Filmreihe

„The Life of Chuck“ – zwischen Herz und Kitsch

Die US-amerikanische Tragikomödie besticht durch bewegende Performances und eine kreative Geschichte. Umso trauriger, dass der Streifen es seinen Zuschauer*innen nicht zumuten möchte, die subtilen Botschaften selbst zu entpacken

Von Pavel Fridrikhs; Bilder © TOBIS Film GmbH & Co. KG

Non-lineares Storytelling galt früher noch als gewagt, heute aber ist die Erzählform an der Tagesordnung. Auch der neue Film von Regisseur Mike Flanagan versucht sich an der Methode, aber diesmal ist das nicht nur eine filmische Entscheidung: Ganz ähnlich istie Kurzgeschichte „Chucks Leben“ geschrieben, und zwar vom weltberühmten Schriftsteller Stephen King. Wenig überraschend, basiert „The Life of Chuck“ auf genau diesem Werk. Der Film beginnt mit dem chronologisch gesehen letzten Akt der Geschichte. Erst  mit der Zeit lernen die Zuschauer*innen also, was zum Finale geführt hat.

Best foot forward

Der Anfang bringt schnell Spannung in den Film: Der Lehrer Marty (Chiwetel Ejiofor) erfährt im Unterricht davon, dass weltweit verheerende Naturkatastrophen ausbrechen. Diese Neuigkeiten versetzen seine Ex-Frau Felicia (Karen Gillan) in Unruhe, die ehemaligen Partner*innen treten wieder in Kontakt und sinnieren über das Leben. Während sich die Lage weiter zuspitzt, tauchen in der Stadt plötzlich Banner auf, die dem Buchhalter Chuck (Tom Hiddleston) für 39 großartige Jahre danken. Weder Marty noch Felicia werden schlau daraus. Müssen sie auch nicht, denn während ihrer abendlichen Zweisamkeit endet das Universum mit einem Wimpernschlag.

Die Geschichte von Marty und Felicia ist ein fesselnder Einstieg in den Film.

Dieser Teil von „The Life of Chuck“ wirft Fragen auf, auf die es erst am Ende des Films oder sogar beim Grübeln danach Antworten gibt. Die Zuschauer*innen müssen sich ein eigenes Bild von der Situation machen und der Beziehung zwischen Marty und Felicia wird dabei angenehm viel Platz eingeräumt. Im zweiten Akt folgt dann die Kehrtwende: Ab hier geht es nun um Chuck selbst, denn der Rest des Films zeigt seine Lebensgeschichte – von der Gegenwart bis zurück in die Vergangenheit. Im Präsens  lässt sich Chuck spontan von einer Straßenmusikerin zum Tanzen verleiten und genießt in einer bewegenden Szene das Leben. Im Perfekt erfahren wir, dass Chuck mit der Zeit alle seine Verwandten verloren und trotz seiner eher künstlerischen Natur Buchhalter geworden ist.

Sentimentalität ahoi und Leinen los!

Eine wichtige Info wird ab hier in den Film eingestreut: Chuck leidet gegenwärtig an einem Hirntumor und hat nicht mehr lange zu leben. An seinem Sterbebett dankt ihm seine Frau für 39 großartige Jahre. Hier klingen bei den Zuschauer*innen die Glocken. Chucks Frau spricht den gleichen Text wie auf den geheimnisvollen Bannern in Akt eins – er spielt in Chucks Kopf, während er sich dem Tode nähert. Marty, Felicia und alle anderen Figuren existieren tatsächlich, aber die konkrete Geschichte mit ihrer Annäherung kreiert Chuck unterbewusst selbst. Zu diesem Ergebnis müssen die Zuschauer*innen von sich aus kommen. Das ist überraschend, denn nahezu alle anderen Weisheiten buchstabiert der penetrante Erzähler in „The Life of Chuck“ förmlich vor: Und so verfällt der Film in Kitsch.

Schon von klein auf pflegt Chuck ein enges Verhältnis zu seinen Großeltern.

Das ist einerseits verständlich, denn bestimmte Aspekte der Handlung sind nicht leicht zu erklären – etwa der verwunschene Dachboden in Chucks Haus und welche Gefahr von ihm ausgeht. Nur hämmert der Erzähler, auch wenn er gut von Nick Offerman gesprochen ist, die zentrale Message des Films und sogar simple Tatsachen zu deutlich rein. Gerade in den Szenen aus Chucks Kindheit, etwa über die ihn prägende Tanzgruppe „Twirlers and Spinners“, wirkt der Erzähler zu sehr wie eine zu stützende Krücke. Es wirkt so, als wäre Regisseur Flanagan sich nicht sicher genug gewesen, dass die Dialoge und das Storyboard den Film tragen können. Dabei sind die Emotionen und das Glück von Chuck durchaus greifbar. Die fesselnden Leistungen der Schauspieler*innen und die sympathischen Figuren machen das Maximum draus. „The Life of Chuck“ ist alleine dadurch ein ausgesprochen warmherziger Film.

Eine verschenkte Chance

Auch technisch macht der Streifen sehr viel richtig. Die Kameraführung ist allgemein solide und die Filmmusik bewegt sich fließend zwischen Radiohead-angehauchten Electronica und der ekstatischen Untermalung der Tanzszenen. Das erweckt viele Momente zum Leben und gibt eine klare Stimmung vor. Dabei grenzt die Musik manchmal auch allzu nah an der Rührseligkeit, aber sie  unterstreicht dennoch passend die Handlung. Das ist besser, als ein ums andere Mal das zentrale Mantra vorgelesen zu bekommen: „I contain multitudes“. Das ist ein Zitat vom amerikanischen Dichter Walt Whitman, das der Film durch eine zu häufige Wiederholung zum Ende hin entwertet. Das Zitat besagt, dass die Menschen um uns herum in unseren Köpfen weiterleben und Teil von uns selbst werden. Etwas, das Chuck bewegt und das der Film in seiner Handlung so auch wiedergibt.

Chuck und seine Tanzpartnerin Cat (Trinity Bliss) auf dem Tanzball in ihrer Schule.

Das Konzept des Eigenlebens der Figuren in Chucks Kopf regt zum Nachdenken an. Symbolisiert der Stromausfall im ersten Akt, dass Chuck seine Außenwelt nicht mehr wahrnimmt? Von wem ist die Beziehung zwischen Marty und Felicia inspiriert? Leben wir denn auch selbst für immer in den Köpfen unserer Mitmenschen und Liebsten weiter? Der Teil des Films fühlt sich neu und frisch an, doch der Rest nimmt die Spannung so sehr raus, dass man sich als Zuschauer*in am Ende doch nur noch bemuttert fühlt. 

„The Life of Chuck“ wird von FilmNation Entertainment vertrieben. Der Film feierte am 6. September 2024 beim Toronto International Film Festival Premiere und erschien am 24. Juli 2025 in den deutschen Kinos.

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1 Kommentar

  1. Leonie Stoll sagt:

    Toll geworden trotz anderen Belastungen 🙂

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