Das Metropoltheater hat am Donnerstag, den 02.Juli, zur Premiere von Putsch – Eine Anleitung zur Zerstörung einer Demokratie eingeladen. Das politisch-satirische Theaterstück von Alistair Beaton und Dietmar Jacobs führt durch eine Checkliste zum Erfolg des Populismus und spiegelt dabei unsere Realität bis hin zu den Wortlauten wider.
von Marlene Weiß & Pavel Fridrikhs; Bilder © Metropoltheater München / Marie-Laure Briane
Ein Kanzler und seine Kolleg*innen in Aufruhr, bedrohliche Durchsagen, die von einer Stürmung des Bundestags berichten, und bewaffnete Einsatzkräfte direkt vor der eigenen Nase. Ein Putsch, wie er im Buche steht. Oder doch nicht? Wenn es nach dem neuesten Stück am Metropoltheater München geht, gehört eine solche Vorstellung von einem Putsch in Deutschland der Vergangenheit an. Die Gegenwart könnte da mit einem deutlich schleichenderen Prozess aufwarten – einem, der im Metropoltheater Schritt für Schritt skizziert wird.
Wehret den Anfängen…
Im Mittelpunkt dieses Prozesses steht hier keine Ideologie, keine Organisation und auch keine Partei, sondern ein einzelner Mensch, der den Stein ins Rollen bringt: Stand-Up-Comedian Klara. Sie zieht in ihren Programmen nur zu gern über Wokeness, das Gendern oder auch die LGBTQ-Community her. Als ihr Produzent einen Teil ihrer Sendung nicht ausstrahlt, weil dieser ihm zu heikel und hetzerisch wird, nimmt sie die Sache selbst in die Hand und stellt sich auf Social Media als Opfer der Zensur dar. Was folgt, ist ein Aufstieg Klaras zur Galionsfigur rechter gesellschaftlicher Strömungen, ihr folgenschwerer Einstieg in die Politik und persönliche Zerwürfnisse, die ihr erst spät den Spiegel vorhalten. Doch zu dem Zeitpunkt ist der Putsch schon in vollem Gange.

Das simple Bühnenbild, bestehend aus einem langen Tisch und einer hohen Wand, rückt diese Geschichte in den Vordergrund, wodurch Szenen elegant umgebaut werden konnten, ohne zu unterbrechen. So bleibt der Flow des Stückes stets erhalten, während die Darsteller*innen frei sind, mit dem Tisch zu spielen, auf ihn aufzuspringen, einzuschlagen, ihn nach Belieben zu drehen. All das, während das Bühnenbild im Hintergrund nur noch die Wand als wesentliches Element bereithält: Auf dem machen sich dann je nach Szene entweder Trolls oder der Kanzler samt seiner verdrossenen Belegschaft breit. Um die Handlung abzubilden und voranzubringen, reichen die zwei Objekte vollkommen aus.
Ein komplexes Geflecht
Die weiblichen Hauptcharaktere, sowohl die Protagonistin Klara als auch ihre rebellische Tochter Melanie, werden nämlich gleichzeitig zu Opfern der Geschichte UND zu deren Antagonistinnen. Klara schlägt nach einem wütenden Post eine populistische Richtung ein und wird dafür nicht nur gefeiert, sondern auch instrumentalisiert. Oskar Falk, der Kopf der rechtspopulistischen UHD-Partei, zieht wie ein Marionettenspieler an ihren Fäden, und sie lässt es geschehen. Und auch, wenn Klara als Frau die Demokratie nicht allein zerstört, ist sie dennoch das Aushängeschild ihrer Zersetzung.

Die vierte Wand wird mehrfach gebrochen, um direkt zum Publikum zu sprechen. Die einzelnen Erzählerstimmen sorgen jedoch nicht für Ablenkung, sondern geben einen tieferen Einblick in die Charaktere. Zudem bringen sie eine gewisse Spannung in das Stück, da einige von ihnen als neutrale Erzähler*innen fungieren, noch bevor sie ihre eigentliche Rolle in der Handlung einnehmen. So auch der zuvor erwähnte Oskar Falk, der sich schon früh in sympathischer Manier an das Publikum wendet, lange bevor man seine machtgierige, manipulative Art kennenlernt.
Situationskomik vom Feinsten
Als positiv zu bemerken ist außerdem die physische Comedy der Nebencharaktere, besonders durch Klaras Manager (die es auch braucht, um dem Publikum einen Moment zum Aufatmen zu schenken). Im Allgemeinen ist Putsch – Eine Anleitung zur Zerstörung einer Demokratie unerwartet witzig, gerade in der ersten Hälfte, wo die Situation noch einigermaßen unter Kontrolle ist. Es schadet hierbei nicht, dass viele der Darsteller*innen gleich mehrere Figuren verkörpern und dafür regelmäßig aus einem Kostüm ins andere schlüpfen. Ihre Leistungen sind, wie zuvor bereits angeschnitten, durchweg gut und die Figuren wirken fast allesamt glaubwürdig.
Das heißt aber nicht, dass das vorliegende Stück ohne Schwächen ist. Die wohl auffallendste besteht in seiner Struktur: Es ist als eine Art vereinfachte Checkliste gedacht, wie ein Putsch in der heutigen Zeit ablaufen könnte. Das macht es einerseits einfach, dem Stück inhaltlich zu folgen, andererseits wird dadurch stets sehr explizit, was passiert und wozu es führt. Das nimmt dem Stück eine gewisse Nuanciertheit, die angesichts des komplexen Themas möglich – und auch sinnvoll – gewesen wäre.

Bei allem Lob an die Figuren und Darsteller*innen ist an der Stelle außerdem auch Kritik angebracht: Viele sind komplex und einfühlsam charakterisiert. Dennoch wirken einige von ihnen mehr wie Stereotypen als wie wirkliche Menschen. Darunter etwa auch Oskar Falk, der zwar ein Charmeur, dabei aber unmissverständlich bösartig ist. Ebenso der Nebencharakter, der einen von der Politik nicht abgeholten Landmenschen spielt: Der zeichnet sich ausschließlich durch Wut auf die Regierung und die gegenwärtige Gesellschaft aus. Im Vergleich etwa zu Klara, Melanie und Torben hinterlassen diese Figuren deutlich weniger Eindruck und laden das Publikum vergleichsweise wenig zum Mitfühlen ein.
Schwere Kost, locker aufbereitet
Auch wenn die einzelnen Plotpunkte des Stücks tatsächlich wie eine Anleitung vorgetragen wurden, war das Stück dennoch sehr unterhaltsam und hat einen mit Steinen im Bauch zurückgelassen.
Putsch – Eine Anleitung zur Zerstörung einer Demokratie feierte am 02. Juli 2026 im Metropoltheater München Premiere. Es besteht aus zwei Teilen mit einer rund 15-minütigen Pause dazwischen und dauert insgesamt knapp zwei Stunden. Das Metropoltheater führt es bis zum 14. August 2026 regelmäßig um 19:30 Uhr auf, Karten sind ab 10 Euro im Onlineshop des Theaters erhältlich.

