Warum reagiert Europa zögerlich auf die aktuellen Proteste im Iran? Ein Blick auf Europas festgefahrene Sichtweisen und eine Einladung zu eigenständigem Denken und moralischer Klarheit.
von Nazanin Toufaninezhad; Bild © Anonym: Demonstration an der Arya-Mehr-Universität in Teheran 2026
Während der jüngsten Proteste im Iran, die Ende 2025 begannen und sich in den ersten Januartagen zu einer der größten Bewegungen – und zu einem der schwersten Massaker – in der jüngeren Geschichte des Landes entwickelten, die später unter dem Namen „Revolution des Löwen und der Sonne“ bekannt wurden, wurden wir Zeug*innen des Schweigens vieler Politiker*innen, Medien, Aktivist*innen und Künstler*innen. Einige Aktivist*innen schlugen sogar vor, es sei in diesem Fall besser, über das, was im Iran geschieht, nicht zu sprechen, sich nicht einzumischen.
Woraus aber entsteht diese Abwehr, woher rührt dieses Schweigen? Ich denke, es rührt aus einem Unvermögen, die besondere Situation des Iran zu begreifen.
Der übliche Blick auf den Nahen Osten und seine ständigen Kriege, insbesondere den Konflikt zwischen Israel und Palästina, der für viele westliche Beobachter*innen mitunter fast zu einer Art Unterhaltungsthema geworden ist, zu einem immerwährenden Diskussionsgegenstand und auch einem identitätsstiftenden Bezugspunkt, taugen nicht als Maßstab zum Verständnis des Iran.
Denn ein träger, an vertraute Deutungsrahmen gewöhnter Geist gerät angesichts dessen, was im Iran geschieht, in einen Zustand der Überforderung – und ihm fehlt der Mut, Zusammenhänge neu zu denken und die eigenen gedanklichen Klischees infrage zu stellen.
Einer der Gründe für die Schwierigkeit, die Situation im Iran zu verstehen, liegt in dem orientalistisch geprägten Bild, dem Klischee, das viele Europäer*innen von dem Land haben. Der Iran oder Persien ist im westlichen Bewusstsein verbunden mit den Geschichten aus Tausendundeiner Nacht, mit fliegenden Teppichen, verschleierten Frauen, einer geheimnisvoll-magischen Kultur und weiteren exotischen Elementen.
All diese Eigenschaften, an die sich der europäische, touristische Blick auf den Iran gewöhnt hat, sind jedoch nur schwer in Einklang zu bringen mit dem Wunsch des iranischen Volkes nach Moderne und Rationalität. Und sich einem „Morgenland“ gegenüberzusehen, das nicht mehr in vertraut-fremder Weise exotisch-orientalisch erscheint und kein Reiseprospektziel für spirituelle Sinn- und Selbstfindungstrips mehr darstellt, ist für manch einen weniger attraktiv.
In diesem Zusammenhang lässt sich bei vielen europäischen Politiker*innen auch eine große Beliebtheit der sogenannten Reformer der Islamischen Republik sowie die Bereitschaft zu Verhandlungen mit diesen beobachten. Diese Reformer, die vermeintlich weniger gefährlich erscheinen als die Hardliner, betonen unter anderem, keine Atombombe anzustreben, sie sprechen fließend Englisch und belegen ihre vermeintliche Offenheit sogar durch Frauen in hohen politischen Ämtern (die jedoch einen Doppelhidschab tragen müssen, also eine Kombination aus Kopftuch und Tschador).
Sie verkörpern ein „angemessenes“ und scheinbar ungefährliches Maß an Distanz zur Moderne, das für manche angenehmer ist als der fortschrittliche Iran vor der Islamischen Revolution von 1979. Dies erleichtert es, viele der brutalen Gesetze der Islamischen Republik mit dem Argument „andere Länder, andere Sitten“ zu relativieren. Und wenn Touristinnen sich begeistert in der rosafarbenen Moschee in Schiras mit geblümten Tschadors fotografieren und Selfies machen, lässt es sich auch ganz gut übersehen, dass nur wenige Straßen weiter ein junges Mädchen von der Sittenpolizei gewaltsam festgenommen wird, weil sie etwas zu viel Haar gezeigt hat.
Als die australische Botschafterin im Iran, Lyndall Sachs, im Jahr 2021 in die religiöseste und politisch bedeutendste Stadt der Islamischen Republik, nach Qom, reiste, trug sie dabei einen schwarzen Tschador und erhielt von den Mullahs Geschenke. Während sie so höchst willkommenes Bildmaterial für regierungsnahe Medien produzierte, wusste sie vermutlich nicht, dass im Jahr 1994 die iranische Ärztin Homa Darabi, als Reaktion auf die Ereignisse nach der Islamischen Revolution von 1979, sagte: „Tod uns, die wir ‚Tod dem Schah‘ gesagt haben“ – und sich, um gegen den Zwang zum Hidschab zu protestieren, im Zentrum Teherans verbrannte.
Die Unterstützer der Revolution des Löwen und der Sonne begeben sich in keine Opferrolle. Schon in den ersten Tagen forderten viele Iraner*innen in der Diaspora die Welt auf, zu berichten und an Demonstrationen gegen die Regierung der Islamischen Republik teilzunehmen. Als die Welt ihnen nur wenig Beachtung schenkte, begannen sie eigenständig Briefe zu schreiben, Kommentare zu posten und Petitionen zu starten. Instagram füllte sich mit Videos großer Demonstrationen und Parolen, die mutig das Recht auf Rückerlangung der Heimat einforderten.
Eine naive Sichtweise stellte jedoch den iranischen Patriotismus schnell neben den historischen faschistischen Nationalismus und verweigerte damit der besonderen, nicht in vorgefertigte Denkmuster passenden Situation der Proteste im Iran Verständnis und Anteilnahme – während die Iraner*innen aus völliger Verzweiflung an ihrer gegenwärtigen Situation heraus ihr Leben aufs Spiel setzten und Zehntausende ermordet wurden, nur weil sie Rechte einforderten, deren Besitz im Westen als völlig selbstverständlich gilt.
Freiheit ist ein tief verwurzeltes Konzept im geistig-kulturellen Selbstverständnis des Westens. Aus diesem Grund erwarten die Unterstützer*innen der Revolution im Iran von Europa ein stärkeres Engagement und eine klarere Haltung – eine Haltung, die erkennt, dass das Recht auf Freiheit nicht ausschließlich dem Westen vorbehalten ist, sondern jedem Menschen zusteht, und die den Mut zum eigenständigen Denken sowie die Bereitschaft zeigt, sich dem wahren Gesicht des Iran zu stellen.

