Filmreihe Rezension

„The Piano Tuner“ – stimmig bis ins Detail

Wenn Filme von Musik handeln, dann fast immer von Menschen, die musizieren oder komponieren. Die Handwerker, die die Instrumente stimmen, kommen da eher selten ins Rampenlicht. Ganz anders bei diesem Film, wo ein junger Klavierstimmer in kriminelle Machenschaften sowie eine große Liebe verwickelt wird – und im Zuge dessen tolles Kino erschafft.

von Pavel Fridrikhs; sämtliche Bilder © Black Bear Pictures

Jazzige Musik im Hintergrund. Schraub. Einwurf von Dustin Hoffman. Der Auftraggeber meldet sich zu Wort. Schraub. Dustin Hoffman wiederholt das eben Gesagte. Das Werkzeug wird neu angesetzt. Genaues Hinhören. Schraub-schraub.

Der Alltag von Niki White (Leo Woodall) verläuft meistens recht einförmig. Gemeinsam mit seinem Mentor Harry Horowitz (Dustin Hoffman) verdingt er sich als einfacher Klavierstimmer in New York. Dabei begegnet er den unterschiedlichsten Menschen und arrangiert sich liebevoll mit Harrys stets unbändiger Redewut. Und auch mit dessen altersbedingt zunehmender Demenz: Als Harry den Code zu seinem Safe vergisst, versucht Niki, ihm mithilfe von Youtube-Tutorials und seinem hochempfindlichen Gehör zu helfen. Siehe da – der Safe ist geknackt, Harry im Glück und Niki hat ein Talent mehr für sich entdeckt.

Eine Gabe oder doch ein Fluch?

Diese Fähigkeit von Niki kommt aber nicht von ungefähr. Er leidet schon seit seiner Kindheit an Hyperakusis, einer chronischen starken Überempfindlichkeit gegenüber lauten Tönen und Umgebungslärm. Entsprechend fein nimmt er alles wahr, was unter seiner Schmerzgrenze liegt. Niki trägt aus diesem Grund spezielle Ohrhörer, die das Treiben um ihn herum filtern, spricht recht wenig, und wenn dann leise. Vor diesem Hintergrund wirkt es so, als hätte er das im Leben gefunden, wo er seine Stärken am besten spielen lassen kann. Es trottet dahin, doch mit Harry an Nikis Seite ist wenigstens für Unterhaltung gesorgt.

Der Beruf als Klavierstimmer führt das ungleiche Duo von Tür zu Tür, von schrulligen Zeitgenoss*innen zu schrulligen Zeitgenoss*innen.

 

Gleichzeitig ist Harry auch eine Belastung: Als er wegen eines Herzinfarkts ins Krankenhaus eingeliefert wird, drohen der Familie hohe Schulden. Nicht ohne Weiteres abbezahlbar, denn Harry hat aus Sturheit seit Jahrzehnten die Preise für seinen Service nicht erhöht. Niki ist entschlossen, die Familie vor dem Ruin zu retten. Er kontaktiert Uri (Lior Raz), einen Dieb, den er bei seinem jüngsten Auftrag kennengelernt und für den er einen weiteren Safe geknackt hat. Ab diesem Moment tauchen Niki und auch der ganze Film in Untiefen ab, die sich zuvor nur erahnen ließen.

Alles Schlag auf Schlag

Wahrscheinlich geht es aus der eben beschriebenen Handlung schon hervor: The Piano Tuner ist ebenso Drama wie Thriller. Die Musik ist energiegeladen, das Editing ist schnell, die Comedy entsteht aus den natürlich wirkenden Interaktionen zwischen den Figuren. Ab dem notgedrungenen Einstieg in die Kriminalität nimmt der Film an Fahrt auf und lässt bis zum Schluss nicht davon ab. Für eine Runtime von knapp unter zwei Stunden steckt in The Piano Tuner extrem viel Handlung. Es grenzt an ein Wunder, dass der Film  dabei nie das Gefühl erweckt, rushed oder inkohärent zu sein. Zugleich wird die Action durch einen zweiten, betont langsameren Handlungsstrang ausbalanciert.

Zunächst eine zufällige Bekanntschaft, entwickelt sich im Verlauf des Films eine zärtliche Liebesgeschichte zwischen Niki und Ruthie.

