Filmreihe

„Stolen“ – Schonungsloser Einblick in die (menschliche) Natur

Ein schwedischer Coming-of-Age-Film über Rassismus, Klimawandel und die Sámi im Norden Skandinaviens, der zugleich Thriller, atmosphärischer Landschaftsfilm und einfühlsames Drama mit Aktualitätsbezug ist. Nach dem gleichnamigen Roman von Ann-Helén Laestadius, basierend auf wahren Begebenheiten.

von Julia Voigt; Bilder © Netflix

Ein Panorama-Shot über die Weiten Lapplands mit seinen borealen Wäldern, zugefrorenen Seen und weißen Bergketten, während die Nordlichter am Himmel tanzen. Doch der scheinbare Friede in Elle Márjá Eiras Debütfilm Stolen (original schwedisch: Stöld), so wird schnell klar, ist ein trügerischer: Das verschneite Land, durch das die junge Elsa (gespielt von Elin Oskal), das Kind samischer Rentierzüchter, auf ihren Skiern dahingleitet, wird zunehmend durch Bergbau zugunsten von Minen- und Rohstoffabbau unterhöhlt. Währenddessen versetzen gleichzeitig gewalttätige Übergriffe auf Rentiere die Mitglieder der indigenen Bevölkerung Lapplands, die Sámi, in Alarmbereitschaft. Besonders, da die Polizei wenig bis gar nichts unternimmt, um diese Gewalttaten aufzuklären oder gar den Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen…

Von den Abgründen der menschlichen Natur

Zum Ausgangspunkt des Films wird der Mord an Elsas Rentierkalb Nástegallu (samisch: weißer Stern) durch den Jäger Robert Isaksson (Martin Wallström). Die gerade erst Neunjährige ist die einzige Zeugin, wird jedoch unter Mordandrohungen zum Schweigen gezwungen. Der Film hat hier keine Scheu, in die Abgründe der menschlichen Psyche abzutauchen: Erbarmungslos hält die Kamera drauf, wenn Robert und seine Jäger-Kumpanen Rentiere zu Tode foltern, und imitiert damit eindrücklich die Tierquäler selber, welche sich bei ihren Gräueltaten filmen und sie später veröffentlichen. Das Fleisch und die Körperteile der toten Tiere verkaufen sie entweder illegal ins Ausland oder drapieren sie über Straßenschilder in der Gegend, um die Sámi zusätzlich zu verhöhnen und zu provozieren.

Die immer wiederkehrende Frage nach dem Warum beantwortet die inzwischen erwachsene Elsa einer Reporterin in der Mitte des Films selbst: „Sie ermorden unsere Rentiere, weil sie uns hassen. Sie wollen uns da treffen, wo es uns am meisten weh tut.“ Sie bezeichnet die Taten offen als Hassverbrechen gegen ihr Volk, dessen Lebensgrundlage die Rentiere sind. Erinnerungen an ihr eigenes Rentierkalb und die ständig wiederkehrenden rassistischen Ausschreitungen und Rentiermorde haben Elsas gesamtes Heranwachsen begleitet und sie zu einer entschlossenen jungen Frau werden lassen, die zu kämpfen gelernt hat. Und zwar darum, endlich gehört zu werden und, vor allem, den Mörder ihrer Rentiere zur Strecke zu bringen.

Elsas Einsatz schlägt große Wellen – doch das gefällt nicht allen.

Coming-of-Age zwischen Rassismus und Klimawandel 

Dass dieser Weg kein leichter ist und zudem viele persönliche Opfer fordert, beleuchtet der Film ausführlich und auf eine einfühlsame Weise. Elsa muss sich nicht nur gegen Vorurteile und Anfeindungen von außen wehren, sondern auch Spannungen innerhalb der Sámi-Gemeinschaft bewältigen, die sie für ihr forsches und unnachgiebiges Auftreten heftig kritisieren. Denn trotz Elsas Talent und Begeisterung für alles, was mit Rentieren zu tun hat, soll ihr jüngerer Bruder Mathias, der einzige Sohn, entsprechend den alten Sitten die Rentierzucht übernehmen. 

Anhand von Elsas Familie und den Interaktionen zwischen Familienmitgliedern werden im Laufe des Films verschiedene generelle Probleme der Sámi differenziert und vielschichtig behandelt: An Elsas Áhkku (samisch: Großmutter) zeigen sich die Konsequenzen von Zwangsumsiedlung und traumatischen Kindheitserfahrungen in sogenannten Nomadenschulen mit dem Ziel der kulturellen Umerziehung und Kolonialisierung der Sámi. Áhkkus fortschreitende Demenz bringt diese Traumata erneut zur Oberfläche, weshalb sie regelmäßig nachts durch die Gegend irrt und nach ihrer verstorbenen kleinen Schwester sucht, bis Elsa sie finden und wieder nach Hause bringen kann.

Die Konfliktfelder transgenerationales Trauma und Mental Health hingegen werden vor allem an Mathias und Elsas Onkel Lasse auf dramatische Weise deutlich: Beide hadern mit ihren Rollen in der streng traditionellen, patriarchalisch geprägten Kultur (letztere ebenfalls eine Folge von Kolonialisierung und Christianisierung) und nutzen Alkohol als Kompensation. Lasse zerbricht daran; sein Schicksal verweist zudem auf die hohe Suizidrate unter den Sámi, wobei der Film als Hauptgründe Diskriminierung und Perspektivlosigkeit anführt, auch als Folge des Klimawandels: Hier wird der Teufelskreis aus Extremwetter, Fütterungsschwierigkeiten und darauffolgenden notwendigen staatlichen Subventionen deutlich, die kaum ausreichen und zudem die Missgunst der nicht-samischen Bevölkerung schüren. Die äußert sich dann in Rassismus und stellt vor allem die junge Generation vor existenzielle Herausforderungen, was der Film mit erschreckendem Realitätsbezug veranschaulicht. 

