Philteratur Rezension

Von Verrat zu Erlösung? Pierre Drieu la Rochelle: Die Strohhunde

Sommer 1942: Frankreich ist von der Wehrmacht besetzt. In einem abgelegenen Landhaus treffen französische Kommunisten, Faschisten und zwielichtige Waffenhändler aufeinander. In einem Rausch aus gefährlichem Abenteuer, Hoffnung und Verrat portraitiert Pierre Drieu la Rochelle einen Kampf um die Zukunft Frankreichs und die Seele Europas.  

Bild und Text von Valentin Alexander Pfeifert

Der französische Romancier Pierre Drieu la Rochelle zählt zu den schillerndsten Gestalten in der französischen Literatur der 1930er Jahre. Er war Soldat, Dandy, Surrealist, Lebemann (Drogenexzesse & Affären haben nicht gefehlt) sowie gefeierter Schriftsteller und Teil der intellektuellen Elite. Schließlich: Kollaborateur, Faschist und ein vollzogener Freitod. Das waren die vielen Leben des Pierre Eugène de la Rochelle. Über die Widersprüche, von einem verträumten Wunsch nach der Einheit Europas bis hin zum Hass auf die selbst gelebte Dekadenz, soll hier nicht die Rede sein. Der 2024 erschienene Roman Die Strohhunde kann als sein letztes großes Werk bezeichnet werden und gibt Einblick in die Seele dieses ewig Suchenden, für immer träumenden französischen Schriftstellers. 

Eine gefährliche Mission 

Es ist 1942 und die nicht mehr existente Französische Republik ist von den Deutschen besetzt. Die Grande Nation wurde auf die Knie gezwungen. Dass Stolz nicht mehr zu helfen vermag, weiß auch Constant Trubert. Der Protagonist ist Mittfünfziger, ehemaliger Soldat und Weltenbummler. Als heimatlos und geistigen Vagabund kann man diesen Abenteurer bezeichnen. Nun hat es ihn nach Nordfrankreich verschlagen. Er, der lieber über Philosophie nachdenkt, ein Faible für Hinduismus besitzt und eine Obsession mit der Geschichte über den Verrat des Judas Iskariot an Jesus Christus hat, genau der muss jetzt einer geheimen Mission nachgehen: aufpassen, auf ein abgelegenes Landhaus. Was nach einer aus Geldnot angenommenen Gelegenheitsarbeit klingt, entfaltet einen Prozess, in dessen Rahmen sich die Geschichte in einen wahren französischen Kriminalroman verwandelt. Schnüffeleien, Misstrauen, ein Geheimnis, ja sogar ein Schatz, dem alle nachjagen. 

Weltbürgerkrieg im Mikrokosmos 

Der Roman ist weniger einer, in welchem die Geschichte stark im Vordergrund steht. Sie ist schön erzählt, auch stellenweise fesselnd, aber dafür langatmig und zäh. Leider auch zu oft oberflächlich. Der Schatz in diesem Roman liegt in seiner Ästhetik. Drieu la Rochelle fängt die Stimmung der französischen Gesellschaft gekonnt ein. Stark sind die Konturen der vielen Personen, von Susini, einem unpolitischen Schwarzmarkthändler, der es mit allen treibt, bis zu Cormont, dem jungen charismatischen Rädelsführer einer umworbenen Gruppe von jungen, für Frankreich (und nur Frankreich allein!) brennenden kampfbereiten Aktivisten. Man kann förmlich riechen, mit wem etwas faul ist, und wer gegen wen konspiriert. In einer Atmosphäre des Verrats und Kampfes tun es alle: Sie wetteifern um die Jugend, um Frankreich, und vor allem um ein verstecktes Waffenlager, dem eigentlichen „Schatz“, dem alle auf der Spur sind. 

In diesem kleinen Landhaus im Norden Frankreichs spielt sich der Weltbürgerkrieg des 20. Jahrhunderts ab. Hier treffen aufeinander die im Dienste Russlands stehenden Kommunisten, die für die Briten/Amerikaner arbeitenden Anhänger de Gaulles und die in den Diensten der Deutschen stehenden Faschisten. Drei Dinge einen sie: Sie stehen alle in den Diensten fremder Mächte. Sie sind allesamt Verräter an Frankreich. Und: Sie repräsentieren alle einen Teil der französischen Gesellschaft und stehen in einer Pattsituation zueinander. Die jungen Idealisten um den Rädelsführer Cormont lassen sich nicht auf eine dieser vielen Seiten ziehen. Sie schauen stattdessen zum Protagonisten Constant auf, der mit Sympathie auf diese durch ein inneres Feuer getriebenen nationalistischen Jugendlichen blickt, die nur für Frankreich allein leben und sterben wollen. 

Ohne Verrat keine Erlösung?

Ein Zentraler Handlungsstrang dieses Romans sind Constants innere Monologe und Grübeleien. Er, der über den politischen Dingen steht, ja eigentlich nichts mehr davon hält, besitzt eine Obsession mit der Geschichte des Judas Iskariot und dessen Verrat an Jesus Christus. Im Laufe des Romans verschmilzt diese biblische Sage mit dem Schicksal des Constant Trubert. Die Rolle des Judas in der Leidensgeschichte des Messias Jesu steht sinnbildlich für Constants Überlegungen zur Rolle des Verrats in der Erlösungsgeschichte. 

Drieu la Rochelle schafft es sehr subtil, den Verrat des Judas mit den politischen Geschehnissen des Romans zu verflechten. Frankreich zu alter Größe zurückzubringen, durch Verrat? Das mag logisch für jeden einzelnen der politischen Akteure sein, die schon längst Verrat im Namen anderer Mächte begehen. Die dem Verfasser dieser Rezension im Nachhinein auffallende Tatsache, nämlich dass die Eroberung eines kleinen Waffenlagers für den Verlauf eines Weltkrieges, sowohl im Roman als auch im geschichtlichen Rückblick, irrelevant ist, bringt Heiterkeit in das Werk, das sich mitunter liest wie ein hektisches Theaterstück. Dass der Verlag im Anhang des Buches die Erstübersetzung eines nie veröffentlichten Theaterstück-Fragments von Pierre Drieu la Rochelle mit dem Titel Judas. Der Mann der sich erhängt abdruckte, macht das hier vorliegende Gesamtkunstwerk von Buch nur noch vollständiger.

„Die Strohhunde“, aus dem Französischen übersetzt, kommentiert und herausgegeben von Dr. Markus Sanke, erscheint im Jungeuropa Verlag (312 Seiten, 25 Euro). Für die Bereitstellung dieses Rezensionsexemplars dankt der Verfasser dem Verlag.

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