Kulturphilter

Wo beginne ich und wo endest du?

Über Nähe, Scham und das radikale Suchen nach einem eigenen Ich in der Inszenierung von „Blutbuch“ im Spagat Theater München. 

Die von der Regisseurin Florentina Tautu entwickelte Bühnenfassung basiert auf der Textvorlage des gleichnamigen autobiografischen Romans von Kim de l’Horizon. Blutbucherschien 2022 und wurde im selben Jahr mit dem Deutschen und dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet. Kim de l’Horizon war die erste nonbinäre Person, die beide Auszeichnungen erhielt. 

Eine Rezension von Marlena Jakubowski & Sophie Lendrich; Bilder: © Spagat Theater München/Fotograf: Severin Vogl

Die Bühne ist leer, einige Kleider und Seile hängen von der Decke herunter. Es herrscht Stille im kleinen Saal des Spagat Theaters, dann beginnt ein Telefon zu klingeln. Eine Person betritt die Bühne und der Anrufbeantworter springt an. „Wieso bist du so selten da, wieso bist du so selten da…“, tönt es durch Kims Wohnung. Einmal, zweimal, schrill und endlos. Kim windet sich um die Botschaft herum, hält sie kaum aus und kann sich ihr doch nicht entziehen. Schließlich setzt eine zögerliche Antwort ein: „Weil ich in Zürich lebe und du in Bern. Weil ich studiere. Weil ich schreibe.“ Und dann bricht es aus Kim heraus: „Weil ich es nicht mehr als ein paar Stunden bei dir aushalte. Weil dein Reden alles überdeckt, was zählt“. „Vielleicht“, fügt Kim hinzu, „hat genau dieses Zuschütten des Wesentlichen überhaupt erst zum Schreiben geführt“.

So wird den Zuschauenden Kim vorgestellt – und auch Kims Großmutter, die versucht, telefonisch zu ihrem Enkelkind vorzudringen.

Wechselspiel von Nähe und Distanz

Wie der Einstieg schon andeutet, verbindet Kim und die Großmutter eine komplizierte Beziehung. Nach einem entbehrungsreichen Leben sucht die Großmutter nach all dem, was ihr darin fehlt: erst bei ihrer Tochter, Kims Mutter, und nun bei Kim selbst.

Das Kind beobachtet schon früh all die leeren Schachteln, welche die Großmutter sammelt, und träumt davon, diese zu füllen. Beim Zuschauen entsteht rasch das Gefühl, dass die Schachteln bloße Platzhalter sind: Stellvertreter für eine Leere, die Kim niemals füllen kann, die innere Leere der Großmutter. Und doch versucht Kim es. Diese Leere zu füllen, wird für das Kind so bestimmend, dass es ihm kaum gelingt, eine eigene Identität zu entwickeln. Immer wieder fragt es sich: „Wo beginne ich und wo fängst du an?“

Diese unheimliche familiäre Entgrenzung, die das Stück konsequent spürbar macht, zeigt sich auch körperlich: wenn die groben Hände der Großmutter unerbittlich nach den Kinderbeinen und Kinderarmen greifen. 

Kims Großmutter gleicht einem unheimlichen Monster. Kim selbst spürt Ekel und Furcht, sobald die Großmutter wieder das Schmatzen anfängt oder Kim ihre langen faltigen Finger entgegenstreckt.

Und dennoch gibt es Momente der Nähe. Nie liebt das Kind die Großmutter mehr, als in den Augenblicken, in denen der gebürtige Junge ihre Frauenkleider anprobieren darf.  Eine verschworene Vereinbarung entsteht: Die Mutter soll nichts davon erfahren. „Das bleibt unser Geheimnis“, zwinkert die Großmutter und das Kind zwinkert zurück.

Wenn Kim in die Frauenkleider schlüpft, erleben auch die Zuschauenden ein Aufatmen in der von Anspannung geprägten Inszenierung. Das sind die kostbaren Augenblicke, in denen das Kind sein darf, wer es ist- anstatt sich in jene Form zu verwandeln, die die Großmutter braucht. Doch die zarte Erlaubnis gilt nur innerhalb der geschlossenen Intimität des Kleiderschranks: Umso härter stößt Kim an die unüberwindbare Grenze der Scham der Großmutter, sobald diese geheimen Momente sich darüber hinaus zu bewegen drohen.

Auch die Offenheit queerer Räume kennt Grenzen

Als junger erwachsener Mensch zieht Kim nach Zürich, um die eigene queere und nonbinäre Identität zu erkunden. Zunächst in der Schwulenszene, weil Kim sich erhofft, dort am ehesten einen Platz zu finden. Doch auch diese Subkultur lässt wenig Raum für Ambivalenzen. Es heißt: „no femme, no asian“, nur das, was als „fickbar“ gilt. So versteckt Kim die eigenen weiblichen Anteile auch hier, lässt sich einen Bart wachsen, trainiert Muskeln an.

Die Bühne färbt sich in dieser Zeit durch Lichteffekte neonfarben, wird pulsierend und intensiv, während Lucy Wirth als Kim die Großstadt in Unterwäsche und Bomberjacke erkundet.

