Der Salzburger Slawist Alexander Höllwerth geht mit seiner jüngst erschienenen Monografie den geistigen Grundlagen des russischen Angriffskrieges auf den Grund. Die Studie ist einzigartig, denn sie erschließt erstmals eine imperiale Linie der russischen Geistestradition, welche nachhaltig den intellektuell-ideologischen Diskurs prägte, ihn verschob und kriegerische Worte schlussendlich zur Tat werden ließ.
Bild und Text: Husham Fellaih und Anna Kleine
Der russische Angriffskrieg die auf Ukraine hat eine unbekannte lange Vorgeschichte. Es ist keine politische, sondern eine ideologische. Alexander Höllwerth untersucht die literarisch-ideologischen Traditionen und Gegenwartsdiskurse in Russland. Ausgehend vom Konzept der „Entgrenzung“, welches er als „Aufheben von Grenzen“ definiert, was als Konsequenz die Entstehung von neuen „Identitätskonstruktionen“ und „Bunten“ Narrationen im Sinne postmoderner Pluralität eröffnet, wird versucht, den Krieg gegen die Ukraine als eine kriegerische Entgrenzung zu verstehen, die durch eine imperiale Identitätskonstruktion gewissermaßen provoziert wird. Das ideologische Denken nimmt damit staatspolitisches Handeln vorweg.
Ausgehend von der Ideologie der „Eurasier“ aus den 1920er Jahren des vorherigen Jahrhunderts werden imperiale Ideologien, welche einen Legitimationsgewinn nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erhielten, quellennah diskutiert. Die irrationalistische Sehnsucht nach dem Absoluten sticht hierbei als Funktionslogik russisch-imperialer Geisteswelten heraus. Die russische Postmoderne, so Höllwerth, trauere einer gescheiterten „Ehegemeinschaft zwischen Idee und Wirklichkeit“ in der marxistisch-leninistischen Ideokratie noch nach. Dass diese zurecht gescheitert ist, würde allerdings nicht akzeptiert werden wollen, weil damit die Grundlagen der politischen Geisteswelt und eine vorhandene antidemokratisch-russische Geistestradition einer Revision unterzogen werden müssten.
An eine Revision glaubt der primär von Höllwerth im Close-Reading untersuchte Autor allerdings kaum. Alle Zeichen stehen bei ihnen auf die Revitalisierung totalitärer, irrationalistischer und imperialer Geisteskategorien. Angefangen beim ultranationalistischen Guru Aleksandr Dugin und dessen Sehnsucht nach quasi-religiöser Erlösung in einer totalitären Konstellation des Politischen. In seiner Geisteswelt gibt es nur Gut und Böse, pro- oder antirussisch, und die Auflösung aller Widersprüche im „Total-Totalitären“ Imperium. Was Dugin mitunter als legitime europäische Philosophietradition und Kritik an westlichen Universalismus verkauft, stellt sich, wie Höllwerth anmerkt, als eine eklektizistische „Alles oder Nichts“ Logik heraus, welche sich unter normalen politischen Umständen in extremistische Politsekten verfängt, aber nicht in gegenwärtigen politischen Diskursen einer Atommacht.
Von der „harten“ Ideologie geht Höllwerth aber auch zur Belletristik als einer „sanften“ Form über. Nicht zuletzt bildet die Untersuchung der Belletristik den slawistisch-literaturwissenschaftlichen Teil des Bandes. Jurij Mamleev und Vladimir Sorokin bilden hier ein postmodernes Antipoden-Paar. Die metaphysisch-realistischen Romane des Mystikers Mamleev bilden die Wiederverzauberung der Welt und ihren stetigen Schritt vorwärts in die totalen Abgründe menschlicher Existenz ab. Hier wird alles zur Pathologie. Hier herrscht das Primat der Metaphysik. Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion werden bewusst aufgehoben, man könnte meinen „entgrenzt“. Sie sind in dieser Hinsicht eine faszinierende Erfahrung, die stark an Borges oder Gustav Meyrink erinnert. Auch wenn, wie Höllwerth anmerkt, sie entgegen Mamleevs Selbstdefinition keine apolitische Lektüre seien, sondern unterschwellig eine ideologische Tiefebene offenbaren.
Im Gegensatz dazu steht der Ansatz von Sorokin, welcher in seinen postmodernen Romanen einerseits versucht die Leere und Zerrissenheit des postmodernen Menschen abzubilden, andererseits auch auf die politisch-totalitären Potentiale einer Sehnsucht nach Heil aufzuzeigen. Insbesondere in den Sorokinschen Dystopien wird dies miteinander verquickt und gewissermaßen entlarvt, explizit dann, wenn sich bei genauerem Hinsehen herausstellt, dass die in den Romanen entworfenen dystopischen Ordnungen die Zerrissenheit und Leere nicht füllen, sondern geradezu erzeugen, nur um sie anschließend politisch zu kaschieren. Mamleev und Sorokin stehen somit für zwei besondere Spielarten der russischen Postmoderne.
Weitere kleinere Kapitel behandeln u.a. das Stalin-Comeback und die darauffolgende Wiederauferstehung eines autoritären Mythos mitsamt der ihm innewohnenden autoritären Denkstruktur. Das Rekurrieren auf den Mythos eines „starken“ Politikers an der Spitze dient im gegenwärtigen russischen Diskurs hierbei auch zur Stabilisierung der Herrschaft Putins, welcher von Parallelisierungen zu Stalin und dem Zweiten Weltkrieg insofern nicht nur aus geschichtspolitischen Gründen profitiert, sondern durch die weitestgehende Glorifizierung der totalitären Vergangenheit auch eine Legitimationsgrundlage für eine totalitäre Zukunft gewinnt.
Wie Politik und Literatur real ineinandergreifen, macht sich aber nicht nur in der Geschichtspolitik bemerkbar, sondern konkret auch an zwei Grenzgängern der gegenwärtigen russischen Literatur: Eduard Limonov und Zachar Prilepin. Ersterer, Dandy und Dichter, wird zum gewaltbereiten Draufgänger und verherrlicht schließlich die Putinsche Politik ab 2014. Ein Fall, in welchem eine ehemalige Quasi-Punk-Künstlerfigur und postmoderner Romanautor sich der Politik als Betätigungsfeld zuwendet und Radikalismus zur Ästhetik erhebt. Zachar Prilepin ist eine Ergänzung gewissermaßen, denn er ist eine logische Konsequenz seines Vorgängers. Der Romanautor porträtiert in seinem Debütwerk verlorene Jugendliche, welche aus Nihilismus und Orientierungslosigkeit schließlich zur Waffe und extremen Formen von Politik greifen. Die autobiografische Note bei Prilepin darf nicht übersehen werden, schließlich kämpft er ab 2014 für russische Separatisten in der Ostukraine. Er gibt sich nicht damit zufrieden, Schreibtischtäter zu sein, und ist gewiss damit eine Versinnbildlichung von jenen Menschen, die in seinen eigenen Büchern als Hauptfiguren auftreten.
Als besonders interessant empfanden wir nach diesen intensiven Darstellungen der irrationalistischen und postmodernen Diskurse das humanistische Plädoyer Höllwerths, welches sein Schlusskapitel bildet. Höllwerth, der sich weder Illusionen über die imperiale Logik der russischen Politik macht noch in ein Freund-Feind Schema verfällt und alles Russische verurteilen und verbannen will, tritt für eine erneuerte Kultur des Dialoges ein. Ob man noch den Kulturaustausch auf Augenhöhe pflegen kann? Die Studien Höllwerths lassen uns skeptisch zurück.

