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Von Teheran nach München: Im Gespräch mit einer iranischen Studentin

Sarah (Name geändert) ist Masterstudentin an der LMU, davor absolvierte sie in Teheran ihren Bachelor. Vor fast drei Jahren kam Sarah für ihre Weiterbildung nach Deutschland. Obwohl sie sich nicht als allzu politisch sieht, beteiligte sie sich während ihres Studiums im Iran an Protesten und verfolgte die Nachrichten genau. „Es ist mein Land – ich beschäftige mich mit dem Thema“, sagt Sarah. Sie bezeichnet sich als Patriotin: Weil es um ihr Zuhause geht und sie ihr Land liebt, muss sie stets über die Entwicklungen im Iran informiert bleiben.

Das Gespräch führte Bilal Safiou; Bild © Anonym: Demonstrierende Iraner*innen am Marienplatz

Was liebst du an deinem Land?

Ich liebe die Kultur, die Kunst und die Geschichte. Ich liebe die Menschen. Der Iran hat, denke ich, eine eigene Weltanschauung. Natürlich gibt es auch Kritik, in Sachen Frauenrechten und Ähnlichem gibt es Verbesserungsbedarf. Ich sage nicht, dass alles am Iran toll ist. Aber wie gesagt liebe ich die Kultur, Sprache, Literatur, Musik und natürlich die Perserteppiche.

Kommst du aus einer besonders religiösen oder politisch aktiven Familie?

Meine Familie ist nicht besonders religiös und auch nicht politisch. Ich würde sie als „normal“ beschreiben; meine Eltern waren beide auf der Universität. Meine Familie ist aber kein Teil der Elite, sondern gehört eher zur Mittelschicht. Meine Eltern sind weder reich noch arm.

Hast du noch Kontakt zu deiner Familie? Wenn ja: Wie wird dieser aufrechterhalten?

Der Kontakt zur Familie ist wegen der Internetverbindung schwer. Es ist aber nicht wie vor circa drei Wochen. Telefonate sind möglich, aber kompliziert: Wir hören uns nur schwer, meine Familie braucht zum Beispiel spezielle VPNs. Anwendungen wie WhatsApp etc. können sie nicht benutzen.

Hast du dich im Iran politisch engagiert, etwa durch Protest?

Ich habe bei Protesten in Teheran mitgemacht, als ich noch dort studiert habe. Ich war damals noch zwanzig und total begeistert, dass ich endlich mal an einem Protest teilnehmen konnte. Damals war es noch nicht so gewaltsam, aber ich habe zum ersten Mal Blut gesehen: Eine Frau neben mir blutete aus der Nase, sie wurde von einem Polizisten geschlagen. Abgesehen von Protesten diskutierte ich mit Freund*innen, unterzeichnete Petitionen. Gegenüber Student*innen war die Polizei bisher weniger gewalttätig, aber im „Blutigen November“ (Proteste 2019-20) sind bereits viele Leute gestorben. Das waren ungefähr 1500 Menschen, so wie es viele Nachrichtenagenturen berichtet haben.

Wie siehst du die Demonstrationen außerhalb des Iran?

Es gibt Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Im Iran sind die Menschen vereinter, sie sind gemeinsam gegen die Islamische Republik. Die Diaspora hat oftmals ein schlechtes Gewissen: Viele machen sich zum Vorwurf, dass sie in Europa, Amerika oder anderswo ihre Freiheit genießen, während ihre Verwandten in Gefahr leben oder sterben. Sie haben Schuldgefühle, weil es ihnen oft besser geht. Diesmal ist es anders: Die Leute sind viel vereinter.

Hast du auch Personen getroffen, die nach wie vor für die bisherige Regierung sind?

Ich habe in meinem Leben auf jeden Fall Leute getroffen, die die Islamische Republik unterstützen. In Deutschland habe ich bisher welche getroffen, die denken, dass die Regierung lediglich reformiert werden müsse. Vor einem Jahr hat mir das ein Iraner gesagt, laut ihm gebe es keine Alternative. In Deutschland und im Iran gibt es definitiv viele Unterstützer*innen. Hier trauen sie sich aber nicht, ihre Meinung frei zu äußern.