Kims Lebensabschnitt in Zürich wird durch ein buntes und lautes Bühnenbild vermittelt. In der Inszenierung macht Kim die Großstadt in Unterwäsche und Bomberjacke unsicher. 

In Zürich schläft die Kim mit vielen Männern und hat Sex an zwielichtigen Orten. Was nach Nervenkitzel klingt, ist in Wirklichkeit eine Möglichkeit des Ankommens. Denn sich selbst zu spüren, gelingt Kim erst im körperlichen Kontakt mit anderen, im sich fortgeben – hat Kim es doch auch als Kind nie anders kennengelernt.

„Was das Kind umgab, war nicht außerhalb von ihm, es hatte keine Haut, es ging einfach in ihn hinein“

– Blutbuch

Dem queeren Kind aus dem Dorf entkommen 

Die Abgrenzung von der Ursprungsfamilie sucht Kim nicht nur räumlich; sie zeigt sich auch in Besitz, Auftreten und Sprache. Kim möchte anders klingen als die Mutter und die Großmutter, anders aussehen als die eigene Herkunft es vorgibt.
Kim beginnt, sich urbaner zu kleiden, Makeup zu tragen und Bücher zu sammeln, die die neue Zugehörigkeit, das Großstädtische, das Entrinnen des queeren Jugendlichen aus dem Dorf markieren.

Ähnliche Versuche der Abgrenzung sehen wir auch bei der Großmutter, die sich mit ihren groben Händen an dem feinen Seidentuch festhält, das ihr Entrinnen aus der kindlichen Armut symbolisiert. Doch wer entronnen ist, wird oft weiterhin verfolgt und zumindest in ihren Gedanken und ihrem Handeln entkommt die Großmutter der Armut und der Knappheit ihrer Herkunft niemals ganz.

Ankommen ohne Wurzeln 

Auch Kims Suche nach einer neuen Identität und einem Ankommen ist eine rastlose. Während Kim versucht, sich aus der Enge der eigenen Familie und den Fesseln einer Gesellschaft zu befreien, die Geschlecht strikt binär denkt, merkt Kim doch: So wie ein Baum nicht wachsen kann ohne Wurzeln, braucht auch ein Mensch ein Fundament und eine Zugehörigkeit, um darauf aufzubauen. Das Stück selbst formuliert es treffend: „Wie soll Mensch ankommen, wenn Mensch sein Erbe nicht antritt?“

Zwischen Sehnsucht nach Zugehörigkeit und dem halten von Abstand, um die eigene Autonomie wahren, bleibt nur ein ewiger Balanceakt: immer entweder gefangen sein oder entwurzelt, und die fortwährende Frage danach, wie eine Vereinigung aus beidem aussehen könnte.

Diese Frage stellt Kim de l’Horizons „Blutbuch“ und auch dessen Inszenierung des Spagat Theaters: laut, klar, erschreckend verletzlich und jede Sekunde mitreißend.

In der Reduktion kann der Text wirken 

Zum Leben erweckt wird das Stück durch eine mutige Performance von Lucy Wirth, deren Präsenz nicht nur die gesamte Bühne füllt, sondern auch weit in den Raum hineinreicht. Durch sie hindurch begegnet den Zuschauenden auf der Bühne Kim, aber auch Kims Mutter und Großmutter. Spätestens nach den ersten Minuten wird klar: Wir erleben hier gerade wie etwas Ungewöhnliches, etwas Besonderes geschieht.

Bei der Gestaltung des Bühnenbildes hat sich Regisseurin Florentina Tautu wie auch beim Ensemble für Reduktion entschieden. Die von Sarah Schmid gestaltete Kulisse bleibt minimal, was die Sprache und Präsenz der Schauspielerin in den Vordergrund stellt und die Kraft des Textes wirken lässt. 

Im Zentrum des Bühnenbildes steht ein Baum, die Blutbuche, die dem Roman seinen Namen verliehen hat. Kim begegnet ihr zum ersten Mal im Garten der Großmutter und findet in dem tief im Boden verankerten, robusten und starken Baum ein Vorbild. Im Theaterstück wird dieser abstrakt dargestellt, durch Seile, die von der Decke hängen und sich in einem Knoten am Boden wiederfinden. 

Die Blutbuche steht im Mittelpunkt des Raums und auch der Geschichte. So groß und stark zu sein wie eine Blutbuche, das wünscht sich Kim mehr als alles andere.

Durch Licht und Schatten, Klang und Ton wirkt die Bühne lebendig, dynamisch und stets verschieden. Moderne Stilmittel wie akustische Loops und visuelle Projektionen kommen zum Einsatz, aber nie als Selbstzweck, sondern immer sorgfältig gewählt und präzise unterstreichend, was das Stück den Zuschauenden sagen, nein: zeigen will. 

Das Theaterstück „Blutbuch“ von Florentina Tautu feierte am 17. Oktober im Spagat Theater München Premiere. Bis zum 06. Dezember wurde es regelmäßig aufgeführt und findet ab dem 21. Mai wieder seinen Weg zurück auf die Bühne. Von da an wird es regelmäßig um 19:30 Uhr aufgeführt. Karten sind auf der Website und an der Abendkasse zum Normaltarif für 22 Euro und für Studierende ermäßigt für 12 Euro zu erhalten.

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