Einer der täglichen Aufträge von Niki ist es, dass Klavier der örtlichen renommierten Musikschule zu stimmen. Dabei lernt er Ruthie (Havana Rose Liu) kennen, eine ambitionierte Klavierstudentin. In einer der humorvollsten Szenen des Films spielt sie Niki immer komplexere Harmonien und Abfolgen von Tönen ab, um sein absolutes Gehör zu testen. Er haut seine Antworten in Rekordtempo raus, so schnell und präzise, dass es fast unwirklich scheint. In diesem Augenblick deutet der Film zum ersten Mal an, dass Niki nicht nur ein fantastisches Gehör hat, sondern auch auf musikalischer Ebene sehr gebildet ist. Die Antworten und Nikis Art imponieren Ruthie und die beiden kommen sich schon bald näher – unter Anderem während der junge Klavierstimmer sich bereits mit geknackten Safes eine goldene Nase verdient.

Nebenhandlung done right

Die Liebesgeschichte zwischen Niki und Ruthie bremst den Film regelmäßig kontrolliert ab und sorgt für Kontrast zu den Actionszenen in den Tresorräumen der New Yorker Elite. Sie ist aber nicht nur eine leichte Abwechslung, sondern legt auch Nikis Komplexe offen, die seine Krankheit mit sich bringt. Ehemals als Wunderkind betitelt, zerbrach seine Karriere als Pianist an der fortschreitenden Krankheit und verdammte“ Niki zu einem Dasein ohne das Klavierspiel, aber stets in unmittelbarer Nähe zum Instrument. Ruthie kann ausleben, was Niki verwehrt bliebt, und das tut sowohl ihm als auch den Zuschauenden durchaus weh.

Die Filmszenen, in denen Niki diverse Safes knackt, sind à la Oceans Eleven mit dynamischer Musik, schnellen Schnitten und vielen Detailaufnahmen hinterlegt, was sie zu einem Fest für die Sinne macht.

Zum Ende des Films verweben sich die beiden Handlungsstränge von The Piano Tuner. Ruthie kommt hinter Nikis kriminelle Machenschaften, während letztere immer mehr aus dem Ruder laufen. Das, was den Film insgesamt so stark macht, sind aber nicht nur das Pacing oder die Struktur, auch wenn beide gut ausgeführt werden. Auch die schauspielerischen Leistungen können sich sehen lassen. Leo Woodall brilliert als der in sich gekehrte, komplexbehaftete Niki mit einem Herz aus Gold; Dustin Hoffman erhält in der zweiten Filmhälfte kaum Screentime mehr, hinterlässt aber zu Beginn sehr schnell einen positiv-väterlichen Eindruck, und Havana Rose Liu bringt ebenfalls eine solide Leistung als ehrgeizige, musikbesessene Studentin.

Bockstarkes Ganzes

Es gibt allgemein nur wenig, das sich bei The Piano Tuner bemängeln ließe. Bei genauerem Hinsehen fallen da vor allem gewisse plot holes auf, wie etwa ein Code zu einem digitalen Wallet, den sich Niki in einer brenzligen Situation merkt. Als ihn Uri im Anschluss dazu ausgequetscht, nennt er ihm den Code nicht, obwohl er ihn kurz zuvor fehlerfrei eingeben konnte. Warum, wo ihm das ohne nennenswerte Nachteile einige Strapazen ersparen würde? Das wird nie erklärt. Oder auch ein konkreter, kaum glaubwürdiger Zufall ganz am Ende des Films, der an dieser Stelle aus Spoilergründen nicht genannt wird. Das Skript hat einige Lücken, was es wohl zur Schwachstelle des Films macht – bei aller Qualität in den Dialogen.

Dennoch: The Piano Tuner ist ein ausgesprochen unterhaltsames und emotional packendes Filmerlebnis. Das Werk dürfte sowohl Fans von zwischenmenschlichem Drama abholen, als auch solche, die sich als Spannungsfreaks verstehen. Und vielleicht macht es Leo Woodall auch zu einem household name in der englischsprachigen Filmlandschaft. Verdient wäre es allemal.

The Piano Tuner (Originaltitel: Tuner) kam am 2. Juli 2026 in die deutschen Kinos. Der Film hat eine Laufzeit von 109 Minuten und wird in Deutschland vom DCM Filmverleih vertrieben. Aktuell ist The Piano Tuner in zahlreichen Kinos in und um München zu sehen – sowohl in deutscher Synchro als auch im Original mit Untertiteln.

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