„Yesteryear“ von Caro Claire Burke ist das Hype-Buch 2026. Im Roman steigen wir ein in das Leben von Natalie Mills, einer erfolgreichen Tradwife, die plötzlich im Jahre 1805 aufwacht und sich mit dem Leben, welches sie anpreist, konfrontiert sieht. Ist das Buch den Hype wert oder kratzt es nur an der Oberfläche?
von Simone Scharner; Bilder von Simone Scharner, Cover von Penguin Random House
Spürst du den Wind durch deine Haare wehen, deine Kinder lachen im Hintergrund, während du unglaublich glücklich kochst und deine Kinder hütest? Lächelst du auch brav in die Kamera? Dreh deinen Kopf um 10 Prozent und nun sag „Willkommen auf der Yesteryear Ranch“. Wichtig ist der Schein und nicht das echte Sein: Dein schreiendes Kind Nummer vier rennt zu dir, du nimmst es auf den Arm, in deiner anderen Hand hältst du das Handy: „Lächeln, mein Schatz“.
Du filmst, wie schnell es sich in deinem Arm beruhigt. Du setzt es ab, rufst die Nanny und drehst weiter deinen Content. Das Kind ruft noch immer nach dir. Doch du bist online, präsentierst dich als die perfekte Frau, Ehefrau und Mutter. So wie es Gott gewollt hat. Genau dieses Versprechen: Brot backen, Sauerteig füttern, Baumwolle statt Kunstfaser, eine Küche mit Blick auf die Berge verkauft dir „Yesteryear“ von Caro Claire Burke.
Das Buch ist in aller Munde, und das nicht erst seit kurzem. Im amerikanischen Raum wurden erste Boxen an Blogger*innen bereits im Dezember verschickt, am 07. April war es auch für die deutschsprachige Community soweit und Anne Hathaway hat bereits die Filmrechte. Kaum ein anderes Buch wurde in diesem Halbjahr so gehyped wie dieses. Zurecht? Finden wir es heraus.
Von Elite-Universität zu Sauerteigbrot
„Ich bin das All-American-Dream-Girl, ein hottes, emsiges Bienchen, das durch die abgründigsten, dunkelsten Fantasien der Nation summt.“
Wir begleiten Natalie Mills, eine kluge, ehrgeizige und vor allem christliche Studentin, an die Harvard University. Dort trifft sie auf ihre Mitbewohnerin Reena – merkt euch den Namen, falls ihr das Buch lest. Er wird wichtig sein. Natalies Vorfreude aufs Studium wird direkt in den ersten Wochen zunichte gemacht: Partys, Alkohol und wildes Rummachen miteinander. Man könnte auch böse sagen: Statt intellektueller Lesekreise gab es eher ungehemmten Sex, Drugs, Rock’n’Roll und Mobbing gegen sie und ihr christliches Dasein. Ein Kontrast für das Mädchen aus der religiösen Vorstadt, wo viele Kinder und Gott immer an erster Stelle standen.
Nach einer Weile als Einzelgängerin findet Natalie doch ihren Weg in einen Bibelkreis. Schon am ersten Tag fällt ihr Caleb ins Auge: gutaussehend, christlich, reich. Alles, was eine Frau mit ihrem Weltbild braucht. Kurz darauf das erste Date, dann die Ehe. Es geht schnell. Zu schnell, möchte man meinen, doch genau diese Geschwindigkeit ist ja der Punkt: Wenn die Rolle längst feststeht, braucht die Liebesgeschichte keine Zeit. Die einzige Zeit, die es braucht, sind die neun Monate einer Schwangerschaft. Mit ihr kommt auch die erste Ernüchterung der beinahe perfekten Welt: postnatale Depression, ein Vollidiot als Ehemann, der gar nicht so männlich ist, wie sie es sich wünscht, und kein Geld. Hier kippt die heile Welt. Ein wichtiger Wendepunkt zu dem, was kommen soll.

Natalie hat den Traum davon, etwas zu erschaffen. Vor allem möchte sie einen echten Ehemann. Hart und stark. Wenn er es nicht selbst wird, nimmt sie es eben in die Hand. Ein fixer Deal mit seinem Vater, und schon wird eine Farm gekauft – für ein paar Millionen. Inklusive sind ständig sterbende Kühe und ein Mann, der plötzlich Cowboy spielt und sich in der Manosphere verliert. Jenem Ort, an dem Männer wieder „echte Männer sein können“, laut Männern. Übersetzt: ein Ort für die „Stärke des männlichen Geschlechts“ und Unterdrückung weiblich gelesener Mitmenschen. Diese Kritik wird auch im Buch sanft angeführt und bleibt da hängen, wo sie hätte stärker werden dürfen. Natalie denkt während ihrem Auf- und Abstieg an Reena und dass sie es viel schlechter hat, mit ihrer 80-Stunden-Woche in irgendeiner Firma. Sie, Natalie, bekommt dafür Kinder, das Wunder Gottes und backt das perfekte Sauerteigbrot. Ein viel besserer Deal. Auch wenn sie dabei zusieht, wie ihr das Geld durch die Finger rinnt, denn ihr Ehemann weiß nicht damit umzugehen. Also baut sie das auf, was ihr längst auf der Seele brennt: eine Instagram-Brand namens „Yesteryear Ranch“, um ihr verdammt „perfektes“ Leben zu präsentieren.
