personalisierung des ganzen Buchbesprechungsgeschäfts, ja. Aber das heißt nicht, dass man den Inhalt des Buches deshalb ignoriert. Es ist nur enger verknüpft mit der Autorenperson, das würde ich schon sagen.
Fellaih: Einerseits sagen Sie, Literaturkritik ist eine Nische, aber zusätzlich dazu Booktok, ist das nicht die Nische innerhalb der Nische? Andererseits: Sie haben diese Personalisierung hin zum Gespräch, aber Sie können ein Interview nicht so bringen, wie Sie Ihre TikToks drehen. Für Reels müssen Sie in sehr wenigen Sekunden die richtigen Worte finden, aber das können Sie für ein Interview nicht. Wie ist dieser Zeitdruck, unter dem Sie ja dermaßen stehen in diesen Kurzvideos, im Unterschied zu Radiobeiträgen? In den Radiointerviews haben Sie ja die Chance ins Gespräch mit jemandem kommen zu können, oder in einen Dialog mit sich selbst und dem Buch zu treten.
Cordsen: Also, um es so zu formulieren: Ich könnte das, was wir auf Booktok machen, nicht nur und ausschließlich machen, sondern für mich gehört beides gleichermaßen dazu. Das Büchermagazin, welches ich ja mit anderen Kolleginnen und Kollegen im Wechsel moderiere, immer montags und dann natürlich auch in der ARD-Audiothek abrufbar, eine Stunde lang gefüllt mit Gesprächen mit Autoren und Autorinnen sowie Rezensionen, das ist für mich ehrlich gesagt das, was mich am meisten befriedigt in meiner Arbeit. Und Extrakte aus dieser Arbeit fließen in meine Arbeit auf TikTok dann ein: Wenn ich zum Beispiel ein Radio-Interview führe mit dem Autor eines Sachbuchs über Künstliche Intelligenz, und das Gespräch dauert 17 oder 20 Minuten, dann versuche ich für ein anderthalb- oder zweiminütiges Booktok-Video die Essenz dessen zu bündeln, was natürlich nie richtig gelingt.
Da gibt es aber vielleicht einen Punkt im Buch, der mir interessant erscheint, um auf Booktok thematisiert zu werden. Vorrangig mit dem Zweck, die Leute für das Thema dieses Buches generell zu interessieren. Das heißt, ich muss mich wahnsinnig beschränken. Das ist eine interessante Herausforderung, finde ich. Zu sagen, hört mal zu, ihr habt vielleicht von dem Autor, dieser Autorin, dem Thema des Buches noch nie gehört, aber ich sage euch, aus diesen und jenen Gründen solltet ihr vielleicht den Weg dorthin finden. Es ist eine Herausforderung, ich finde, die müssen wir aber annehmen, weil, wie schon angedeutet, die jüngeren Leute eben nicht mehr unbedingt übers Radio zu catchen sind für unsere Themen, sondern wir müssen uns auf andere Plattformen begeben.

Das ist natürlich alles höchst volatil. Ich will das gar nicht beschönigen. Wir wissen nicht, wie der TikTok-Algorithmus funktioniert. Wir wissen, dass Booktok auf TikTok eine Riesen-Community hat, wo aber ein Genre prädominant ist, nämlich Romance, New Adult oder Young Adult, Romantasy. Oder, wie ich gerne mit einem Wort Peter Rühmkorfs sage, der „Mezzoporno“. Im Gegensatz dazu kommen wir mit den Inhalten, die wir da stark machen wollen, mit der sogenannten ernsthaften Gegenwartsliteratur, sei es die Belletristik oder auch das Sachbuch, das ist natürlich innerhalb dieser Community auf Booktok jetzt erst mal eine Nische, das stimmt.
Aber wir haben festgestellt: Es funktioniert, weil nämlich das, was wir da anbieten, bis dato von den Anderen gar nicht bedient worden ist. Wir waren ja der erste öffentlich-rechtliche Booktalk-Kanal und sind es nach wie vor. Das Kanalversprechen, wie das immer so schön neudeutsch heutzutage heißt, was wir gegeben haben, als wir „Literally“ gegründet haben, war: Wir möchten hier was machen, was wir bis dato nur im Radio und Fernsehen gemacht haben, von dem wir sehr überzeugt sind, dass es nach wie vor eine große Relevanz besitzt und das möchten wir transportieren auf diese neue Plattform unter den Gesetzmäßigkeiten, nach denen diese Plattformen funktionieren.
