Die Frau, die Ernst Jünger die Türen zum französischen Literaturbetrieb öffnete, wäre am liebsten auch seine Frau geworden. In einem geheimen Manuskript legt sie Rechenschaft über ihre toxische Beziehung ab. Der Übersetzer und Publizist Alexander Pschera hat diesen Text nun erstmals veröffentlicht.
Bild und Text: Wenzel Braunfels
1942 las Umm-El-Banine Assadoulaeff Ernst Jüngers Weltkriegsroman In Stahlgewittern und verliebte sich in das in der Erstausgabe abgedruckte Bild des Kriegers und Autors. Banine, so der Autorenname der in Paris lebenden Aserbaidschanerin, schickte ihrem neuen Lieblingsautoren, der sich als für die Briefzensur zuständiger Offizier als Teil der deutschen Besatzungsmacht ebenfalls in Paris aufhielt, ein Exemplar ihres frisch erschienenen Debütromans Nami über ihre Kindheit und Jugend während der Revolutionszeit im Kaukasus. Am 1. April 1943 meldete sich Jünger telefonisch bei Banine und bat um ein Treffen, zu dem es dann auch gleich am nächsten Tag kam. Diese Begegnung sollte ihr Leben für immer verändern: Banine verliebte sich aufs heftigste — und unglücklich in Jünger. Obwohl auch Jünger eine tiefe Sympathie für sie empfand, erwiderte er ihre Liebe nicht in diesem Maße. Banine aber unterwarf sich ihm und wollte ihr Leben in seinen Dienst stellen.
Was sie auch tat: Nach dem Krieg wirkte sie als Übersetzerin und Netzwerkerin in der Pariser Literaturszene, veröffentlicht drei Bücher über Jünger (1951, 1971, 1989) und gilt so als eine Hauptverantwortliche für die französische Jünger-Rezeption. Bis zu ihrem Tod 1992 blieb sie mit Jünger in Kontakt, brieflich, telefonisch, und in persönlichen Begegnungen. In dem bisher unveröffentlichten Manuskript Jünger et moi sowie in ihren Tagebüchern reflektiert sie auf ganz persönliche und intime Weise ihre ungleiche Beziehung. Jenes Manuskript, ergänzt um eine Auswahl aus den Tagebüchern, liegt nun erstmals in Buchform vor, nicht auf Französisch, sondern ediert und ins Deutsche übersetzt von Alexander Pschera.
Liebe ist Dir verboten. Ernst Jünger und ich. Aufzeichnungen 1942-1991 ist ein zweiteiliges Werk. Das übersetzte Manuskript Jünger et moi, begonnen in den 1950er-Jahren, immer wieder unterbrochen, korrigiert, teilweise vernichtet und ergänzt, umfasst 130 Druckseiten. Die ausgewählten Tagebucheinträge aus den Jahren nach Abbruch der Arbeit am Manuskript 1971-1991 umfassen 84 Druckseiten.
Jünger et moi ist größtenteils verfasst in der Form eines Briefes an Jünger, in dem Banine ihr Verhältnis zu ihm reflektiert. Was dabei ans Licht kommt, ist ein in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlicher Blick auf Jünger. Banine liefert das literarische Zeugnis einer Frau, die einerseits von Jünger als Schriftsteller fasziniert und andererseits von Jünger als Mann besessen ist. Während weibliche Zeugnisse über den als Autor für Männer geltenden Jüngers ohnehin rar sind, speist sich aus der persönlichen Beziehung der beiden ein hochgradig subjektives Psychogramm Jüngers, das in weiten Teilen der Jünger-Leserschaft verstörend wirken kann, und wirken wird.
Während Banine von Anfang an betont, dass ihre Liebe zu Jünger keine erotische Leidenschaft ist, dass sie das Sexuelle transzendiert, in den von ihr gewählten klaren Worten, dass sie nicht mit ihm schlafen möchte, möchte sie dennoch seine Frau sein. Dass Jünger zum Zeitpunkt ihres Kennenlernens verheiratet ist, wird als lästiges Hindernis wahrgenommen, weitaus mehr stört sie, dass Jünger stattdessen die deutsch-jüdische Kinderärztin Sophie Ravoux als Pariser Affäre auserwählt hat. In ihrer Eifersucht auf die in ihren Augen hässlichere und menschlich simplere Ravoux trübt sich Banines Jünger-Bild erstmals in der Erkenntnis, dass er ihre absolute Liebe nicht erwidert.
Die eifersüchtige und polemische Auseinandersetzung mit der Konstellation Banine-Jünger-Ravoux macht einen nicht unerheblichen Teil zu Beginn des Manuskripts aus und hinterlässt offenbar eine Wunde, da das Thema auch bis zu Banines Tod gelegentlich wieder aufkommt. Neben dem Mangel an Frauengeschmack, den sie Jünger in diesem Zusammenhang vorwirft, klagt Banine Jünger vor allem dafür an, dass er sie als Kurier von Botschaften und Blumen an Ravoux benutzt. Aus Liebe spielt sie mit und wird dadurch noch mehr gekränkt.