Was sind die Argumente der Befürworter*innen?

Sie haben keine rationalen Argumente. Laut ihnen gäbe es keine Alternative und das Land würde in verschiedene Teile aufgeteilt, sollte es die Regierung nicht mehr geben.

Wie ist deine Einstellung zu Reza Pahlavi? Könnte er deiner Meinung nach zu einer positiven Entwicklung beitragen?

Bisher wollte Pahlavi selbst nicht unbedingt eine Rückkehr zum Schahtum; er wollte Wahlen und Demokratie. Ich meine, dass er seine politische Haltung in den letzten Jahren nicht geändert hat. Er ist außerdem keine Einzelperson, weil hinter ihm eine Gruppe von Politiker*innen, Künstler*innen etc. steht. Er hat also ein Team, darum und weil er einen Plan hat, sehen viele Iraner*innen in ihm die beste Alternative.

Die Gruppe hat ihre Pläne teilweise schon veröffentlicht, sie nehmen die Kritikpunkte der Menschen an. Sie haben ein politisches Programm im Falle des Sturzes der aktuellen Regierung. Viele Menschen sehen in Reza Pahlavi eine vertrauenswürdige und zentrale Person für die Übergangsphase zu den Wahlen und anschließend zur Demokratie. Viele dieser Menschen befürworten das Konzept der konstitutionellen Monarchie oder halten die republikanische Regierungsform für angemessen.

Gibt es neben Reza Pahlavi weitere politische Alternativen?

Ja, aber niemand ist so vertrauenswürdig, medienwirksam und erfahren wie Pahlavi. Es gibt die Reformisten in der Islamischen Regierung, es gibt die MEK (Volksmudschahedin), die aber meiner Meinung nach überhaupt keine Alternative sind. Für mich sind sie sogar gefährlicher als die derzeitige Regierung. Im Iran habe ich keine Anhänger*innen dieser Gruppe getroffen. Ich glaube, sie ist dort nicht beliebt. An sich gibt es keine wirkliche Alternative. Pahlavi führt keine einzelne Partei an. Er hat verschiedene Gruppen zusammengebracht. Ich kenne bisher auch keine andere Partei oder Gruppe, die wie er beziehungsweise sein Team sein kann. Er ist beliebt, das kann man sowohl im Iran als auch in der Diaspora nicht bestreiten.

Was hältst du von Iraner*innen, die pro Trump sind? Hoffst du auf eine eventuelle Unterstützung durch die USA?

Es ist möglich, dass Trump den Iran unterstützt. Das wäre aber nicht aus Gründen der Menschenrechte, sondern aus politischen Interessen; Trump ist weder Erretter noch Prophet, er ist der Präsident der USA und zudem Geschäftsmann. In manchen Bereichen überschneiden sich die Interessen: Die Islamische Republik ist für Amerika, Europa, die Iraner*innen und viele Länder im Nahen Osten eine Bedrohung – vielleicht kann man gemeinsam etwas erreichen. Ansonsten müssen wir, wie früher, alleine kämpfen. Denn das Land gehört uns; in erster Linie ist es unser eigenes Problem. Wir haben 47 Jahre gekämpft und werden weiterkämpfen. Natürlich macht die militärische Stärke der USA Hoffnung. Biden und die Demokrat*innen wollten lieber verhandeln, und das Ergebnis war nicht gut.

Wie siehst du die Berichterstattung in Deutschland zu den Ereignissen im Iran?

Ich habe bemerkt, dass viele deutsche Medien nicht wirklich über diese Revolution sprechen möchten. Die Entwicklungen im Nahen Osten werden immer vor dem Hintergrund anderer Konflikte betrachtet, davon muss man sich auch loslösen können; Menschen sind Menschen. Wenn sie getötet werden, sollte es egal sein, woher sie kommen.

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