Und das ist jedes Mal wieder eine neue Herausforderung, es ist eine große Lotterie, muss man sagen. Bei manchen Videos versteht man nicht, warum die nicht funktionieren, bei anderen fragt man sich wiederum, warum sie so gut funktionieren, und jede Woche wieder stehen wir vor der Aufgabe, nachzudenken darüber, was denn jetzt auf unserem Kanal da die Leute noch interessieren könnte oder was sie interessieren sollte. Wir sind der öffentlich-rechtliche Rundfunk, wir treten ja auch an mit der Überzeugung, dass wir den Leuten da etwas präsentieren, hinter dem wir nicht nur stehen, sondern von dem wir auch wirklich glauben, dass es diese Relevanz besitzt, dass es da unbedingt auch präsentiert werden muss auf TikTok.
Fellaih: Mich würde eine Zukunftsprognose interessieren, es gibt immerhin Algorithmen sowie politische Entwicklungen, denen TikTok unterliegt, wie auch Trends und eine grundsätzliche Flüchtigkeit von allem, was im digitalen Raum schwebt. Im starken Kontrast steht andererseits das Buch als Medium, welches ewig ist, oder zumindest eine physische Haltbarkeitsdauer von 500 Jahren besitzt. Haben Sie inmitten von all dem das Gefühl, Ihr Wirken ist flüchtig und nicht etwa eine Arbeit, die zivilisatorisch ein längeres Haltbarkeitsdatum hat?
Cordsen: Also die Arbeit, die ich da mit anderen verrichte, ob nun im Radio oder in den ach so sozialen Medien, ist immer höchst flüchtig. Das finde ich, sollte auch jeder Journalist immer im Kopf behalten, dass das einfach nicht für die Ewigkeit gemacht ist, sondern immer momentweise aus dem jetzt gerade vorhandenen Wissensstand. Deshalb betone ich auch immer meine eigene Fehlbarkeit. Literaturkritik, egal auf welcher Plattform, in welchem Kanal man sie praktiziert, das ist ja das Spannende, finde ich, steht vollkommen unter dem Gegenwartseindruck. Es ist deshalb überhaupt nicht gesagt, dass die Urteile, die wir heute über Bücher fällen, noch in 50 Jahren Bestand haben werden und eine Nachwelt sie genauso teilt, wie wir es heute tun.
Das finde ich auch sehr beruhigend, muss ich sagen, dass man immer diese eigene Fehlbarkeit mit einkalkulieren muss. Man darf sich da eben auch nicht unter zu großem Erwartungsdruck selbst stellen. Also dass man sagt, oh Gott, was ich hier jetzt fabriziere, das soll doch bitte Bestand haben bis dort hinaus. Nein, das hat es meistens überhaupt nicht. Das sind sehr unter dem Augenblickseindruck entstandene Urteile, die, und das gehört, finde ich, auch zur Wahrheit dazu, mit Privatem manchmal zusammenhängen. Also wenn ich gewisse Bücher lese, die vielleicht mein eigenes Leben tangieren, dann reagiere ich mit jetzt 53 womöglich ganz anders darauf, als ich mit 36 darauf reagiert habe oder mit 29. Jedes Lebensalter bringt auch eine andere Rezeption von Literatur mit sich, und auch das muss man immer im Hinterkopf behalten, das muss man einrechnen bei alledem, was man macht.
Und deshalb finde ich, ist das auch ab und zu gar nicht verkehrt, wenn man das mal transparent macht, wie alt derjenige gerade ist, der hier vor dem Mikrofon sitzt oder in die Kamera irgendwas erzählt, weil eben Literatur wird, glaube ich, von Generation zu Generation, ich merke das im Zusammenspiel mit meiner jungen Kollegin Miriam Fendt z.B., ganz anders mitunter wahrgenommen. Und das finde ich spannend, gerade diesen Austausch auch mit Miriam direkt. Jetzt haben wir ja noch eine weitere Kollegin Leyli Șahim vom WDR, die auch dabei ist.
Also es ist vielfach auch einfach ein Austausch und natürlich liest man ja auch als Kritiker das, was die Kolleginnen und Kollegen in den Zeitungen, in den anderen Radiostationen oder sonst wo machen, auch im Netz vielfach und man korrigiert sich eigentlich in einer Tour selbst in dem, was man so fabriziert und denkt: Ach Gott, war das jetzt eigentlich so richtig, wie ich das gesagt habe. Also man muss sich ständig hinterfragen, finde ich, in dem, was man macht. Ohne das geht es einfach gar nicht.