Das Mitmachen aus unerwiderter Liebe und dabei immer wieder gekränkt werden ist das Leitmotiv der Beziehung zwischen Jünger und Banine. Dabei kommt zutage, dass Jünger Banine zwar nicht die Liebe erwidert, ihr aber dennoch immer wieder Hoffnungen auf eine mögliche gemeinsame Zukunft macht. Hoffnungen, die immer wieder zerschlagen werden und die Banine auch dann nicht endgültig aufgibt, als Jünger nach dem Tod seiner ersten Frau Greta von Jeinsen ihr zuerst Versprechungen macht, nur um dann seine Lektorin Liselotte zu heiraten.
Trotz all diesem Hin und Her kommt es dennoch zum unvermeidlichen und einmaligen Höhepunkt: Während eines gemeinsamen Urlaubs erleidet Banine einen Fahrradunfall und während sie mit verletztem Bein zum Liegen gezwungen ist, legt Jünger, ihre Schwäche ausnutzend und selbst schwach werdend, sich zu ihr. Obwohl die Erfahrung für sie unbefriedigend war, sucht sie weiter die Nähe zu Jünger und ist immer wieder über seine Distanzierung enttäuscht. Sie will seine Frau sein und gibt sich als submissive Dienerin, die ihren Geliebten „Effendi“ nennt und für ihn kocht, wann immer sie sich begegnen.
Jünger bleibt der Dreh- und Angelpunkt von Banines Leben. Nicht nur in ihrem unveröffentlichten anklagenden Intimbericht, auch im Tagebuch kehrt sein Name stets zurück. Erst im reifen Alter entwickelt sich ihre Beziehung zu einem Umgang auf Augenhöhe. Sich selbst nicht mehr als erotisch begehrenswert betrachtend, kann Banine Jünger nicht mehr als Frau, sondern als Mensch und Freundin begegnen und auch Jünger gesteht sich zunehmend ein, wie wichtig Banine für ihn war und ist, allem voran als Türöffner der französischen Literaturszene.
Banines Manuskript legt den Fokus auf die toxische Liebesbeziehung der beiden. Auch im Tagebuch scheint dieses Thema immer wieder auf, doch kommen hier interessante Einblicke in das Literaturnetzwerk hinzu, allen voran der Antisemitismusskandal um den Schriftsteller Loius-Ferdinand Celine im Zuge der Veröffentlichung von Jüngers Pariser Tagebüchern.
Liebe ist Dir verboten kann verschiedene Lesergruppen ansprechen. Für die Ernst-Jünger-Forschung ist das Buch ein unerlässliches Korrektiv zum etablierten Jünger-Bild, sowohl als historische Quelle für die Biographieforschung, wie auch als feines Psychogramm aus der Feder einer engen Vertrauten. Unabhängig von Jünger bietet Banine Einblicke in den französischen Literaturbetrieb der Nachkriegszeit. Letztlich lässt sich das Buch auch als die Geschichte einer unglücklichen Liebe lesen, als die Erfahrungen einer „starstruck“ Frau.
Alexander Pscheras Edition legt den Fokus auf Lesbarkeit und historisch-biographische Kontextualisierung. Seine Einleitung liefert genug Stoff, um sowohl die historischen Umstände, wie auch das Personal des Berichts zu überschauen. Zum anderen stellt sie die Bedeutung des Textes für die Jünger-Forschung und die Literaturgeschichte heraus. Eine Vielzahl von Anmerkungen in Form von Endnoten ordnet die im Text erwähnten Personen kurzbiographisch ein und klärt die intertextuellen Bezüge in Banines Text auf. Manche dieser Anmerkungen wirken redundant, bei anderen wünscht man sich mehr Tiefe. Nichtsdestoweniger kann man Banines Text auch lesen, ohne die Anmerkungen nachzuschlagen, was an den editorischen Eingriffen liegt. Pscheras Fokus auf Lesbarkeit macht aus einem Manuskript voller Streichungen und Einschübe ein kohärentes Ganzes, die Tagebucheinträge sind ebenfalls sorgfältig ausgewählt.
Als deutschsprachige Leseausgabe ist dieses Buch hervorragend. Für die literaturwissenschaftliche Arbeit wünscht man sich hingegen eine transparentere Edition mit ausführlichem editorischem Bericht. Für die noch ausstehende französische Ausgabe wäre es eine Überlegung wert, hier von vornherein eine zweisprachige Edition aufzubereiten, die das erhaltene Manuskript vollständig, inklusive, sofern entzifferbar, Streichungen, wiedergibt, Einschübe kennzeichnet und die Textentstehung so gut rekonstruiert, wie das Material hergibt. Für die Jünger-Forschung wäre eine solche Edition ein noch wertvolleres Geschenk als es dieses Buch ist.
Banine: Liebe ist Dir verboten. Ernst Jünger und ich. Herausgegeben und übersetzt von Alexander Pschera. Friedenauer Presse, 2026. 300 Seiten. 28,00 €. Für die Bereitstellung dieses Rezensionsexemplares dankt der Autor dem Verlag.


Mich beschäftigt vor allem, dass Banine Jünger die Türen zum französischen Literaturbetrieb öffnet und dennoch Jahrzehnte darauf wartet, dass er ihr endlich die Tür zu seinem eigenen Leben aufhält.
Das ist eine ziemlich präzise Form ungleicher Arbeitsteilung:
Sie organisiert seine Zukunft. Er verwaltet ihre Hoffnung. 🦌