Philteratur

Wo Pfade sich verzweigen – „Die unendliche Bibliothek“

Der argentinische Autor Jorge Luis Borges ist ein Meister der Kurzgeschichte und hat mit seinen Erzählungen nicht nur den südamerikanischen magischen Realismus, sondern auch der postmodernen Literatur neue Wege des Schreibens eröffnet. Nun sind seine Erzählungen in einem Band bei Kampa erschienen.

Text und Bild von Marlene Marek

Kurzzeitig schien es so, als wäre Jorge Luis Borges aus dem deutschen Buchhandel verschwunden. Wenn man noch vor ein paar Monaten versuchte, an einen seiner Erzählbände zu gelangen, musste man auf den Bestand der Antiquariate hoffen. Bei den Verlagen S. Fischer und Hanser, die seine Texte bisher veröffentlicht hatten, war er nämlich nicht mehr aufzufinden. Glücklicherweise war die daraufhin eintretende Sorge unbegründet. Es wurden lediglich die Autorenrechte wurden neu verkauft und liegen nun beim Schweizer Verlag Kampa. Der plant eine neue Herausgabe des Gesamtwerks in vier Bänden. Der erste Band trägt den Titel Die unendliche Bibliothek, nach Borges berühmter Kurzgeschichte, und ist im April in einer Neubearbeitung von Gisbert Haefs erschienen.

Der Band umfasst sechs Erzählsammlungen: Die Universalgeschichte der Niedertracht, Fiktionen, Das Aleph, David Brodies Bericht, Das Sandbuch und Shakespeares Gedächtnis. Borges Erzählungen handeln von unendlichen Labyrinthen, blauen Tigern, Messerstechereien in der argentinischen Pampa und von verloren gegangenen Manuskripten. Was diese Ausgabe nun ermöglicht, ist der Nachvollzug von Borges Schreibentwicklung von 1934 bis 1983 über knapp 700 Seiten hinweg. So beginnen sich während des Lesens Motivketten und wiederkehrende Symbole herauszukristallisieren. Man beginnt ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie Borges seine Kurzgeschichten aufbaut: Zum Beispiel steigt er meistens mit einer kurzen, realistisch verfassten Exposition in die Erzählung ein, bevor sich eine Binnenerzählung entspinnt, deren Rätsel sich erst mit den letzten Sätzen lüftet. Auch fallen einem plötzlich Parallelen zwischen einzelnen Geschichte auf: 25. August 1983 aus dem Band Shakespeares Gedächtnis, wo Borges auf sein gealtertes Ich trifft, spiegelt beispielsweise die Erzählung Der Andere aus einer Sammlung, die knapp 8 Jahre zuvor verfasst wurde und in der Borges dieses Mal seinem jüngeren Ich begegnet. Borges gelingt in dieser Erzählung die Herausforderung, einen Menschen als zwei zu schreiben – also zwei Personen einander begegnen zu lassen, die sich sehr ähneln, aber doch nicht gleich sind, sodass sich beim Lesen unheimliche Irritationen einstellen. 

„Wenn dieser Vormittag und diese Begegnung Träume sind, dann muss jeder von uns davon überzeugt sein, dass er selber der Träumer ist. Vielleicht hören wir auf zu träumen, vielleicht nicht. […] Mein Traum dauert schon siebzig Jahre lang. Letzten Endes gibt es keinen, der beim Erinnern nicht sich selbst begegnete. Das ist das, was uns gerade geschieht, nur dass wir zu zweit sind.“ (S. 493).

Mit der Frage, was Fiktion oder Traum ist und was die Wirklichkeit und ob man beides überhaupt voneinander trennen muss, spielt Borges gekonnt und selbstironisch. Nicht nur dann, wenn er sein Alter-Ego als Protagonisten auftreten lässt, sondern auch im formalen Aufbau seiner Kurzgeschichten: So verleiht er beispielsweise seiner Erzählung mittels einer Herausgeberfiktion einen realistischen Rahmen, um diesen daraufhin mit einer fantastischen Geschichte auszureizen. Wenn man beginnt, Borges zu lesen, dann fängt man auf einmal an, die Welt durch die Brille der Fiktion zu betrachten. Das unscheinbarste Ding enthält plötzlich eine mythische Dimension. 

Zweifellos sind Borges Erzählungen anspruchsvoll zu lesen. Die scheinbar unendliche Menge an literarischen Verweisen kann einem auf den ersten Blick den Eindruck vermitteln, man könnte seine Geschichten unmöglich durchdringen. Aber die vielen Bezüge zu anderen literarischen Texten sind niemals Selbstzweck oder beliebig und Borges Erzählungen deshalb auch nicht unzugänglich. Seine Sprache raunt nicht. Sie igelt sich nicht in der eigenen Verweisproduktion ein. Außerdem bekommt man einen kleinen Eindruck von der schieren Größe der geistigen Landkarten dieses Autors, der mehrere Jahre lang die Staatsbibliothek in Buenos Aires leitete.

Das Erfrischende daran, Borges heute zu lesen, liegt nicht nur im immensen Einfallsreichtum und feinen Humor, der seine Geschichten durchzieht, sondern auch in seinem Verzicht auf Psychologisierungen, die das kurze Erzählformat vorgibt. Die Darstellung eines modernen Menschen liegt ihm fern. Stattdessen interessiert sich Borges in jeder Kurzgeschichte für die literarische Erkundung eines spezifischen philosophischen Problems oder eines Gedankenexperiments, dem er dann mit formaler und sprachlicher Klarheit nachgeht. So behandelt er beispielsweise in der Erzählung Die kreisförmigen Ruinen die Frage nach Originalität und Schöpfertum: Ein Mann versucht darin, einen Menschen zu erträumen. Nachdem ihm dieser Schöpfungsakt gelungen ist, hält er sich selbst für das Urbild des Menschen und den Erträumten für sein Abbild – bis er schließlich erfährt, dass auch er von jemandem erträumt wurde. 

Bei dieser Verkettung von Träumern und Geträumten erscheint einem dann plötzlich auch das Lesen als dem Schreiben nicht unähnlich – nach Borges Verständnis schreibt sich mit jeder Lektüre auch der gelesene Text neu. Hier also die deutliche Empfehlung, Borges zu lesen und wieder zu lesen. Die Variationen an neuen Texten, die dadurch entstehen, erschöpfen sich nicht.  

„Die unendliche Bibliothek“ von Jorge Luis Borges, aus dem Spanischen übersetzt von Gisbert Haefs, erscheint im Kampa Verlag (672 Seiten, 42 Euro). Dem Verlag wird herzlich für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars gedankt.

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