Elin Oskal als Elsa in traditioneller samischer Kleidung.

Dass Diskriminierung durchaus auch unterschwellig sein kann, zeigen Szenen auf Jokkmokks Vintermarkned, einem großen Fest und Treffpunkt der nordschwedischen Sámi, der immer mehr zum Touristenmagnet und Hochburg kultureller Aneignung wird: „Für sie [die Touristen] ist alles so exotisch. Sie kolonialisieren unsere Kultur mit ihren Blicken auf uns. Widerlich“, bemerkt Elsa wütend gegenüber ihrer Cousine, wenn Touristen ungefragt ihre Kolts, die traditionellen Wollkleider, befingern und die jungen Sámi-Frauen ungeniert ohne deren Zustimmung fotografieren und filmen. Das unterstreicht die Doppelmoral und Scheinheiligkeit der schwedischen Regierung und Polizei, die die samische Kultur bei Gelegenheit stolz vorführen und kommerzialisieren – und gleichzeitig deren Lebensraum immer weiter eingrenzen sowie Rassismusvorwürfe und Übergriffe unter den Teppich kehren. 

Eine Hommage an die samische Kultur

Die vielen Konflikte und Probleme balanciert Stolen jedoch mit Szenen aus, welche das Gemeinschaftsgefühl und die Liebe zur eigenen Kultur umfangreich aufzeigen: Da sitzen die Frauen der Familie abends zusammen in der Küche und nähen gemeinsam an ihrer Gákti, der traditionellen Kleidung, jedes Familienmitglied egal welchen Alters oder Geschlechts packt mit an, wenn die Hütearbeit und das Füttern der Rentiere auf dem Plan steht und man kommt zusammen, um Bräuche und Traditionen gemeinsam zu feiern. Modernität und Tradition vermischen sich, wenn junge Frauen wie Elsa und ihre Cousine in samischer Tracht selbstbewusst auf dem eigenen Motorschlitten über das weite Land düsen oder Sámi-Jugendliche in ihren Trachten stolz in der Disco zu Musik tanzen, die sowohl Techno als auch traditionelle Klänge vereint. Letzteres ist den finnischen Komponisten Lasse Enersen und Henri Vartio zu verdanken, die einen stimmungsvollen und atmosphärischen Soundtrack geschaffen haben, der voller Elemente samischer Musik wie dem Joik-Gesang oder Trommelspiel ist, gleichzeitig aber auch die thrillerhafte und spannungsgeladene Seite des Films gekonnt unterstreicht. 

Hervorzuheben ist auch die Vorlage, nach welcher der Film entstand: das gleichnamige Buch Stöld der schwedischen Sámi Ann-Helen Laestadius, die in ihren Büchern die samische Kultur literarisch verarbeitet und sich daneben für Minderheitensprachen und Literatur einsetzt. Der lesenswerte Roman ist 2022 unter dem leicht irreführenden Titel „Das Leuchten der Rentiere“ ins Deutsche übersetzt worden. Dadurch geht die tiefere Bedeutung des Originaltitels (deutsch: Gestohlen) verloren, die darauf anspielt, dass Übergriffe und Morde an Rentieren oft nicht als solche anerkannt, sondern lediglich als Diebstahl eingestuft und damit als wenig bedeutend abgetan werden. Dazu passend kann der Film zusätzlich durch ein diverses Ensemble an Schauspielenden punkten – viele, wie die Hauptdarstellerin Elin Oskal oder die Produzentin Elle Márjá Eira sind Sámi und das Nordsamische ist auch eine der Originalsprachen des Films.

Eine Kindheit im Einklang mit der Natur: die junge Elsa beim Spielen.

Fazit: eine klare Empfehlung mit Aktualitätsbezug 

Stolen ist ein gelungener und absolut sehenswerter Film, der samische Kultur, Traditionen und Probleme, mit denen sich die Sámi auseinandersetzen müssen, spannend und zugleich einfühlsam illustriert und dabei besonders für ein internationales Publikum auch mit wenig Vorwissen geeignet ist. 

Wie aktuell viele der im Film thematisierten Konflikte leider bis zum heutigen Tag sind, zeigt auch die spektakuläre Verschiebung der alten 670 Tonnen schweren Dorfkirche von Kiruna, dem Spielort des Films, im Spätherbst 2025, um fünf Kilometer zugunsten des sich immer ausweitenden Bergbaus – für umgerechnet 44 Millionen Euro. Ähnlich wie die Kirche soll Kiruna selbst wegen der profitorientierten Förderung seltener Edelmetalle allmählich plattgemacht werden – ungeachtet der Proteste von Seiten der Sámi, da Weideflächen für den alljährlichen Wanderzyklus ihrer Rentierherden so unbenutzbar werden. Die den Sámi 2020 zugesprochenen Land- und Jagdrechte spielen hier offensichtlich keine Rolle mehr. 

„Stolen“ wurde von Netflix und Colibri Productions produziert und ist seit dem 12. April 2024 auf dem Streamingportal Netflix verfügbar. 

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