Die Lücke zwischen Fassade und Feed
Hier liegt die eigentliche Stärke des Buchs, zumindest bis zu diesem Punkt: Es zeigt die Lücke zwischen Fassade und Realität, die man als Followerin auf Social Media nie zu sehen bekommt. Natalie ist nicht der liebenswerte Engel, den sie online darstellt. Sie ist klug, hat ein Stipendium und eine Elite-Uni hinter sich, bevor sie all das gegen ein rückständiges Leben eintauscht. Sie ist die eigentliche Ernährerin, nicht ihr Mann, die Kluge, nicht die Naive. Die Manosphere feiert ausgerechnet eine Frau, deren gelebte Realität das eigene Weltbild widerlegt: die intelligente Ehefrau, Businesswoman und Ernährerin gegen den dummen Ehemann, der sich aushalten lässt und (früher einmal) gern die Kinder betreute.
Doch das Buch belässt es bei dieser Beobachtung. Wo bleibt die tiefe Beschäftigung mit der Thematik? Wo findet sich ein Erwachen der Protagonistin und eine echte Auseinandersetzung mit dem antiquierten Gedankengut von Tradwives? Stattdessen kratzt „Yesteryear“ nur an der Oberfläche, obwohl es diese Ambivalenz viel stärker aufdecken wollte. Die Pace tut ihr Übriges: An manchen Stellen passiert kaum etwas, an anderen zu viel auf einmal. So richtig bekommt man weder das eine noch das andere zu fassen.
Wenn die Ballerina die Hühner füttert
Die vermeintliche Abneigung der Moderne findet man auch in echten Tradwife-Accounts wieder, etwa bei Hannah Neeleman. Sie bloggt unter dem Namen „Ballerina Farm“. Fast schon zynisch könnte man sagen, dass der Name an ihre eigentliche Leidenschaft erinnert: das Tanzen. Immerhin war Hannah Neeleman eine hervorragende Tänzerin an der renommierten Tanzakademie Juilliard, bevor sie ihr dortiges Studium abbrach. Stattdessen lebt sie nun das Leben, was wir aus dem Buch kennen: Kinder, Farm und Christentum. Heute ist ihre Marke „Ballerina Farm“ weltweit bekannt, ihr Content ebenso: ein im Glauben stehendes, einfaches Leben. Mit dabei: viele Kinder, also so viele, wie Gott ihr schenken möchte. Ein leichtes Lächeln. Kinder und Hühner. Eine blonde Strähne, die sich aus dem Zopf löst, erschöpft, aber glücklich. Seht ihr sie vor euch? Dann seht ihr auch Natalie Mills, unsere Protagonistin.
Viel Platz, wenig Tiefe
Meiner Meinung nach brilliert das Buch durch seinen Schreibstil. Das Debüt der Autorin liest sich in einem Rutsch weg. Gleichzeitig fragt man sich, was das Buch einem sagen möchte, als die Protagonistin in dem Jahr aufwacht, dessen Leben sie glorifiziert: 1805, eine heruntergekommene Farm und der Ehemann, den sie sich immer wünschte. „Yesteryear“ versucht, Kritik zu üben, schafft es aber nicht, in die Tiefe zu gehen. Dabei hätte man auf 464 Seiten dafür Platz finden können, statt zum hundertsten Mal den Hühnerstall und die „Ladys“ zu erwähnen. Gerade bei einem so gehypten Buch hätte eine schärfere Kritik nicht geschadet. Ist es nicht sogar gefährlich, in einer immer konservativer werdenden Welt Menschen nicht zu kritisieren, die genau dieses antifeministische Dasein anpreisen? Die jene Rechte als etwas Negatives ansehen, die Frauen unserer Vergangenheit teils gewaltsam erkämpfen mussten? Vor allem, wenn der Mann, den sie im Jahr 1805 als „alten Caleb“ bezeichnet, alles ist, was sie sich je wünschte, aber nun gar nicht mehr so gut findet? Den Schwenk zur offensichtlichen Kritik schafft Burke aber nicht.
Die Auflösung, die letzten hundert Seiten, hatte das Potenzial, dass „Yesteryear“ dem Hype gerecht wird. Die Pace stimmte, es begann, mehr in die Tiefe zu gehen und dann kam schon das Ende. Das Potenzial, ein unglaublich tiefgehendes, kritisches Werk zu werden, hat es einfach nicht ausgeschöpft, dabei wäre der Platz da gewesen. Die Mitte hätte kürzer sein dürfen, das Ende gern länger. Dann hätte man auch Raum gefunden, das Phänomen „Tradwife“ deutlich differenzierter zu beleuchten. So bleibt nur zu sagen: ein Buch mit viel Hype, ohne großen Nachhall.
„Yesteryear“ von Caro Claire Burke, aus dem Englischen übersetzt von Dietlinde Falk und Lisa Kögeböhn, erschienen im Heyne Verlag (464 Seiten, 24 Euro).

